TapeTV

Warum Musik-TV im Internet einen große Zukunft hat

Conrad Fritzsch, der Gründer des Internet-Musikfernsehens TapeTV aus Berlin, spricht über seinen neuen Kollegen von der Meinungsplattform Amen, über neue Mitbewerber und die neue Art fernzusehen.

Foto: Jürgen Stüber

Berlin wird Zentrum des Musikfernsehens in Deutschland. Tape.TV sendet bereits seit 2008. Und jetzt eröffnet die Plattform Vevo aus New York ein Büro. Hat Musikfernsehen nach dem Niedergang von MTV und Viva noch eine Chance? Tape.TV-Gründer Conrad Fritzsch ist davon überzeugt, er will das Musikfernsehen neu erfinden und die Zuschauer zu handelnden Personen machen. Dazu hat er die Bewertungsplattform Amen übernmmen. Seine Pläne gehen weit über das hinaus, was Facebook und Co. bieten.

Berliner Morgenpost: Vor welchen Anforderungen steht das Online-Musikfernsehen?

Conrad Fritzsch: Wir betreten gerade das dritte Netz. Das erste war das Google-Netz, die Suche. Als zweites kam schnell Kommunikation ins Netz. Das hat die Art, wie wir miteinander kommunizieren und unseren Anspruch an Kommunikation total verändert. Das dritte Netz ist Entertainment. Und das kommt jetzt. Der Online-VideoAnbieter Hulu explodiert in den USA. Watchever, das Familien-Flatrate-Portal für Fernsehserien, wurde gerade in Deutschland gestartet. Die Leute wollen Entertainment konsumieren. Diese Tür ist aufgestoßen. Wir haben die Hardware und das Netz, um überall Glotzen zu können.

Berliner Morgenpost: Was bringt TapeTV die Übernahme der Bewertungsplattform Amen?

Conrad Fritzsch: Wir brauchen ein besseres Verständnis für Engagement. Wir haben den Rückkanal überall, wo wir Internet haben. Ich kann also mit dem Nutzer eine 1:1-Kommunikation beginnen. Um diesen Dialog zu verstehen und in den Griff zu bekommen, so dass er Spaß macht und der Fernsehgenuss perfekt wird, dazu braucht man Leute, die sich mit diesem Thema Kommunikation mit dem Nutzer beschäftigt haben. Amen-Gründer Felix Petersen und seine Mannschaft haben sich über zweieinhalb Jahre damit beschäftigt.

Berliner Morgenpost: Wo lag das Problem von Amen?

Conrad Fritzsch: Was Amen nicht hatte, war Content. Es wurde dann irgendwann langweilig. Aber was wir haben, ist immer neuer Content. Wenn wir uns zum Beispiel das "Über den Dächern"-Festival ansehen. Da haben wir dieses Jahr ein ganz neues Line-up mit total anderen Künstlern. Wir haben jeden Tag neue Bands. Jeden Tag kommt neuer Content, der neue Druckwellen erzeugt. Die Leute wollen sich über das neue Album von "Daft Punk" streiten.

Berliner Morgenpost: Genügt es denn, Content bereitzustellen?

Conrad Fritzsch: Wir müssen dem Nutzer Engagement ermöglichen, damit er den perfekten Genuss hat – egal in welcher Situation und mit welchem Gerät. Alleine in der S-Bahn oder zu Hause mit Freunden vor dem großen Bildschirm mit guten Bildern. In diesem Dialog müssen wir verstehen, dass der Nutzer möglichst wenig Arbeit hat.

Berliner Morgenpost: TapeTV will also die Kommunikation neu erfinden?

Conrad Fritzsch: Auch da ist das Amen-Team ziemlich gut drin. Wir müssen die digitale Kommunikation um den Content herum weiterentwickeln. Wir müssen lernen, dass jeder Mensch den Wunsch nach Kommunikation im Hier und Jetzt hat. Das Teilen ist ja schon total normal. Jetzt geht es um das Schaffen von Inhalten. Deshalb funktioniert Instagram so gut. Der Nutzer schafft in ein einer Sekunde etwas Kreatives und bekommt digitales Feedback von seinen Freunden.

Berliner Morgenpost: Der Nutzer soll also nicht nur Liken, sondern mitgestalten.

Conrad Fritzsch: Wir werden in Zukunft den Leuten ein Tool geben, wo wir Content zur Verfügung stellen und mit dem Content können sie etwas tun – zum Beispiel Mixtapes herstellen. Wir werden solche Themen-Tapes machen und die Leute können mitmachen. Social ist nicht auf Facebook posten. Social heißt mitmachen. Bisher macht ein Prozent der Nutzer mit. Neun Prozent teilen. 90 Prozent gucken zu. Das ist Entertainment.

Berliner Morgenpost: Social findet aber bisher außerhalb eurer Plattform statt.

Conrad Fritzsch: Das ist die chinesische Mauer. Es ist noch dramatischer. Ein gutes Beispiel ist das, was während des "Tatort" bei Twitter passiert. Das schafft keine Wiederkehrrate. Man hat zwar ein mächtiges Kommunikationstool, das aber langfristige keine Community aufbaut.

Berliner Morgenpost: Und wie wollt ihr diese Mauer niederreißen?

Conrad Fritzsch: Wir werden die Frage stellen, was kann ich mit dem Content tun. Die Werbung fängt gerade an zu verstehen, dass ausgedachte Geschichten nicht funktionieren. Geschichten werden aus der Fiktion ins wirkliche Leben gerückt. Wir müssen in einer viel früheren Phase dafür die Pfleiler konstruieren. Die Frage ist, was wir mit dem Musikvideo und dem Content machen. Man muss die Leute teilhaben lassen. Sie können abstimmen, Dinge hinzufügen oder rausnehmen. Noch habe ich keine Antwort. Ich weiß aber, dass es eine Antwort gibt. Und wir haben den Vorteil, dass wir ein Start-up sind. Wir können ausprobieren, ausprobieren, ausprobieren.

Berliner Morgenpost: Musik-TV ist also kuratiertes Fernsehen?

Conrad Fritzsch: Ja. Es muss so funktionieren, wie beim Italiener. Der merkt sich, ob sich Sardellen mag. Da muss das Internet schlauer werden. So wie es jetzt ist, nervt es nur. Und das zweite ist, dass wie sehen, was unsere Freunde mögen.

Berliner Morgenpost: Aber das macht ja auch Facebook.

Conrad Fritzsch: Genau. Das ist aber nur die Hälfte der Wahrheit. Denn das Neue findet nicht zu mir. Wir stellen eine Blase zur Verfügung. Und die wird immer wieder von Redakteuren gefüllt, weil sie wissen, dies oder das würde dazu passen. Es geht darum, den Leuten eine Musik zur Verfügung zu stellen, in der sie etwas neues entdecken können. Der Kunde surft dann in dieser Blase rum und findet 80 Prozent super, weil er es selbst entdeckt, und 20 Prozent schlecht.

Berliner Morgenpost: Wie sieht es mit dem Schutz der Nutzerdaten ausd?

Conrad Fritzsch: Der Nutzer muss Möglichkeit haben, den Stecker zu ziehen. Denn seine Daten gehören ihm. Die Leute müssen es als Service empfinden, wenn man ihre Daten hat und nicht als Bedrohung. Diese Balance müssen wir finden, sonst können wir nicht langfristig mit den Daten der Kunden arbeiten. Langfristig erodiert das Verständnis von Privatheit. Deshalb kann man bei uns sein gesamtes Datenprofil löschen.

Berliner Morgenpost: Wie sieht das Geschäftsmodell von TapeTV aus – Werbungspots?

Conrad Fritzsch: Nee. Eine Hälfte ist Branded Entertainment (Produktplatzierung, bei dem ein Künstler in der Realität eine Marke präsentiert; d.Red.) . Der Künstler erzählt eine Geschichte und nimmt die Marke mit. Und zwar so sensibel, dass die Botschaft der Marke genau auf das passt, was der Künstler gerade macht. Darin ruht eine große Chance. Wie kann man eine Marke mit einem Künstler verschmelzen, ohne dass der Künstler sich verbiegt und das einzige verliert, was er hat, seine Kredibilität.

Berliner Morgenpost: Aber das ist nicht alles?

Conrad Fritzsch: Das zweite ist Lizenzierung unseres selbst produzierten Content. Wir machen das schon und haben im letzten Jahr "Auf den Dächern" an das ZDF und an 3Sat verkauft. Das wird ein großes Standbein neben Werbung.

Berliner Morgenpost: Und das dritte ist ein Abomodell?

Conrad Fritzsch: Das wird das größte werden. Man macht ein Premium-Paket: Ich zahle monatlich meine Gebühr, dann habe ich alles werbefrei, bekomme es in HD, bekomme Special Content, bekommen eine Premiere früher oder private "Auf den Dächern"-Konzerte. Und da schließt sich wieder der Kreis zum Engagement: Um so mehr die Leute mitachen, um so stärker werden sie zu Botschaftern für TapeTV und Botschafter für Musik. Und das müssen wir auch bei den Subscriptions beachten.

Berliner Morgenpost: Der Videodienst Vevo kommt nach Berlin. Ist das eine Gefahr für TapeTV?

Conrad Fritzsch: Nee. Endlich haben wir mal Konkurrenz. Die haben zwar die Kurationsintelligenz noch nicht und sind reines On-Demand wie YouTube. Es ist gut, dass Tina Funk die Chefin ist. Wir sind beide an Musik interessiert. Mit vereinten Kräften kann man mehr für die Musiker machen.

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