Mehr als 3000 technologische Entwicklungen auf dem Prüfstand und fast 2000 Start-ups auf dem Radar – Das ist die Herausforderung von zehn Jahren Telekom Innovation Laboratories (T-Labs). Jetzt feiert die Forschungsabteilung von Deutschlands größtem Telekommunikationsanbieter Jubiläum. Berlin ist Innovationsnukleus der Telekom.
2004 – Das war eine komplett andere Welt als heute. Die Industrie forschte in geheimen Laboren. Bei deutschen Unternehmen war es zunehmend Mode, Forschung und Innovation nach Fernost zu verlagern. Und Berlin? „Hier gab es viele große Universitäten und viele Hoffnungsträger“, erinnert sich Heinrich Arnold, der Chef der T-Labs. „Es waren viele interessante Leute am Markt, die den Grundstock für die Gründungswelle legten.“
Offene Innovation
In dieses Vakuum trat die Telekom mit zwei Konzepten: Forschung und Innovation sollte offen und in enger Kooperation mit der Technischen Universität (TU) stattfinden. Das war Neuland – sowohl für die Hochschule als auch für das ehemalige Staatsunternehmen.
Die T-Labs bekamen eine repräsentative Adresse auf dem Campus, das ehemalige Telefunken-Hochhaus am Ernst-Reuter-Platz. Inzwischen hat die Telekom fünf Stiftungsprofessuren finanziert. Auch dadurch wurde Berlin für internationale Forscher interessanter. Inzwischen arbeiten 180 Leute aus 45 bis 50 Ländern an den T-Labs. Zusammen mit externen Experten sind es 500. Außer in Berlin forscht die Telekom in Israel in einem Hightech-Park an der Ben-Gurion-Universität und im kalifornischen Mountain View. „Mit dem Open Innovation Modell haben wir einen effektiven Mechanismus gefunden. Wir sind die wahrscheinlich größte Konzernforschungseinheit, die in einem Public-Private-Partnership-Modell läuft“, bilanziert Arnold.
Und wohin geht die Reise? „Früher hat sich der Verbraucher ein Gerät gekauft, das etwas tut. Heute hat man ein Gerät, das Dutzende von Diensten bereitstellt, von denen man zum Zeitpunkt des Kaufs nicht wusste, dass man sie brauchen würde. Dieser Trend wird sich noch weiter verstärken“, sagt Arnold.
Kooperation mit Mozilla
Wie offene Innovation funktioniert, zeigt das neue mobile Betriebssystem der Mozilla-Foundation, die als Anbieter des Internet-Browsers Firefox besser bekannt ist. Das Betriebssystem für das Firefox-Handy erhielt in Berlin seinen letzten Schliff. 180 Entwickler der Foundation waren Ende vergangenen Jahres aus den USA nach Berlin gereist, um gemeinsam mit den Telekom-Experten für Signaltechnik und Sicherheit die erste Version des Betriebssystems fertigzustellen. „Es könnte eigentlich auch Winterfeldt heißen, weil es in unserer Innovation Arena an der Winterfeldtstraße entstanden ist“, sagt Arnold. Inzwischen kann man die Handys in einigen europäischen Ländern und für knapp 80 Euro bei Congstar kaufen.
Das Firefox-Handy ist mehr als nur ein weiteres Smartphone am unteren Ende des Preisspektrums. Im Gegensatz zu Apples iPhone laufen mehr Anwendungen nicht direkt auf den Geräten sondern im Netz und werden auf dem Browser nur angezeigt. Dahinter steht die Idee eines offenen Ökosystems. „Mozilla will ihre Kunden nicht dominieren“, erläutert Arnold.
Die T-Labs sind auf diese modellhafte Kooperation mit Mozilla stolz. „Wir stellen offene Systeme und leistungsfähige Infrastrukturen bereit. Das Mittel zum Zweck ist dabei die Cloud-Technologie, die unsere Rolle aufwertet. Das ist ein viel engeres Zusammenspiel zwischen dem Telekommunikationsunternehmen und dem Dienst auf dem Handy.“
Digitale Geldbörse und TV-App
Ein ähnliches Beispiel ist das Tolino-Tab. Mit dem elektronischen Multi-Media-Tablet haben die T-Labs gemeinsam mit dem Buchhandel eine Art Gegen-Kindl entwickelt, um dem Online-Handelsriesen Amazon Paroli zu bieten. Auch dieses Gerät basiert auf einem offenen System mit Android-Betriebssystem. „Mit den Buchhändlern haben wir die Konzeption und das Produktmanagement für ihr gesamtes Buchsortiment entwickelt“, sagt Arnold. Das Tolino-Tab wurde zuletzt von der Stiftung Warentest mit Gut bewertet.
Weitere Beispiele sind eine sprachgesteuerte Fernbedienungs-App für Entertain, das TV-Produkt der Telekom, die digitale Geldbörse MyWallet oder die Steuerungszentrale für die vernetzte Wohnung, Qivicon, die Lampen, Jalousien und Heizung aus der Ferne regelt.
Allianz für die vernetzte Wohnung
Letztere zeigt, dass solche Erfindungen auch einen Dominoeffekt auslösen können. Der Versicherer Allianz und die Telekom haben kürzlich eine Art Pannenhilfe für Zuhause gestartet: Kunden erhalten Qivicon zusammen mit einem Handwerkerservice und Versicherungsschutz.
„Kernthema ist die Frage, wie wir als Telekom in einer noch digitaleren Zukunft aussehen“, blickt Arnold in die Zukunft. Wie sieht die Interaktion mit den Kunden aus? Ruft er im Callcenter an oder gibt es Selbstbedienung? Muss man in Zukunft ein Gesprächs- oder Internetpaket kaufen, bevor man es nutzt oder nimmt man ein Angebot im Onlineshop erst mal unverbindlich mit?
Neue Infrastrukturen
Um das zu ermöglichen, erforschen die T-Labs neue Infrastrukturen für Datennetzwerke, die heute noch von Geräten (Hardware) gesteuert werden. In der Zukunft sollen Computerprogramme diese Aufgabe übernehmen. „Das sind die richtig großen Nummern“, sagt Arnold und meint damit die so genannten Software Defined Networks. Das könne man sich wie ein Betriebssystem für das Netz vorstellen. „Wenn der Kunde einen Dienst will, kriegt er ihn auf Knopfdruck in Sekundenschnelle. Das ist die Zukunft.“ Momentan testet die Telekom innovative Netzarchitekturen, die dafür die Basis bilden (Tera Stream), die Netzwerke nicht nur kundenfreundlicher sondern auch billiger machen, in Kroatien.
„In zehn Jahren könnte die Telekom eine globale Allianz von Anbietern anführen, was dann sehr viel leichter sein wird, weil man die Netze zusammenschalten kann“, ist Arnolds Vision. „Wir könnten dann einen vertrauenswürdigen internationalen Anbieter von Datencentern und qualitativer Infrastrukturdienstleistung haben, der gemeinsam mit der deutschen Industrie präsent ist.“



