In der Regie des Berliner Fernsehsenders Joiz gibt es drei Arbeitsplätze: einen für den Bildtechniker, einen für den Tontechniker und einen für den Social-Media-Redakteur. Und genauso funktioniert der Sender: Chats, Skype und Postings des Publikuns werden in Echtzeit in die Sendung integriert. „Wir nehmen die Zuschauer ernst, sie bestimmen das Programm“, sagt Geschäftsführer Carsten Kollmus. Social TV nennt sich dieses Konzept, bei dem Internet und Fernsehen miteinander verschmelzen. Social TV wird für immer mehr Unternehmen aus der Start-up-Szene ein Geschäftsmodell.

„Wir machen Fernsehen auf Augenhöhe“, sagt Kollmus. Wenn die Zuschauer es wollen, ist der Chat über die Ringelsocken des Moderators das Thema und nicht das, was er auf den Karten notiert hat, die er während der Sendung in den Händen hält. Das gilt selbst für die Nachrichtenformate. „Wir fragen uns, welche Themen die Diskussionen auf Twitter und Facebook anfeuern“, sagt Florian Sonderegger, der Redaktionsleiter des News-Portals Noiz.

Fernsehen und Internet lassen sich nicht mehr trennen: Fast jeder zweite Befragte gab in der Onlinestudie von ARD und ZDF an, Internet und TV gleichzeitig zu nutzen. Jeder Fünfte ist während des Fernsehens in sozialen Netzwerken unterwegs. Eine Studie des Medienkonzerns Viacom (MTV, Viva) zufolge beschäftigen sich Zuschauer des Senders zehn Mal pro Woche im Netz mit dem Fernsehen: 72 Prozent interagieren mit Freunden und Fans, 57 Prozent folgen oder liken Sendungen, 61 Prozent teilen oder empfehlen diese, Trailer sehen sich 61 Prozent an. Zwei Drittel suchen nach Informationen und jeder Zweite nimmt an Spielen oder Gewinnspielen teil.

Kernzielgruppe sind 15-bis 29-Jährige

Das Sendekonzept von joiz ist interaktiv und transmedial: Der direkte Draht zur Kernzielgruppe der 15-29-Jährigen steht dabei im Fokus. joiz wurde 2010 in der Schweiz gegründet und ist seit August 2013 auch in Deutschland über Internet, Kabel und Satellit sowie über Apps frei zu empfangen – per Livestream und Video-on-Demand.

Ein anderes Konzept verfolgt TVSmiles. Das Start-up aus Berlin nutzt Social TV für Werbezwecke. „Wir verlängern den TV-Spot auf den Second Screen“, sagt eine Sprecherin. Die Apps für Smartphones und Tablets erkennen am Ton, wenn der Fernseher Werbung sendet. Dann zeigt die App zusätzliche Spots, Spiele oder Quizze an. Klickt der Nutzer darauf, erhält er so genannte Smiles, die virtuelle Währung der Plattform mit täglich 100.000 aktiven Nutzern. Die Smiles können im Prämienshop in Gutscheine (Mediamarkt, H&M, Amazon) eingetauscht werden. „Seit dem Start der Plattform haben Nutzer bereits mehrere Hundert Millionen Smiles gesammelt“, sagt die Sprecherin. Bei den Kampagnen seien siebenstellige Umsätze erzielt worden.

Die Zukunft des Second Screen

Das Berliner Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme (Fokus) hebt den Second Screen mit seiner Plattform Famium auf die nächste Stufe. Famium ist gewissermaßen die Nachrichtenzentrale für Internet-Videos aller Art. Es soll das Betrachten freier und lizenzierter Inhalte innerhalb eines Heimnetzwerkes in jedem Internetbrowser ermöglichen – egal ob es sich um gestreamte oder heruntergeladene Inhalte handelt. Jedes Gerät im Netzwerk kann darauf zugreifen: Smartphones, Tablets, Computer, Fernseher. Dabei werden unterschiedliche Rechte einzelner Nutzer berücksichtigt. Und auch die verschiedenen Geräte werden miteinander vernetzt sein und Informationen austauschen können.

„Es wird auch möglich sein, jedem Nutzer personalisierte Werbung zu senden“, sagt Natalie Nik-Nafs, die Sprecherin des Kompetenzzentrums Fame. Jeder Nutzer erhält dadurch seinen eigenen Second Screen für die Interaktion mit dem Absender des Videos: Spielzeug-Werbung für die Kinder, Zalando-Angebote für die Frau und Technik für den Mann.

Nik-Nafs ist vom Siegeszug des vernetzten Fernsehers (Smart-TV) überzeugt. „Was wir heute auf dem Display des Smartphones oder Tablets erleben, werden wir dann auch auf dem großen Bildschirm sehen“, sagt sie. Die Grenze zwischen First und Second Screen wird also verschwimmen und die Dynamik der nahtlos verbundenen Geräte wird neue Formen von Multiscreen-Anwendungen hervorbringen – also Programmen, die gleichzeitig auf mehreren Bildschirmen laufen.

Tellyo verteilt Videoschnipsel in soziale Netze

Auch wer über den Tellerrand der Berliner Start-up-Szene hinaus schaut, erkennt die Perspektiven der neuen Technologie. Vubooo aus London versteht sich als Second Screen für Sportveranstaltungen. Zuschauer sehen ein Spiel, das sie in der mobilen App mit Applaus oder Buh-Rufen kommentieren können. Sie können rote Karten für Spieler fordern und auf Fouls hinweisen.

Mit Tellyo aus Helsinki können Fans einer TV-Sendung Videoschnipsel von 20 bis 30 Sekunden Länge in ihren Netzwerken teilen. Fernsehsender können diese Funktionalität in ihre eigenen Second-Screen-Apps einbauen und damit die Reichweite ihrer Sendung steigern.

wywy erkennt Werbung am Ton

LattoTV aus Tel Aviv streamt personalisierte Videos aus der Internet-Cloud auf unterschiedliche Geräte vom Smartphone bsi zum Smart-TV, verkauft diese auf seiner Plattform und bietet Nutzern die Möglichkeit, Kommentare mit ihren Freunden in sozialen Netzen zu teilen, während sie Videos ansehen. Diese Daten stehen später für Marktforschung und Werbung zur Verfügung.

Die Münchner Plattform wywy gilt als Spezialist für die automatische Erkennung und Synchronisation von Fernsehinhalten. Mittels ihrer Technologie synchronisieren sich TV- und Online-Werbung auf mobilen Endgeräten in Echtzeit miteinander. Auch hier geht es um Interaktion. Werbetreibende können auf Smartphones oder Tablets mobile Werbebanner schalten sowie im Fernsehen gezeigte Produkte online verkaufen. Zu den Kunden zählen Marken wie Vodafone, HTC und die RTL2-Gruppe.

Millionen-Investments in Second Screen

Investments in diese Start-ups zeigen die hohen Erwartungen des Kapitalmarktes in diese Branchen. Latto erhöhte zuletzt um vier Millionen US-Dollar auf insgesamt 15 Millionen. TVSmilies sicherte sich Anfang 2014 fünf Millionen Euro und wywy konnte 5,2 Millionen Euro verbuchen.