Berliner Morgenpost: Herr Schweitzer, Herr Schwarz, Berlin hat sich zur Hauptstadt für Gründer in Deutschland entwickelt. Schon befürchten manche, die steigenden Mieten könnten dem bald wieder ein Ende bereiten.
Stephan Schwarz: Was wir momentan in Berlin erleben, hat nicht zwingend etwas mit den vergleichsweise niedrigen Lebenshaltungskosten zu tun. Das sieht man an anderen Standorten mit einer bedeutenden Start-up-Szene wie etwa dem Silicon Valley, Singapore, London und Tel Aviv. Dort gehen die Gründer ja auch nicht hin, weil das Leben dort so günstig ist, sondern weil es tolerante und aufgeschlossene Städte sind mit einer hohen Wissenschaftsaffinität.
Eric Schweitzer: In keine andere deutsche Stadt fließt derzeit so viel unternehmerisches Wagniskapital wie nach Berlin. Dieses Geld erhalten junge Unternehmen, die damit langfristig die wirtschaftliche Substanz der Stadt verbessern. Sogar die industrielle Basis wächst derzeit. Dies war über Jahrzehnte die große Schwachstelle Berlins.
Viele Gründer aus dem Ausland entscheiden sich aber bei der Wahl des Standorts bewusst wegen der niedrigen Mieten für Berlin und eben nicht für London, weil sie sich diese Kosten zu so einem frühen Stadium gar nicht leisten könnten.
Stephan Schwarz: Das glaube ich nicht. Natürlich spielen bei einem Start-up wie bei jedem anderen Unternehmen Kosten eine Rolle. Aber sie sind nicht ausschlaggebend. Für diese Firmen geht es im Anfangsstadium vor allem darum, die richtigen Talente zu finden.
Und eben diese talentierten jungen Leute leben derzeit besonders gerne in Berlin, weil sie die Stadt spannend finden.
Stephan Schwarz: Lebenshaltungskosten mögen ein Anziehungsfaktor für Gründer sein, aber bei weitem nicht der entscheidende. Auch die Kulturszene spielt eine wichtige Rolle. Es kommt zwar keiner nach Berlin, weil es hier drei Opernhäuser gibt. Aber die sogenannte Hochkultur und Subkultur ergänzen sich. Das ist auch ein entscheidender Pluspunkt von Berlin.
Wie nachhaltig ist das durch die Gründerszene entstandene Wachstum?
Eric Schweitzer: Der digitale Bereich wird weltweit noch viel stärker werden, weil es sich anders als 2001 nicht um eine Blase handelt. Dieses Mal hat die Digitalisierung die gesamte Gesellschaft erfasst.
Berlins Wirtschaft legt derzeit stärker zu als der Bundesdurchschnitt. Wie lange kann die Stadt das durchhalten?
Eric Schweitzer: 2014 wird Berlin voraussichtlich um bis zu 2,2 Prozent wachsen. Im vergangenen Jahr hat die Wirtschaft um rund ein Prozent dazu gewonnen. Der Bund schafft gerade mal 0,3 Prozent – das ist ein verlorenes Jahr. Berlin dagegen hat es geschafft, über dem Bundesdurchschnitt zu wachsen. Ich bin optimistisch, dass dies so bleibt.
Stephan Schwarz: Am Ende kommt es weniger darauf an, ob das Bruttoinlandsprodukt nun 0,1 Prozentpunkte mehr oder weniger wächst. Entscheidend ist, dass sich Berlin aus wirtschaftlicher Sicht in einem Prozess der Normalisierung befindet. Wir entwickeln uns nun erstmals seit Jahrzehnten so, wie es der Hauptstadt der größten Volkswirtschaft Europas gut zu Gesicht steht. Erstaunlicherweise gibt es in Berlin selbst eine viel größere Skepsis über dieses Phänomen als außerhalb. In anderen Ländern empfindet man es als völlig normal, dass Berlin aufholt. Angesichts der historischen Brüche der Stadt sollten wir uns freuen, aber nicht ständig wundern.
Wodurch wurde der Wachstumsschub ausgelöst?
Eric Schweitzer: Die Landespolitik hat in den vergangenen Jahren einige richtige Entscheidungen getroffen. So gibt Berlin direkt und indirekt 1,7 Milliarden Euro jährlich für die Wissenschaft aus. Das ist im Verhältnis zur Wirtschaftskraft mehr als in jedem anderen Bundesland. Außerdem hat Berlin seine Stärken in der Gesundheitswirtschaft, Mobilität und Kreativität erkannt und diese Bereiche zu sogenannten Clustern definiert. Sie werden nun gezielt gefördert, anstatt wie früher mit der Gießkanne die Fördergelder zu verteilen.
Berlins Wirtschaft lebt aber zu einem großen Teil vom Tourismus und der kann bekanntlich flüchtig sein.
Eric Schweitzer: Die Tourismuswirtschaft hat sich zu einem wichtigen Standbein der Berliner Wirtschaft entwickelt. Berlin ist weltweit „angesagt“. Auch hier stehen wir im internationalen Wettbewerb mit anderen Städten wie Paris und London. Wir werden weiterhin hart daran arbeiten müssen, attraktiv für unser Gäste zu sein.
Stephan Schwarz: Es gibt noch ein weiteres Argument dafür, dass Berlin auch künftig nicht nur Touristen, sondern auch top qualifizierte Arbeitskräfte anziehen wird. International hat Berlin einen hervorragenden Ruf als weltoffene und tolerante Stadt. Hier leben Menschen aus aller Welt friedlich zusammen. Wer heute durch Mitte läuft, hört auf der Straße ebenso viele Menschen englisch, französisch oder spanisch sprechen wie deutsch. Diese Interkulturalität gibt es in diesem Ausmaß in keiner anderen Stadt in Deutschland und ist für Berlin ein großer Vorteil.
Was kann die Politik machen, damit diese Anziehungskraft erhalten bleibt?
Stephan Schwarz: Sie muss weiter in Bildung investieren. Der ehemalige Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner hat hier den richtigen Weg vorgegeben und den Wissenschaftsstandort nachhaltig gestärkt. Ihm ist es zu einem großen Teil zu verdanken, dass es in Berlin heute zwei Exzellenzuniversitäten gibt. Auch muss man der Regierung zugute halten, dass sie trotz eines sehr begrenzten Haushalts die Kulturszene unterstützt. Auch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit hat wesentlich zum guten Image Berlins beigetragen. Er dürfte weltweit einer der bekanntesten Bürgermeister sein und hat das Bild Berlins entscheidend geprägt.
Dann gibt es für die Politik derzeit nicht viel zu tun, außer weiter zu machen wie bisher?
Stephan Schwarz: Ganz so ist es auch nicht. Die öffentliche Verwaltung muss insgesamt wirtschaftsfreundlicher werden. So dauern Genehmigungsverfahren hier sehr viel länger als wünschenswert. Außerdem sollte man hier einen Antrag auch mal auf Englisch abgeben können, wenn Berlin wirklich ein internationaler Standort sein will. Dass dies machbar ist, zeigt sich im E-Government. Durch die elektronische Anmeldung laufen Routinevorgänge wie etwa das Beantragen eines neuen Passes heute sehr viel schneller ab als früher.
Eric Schweitzer: Unser Kernproblem ist immer noch eine zu geringe Wirtschaftskraft im Verhältnis zur Größe der Stadt. Dadurch entstehen viele soziale Probleme. Man muss das Problem bei der Wurzel packen und die wirtschaftliche Substanz der Stadt weiter verbessern. Dieser Prozess findet gerade statt. Die grundsätzliche Einstellung zu Wirtschaft ändert sich, wenn auch nur langsam. Unternehmerinnen und Unternehmer werden nicht mehr als etwas Störendes angesehen, sondern positiv wahrgenommen. Das muss sich weiter fortsetzen. Wir tragen unseren Teil dazu bei, indem wir unser Welcome Center stärken.
Worum geht es bei dem Welcome Center?
Eric Schweitzer: Im Laufe dieses Jahres wollen wir den kompletten Bereich im Erdgeschoss des Ludwig Erhard Hauses umbauen und dort Unterstützung für junge Unternehmer anbieten, die nach Berlin kommen. Damit wollen wir es Gründern so leicht wie möglich machen, ihre Geschäftsidee umzusetzen. In dem Welcome Center finden sie kompetente Ansprechpartner und bekommen einen persönlichen Berater, der ihnen etwa bei den erforderlichen Formularen oder Anträgen hilft. Dafür arbeiten wir mit der öffentlichen Verwaltung und Berlin Partner zusammen.
Wie verlässlich ist die Landesregierung in ihrer Wirtschaftspolitik?
Stephan Schwarz: Der Regierende Bürgermeister steht hinter der Wirtschaftspolitik und das ist immer eine entscheidende Voraussetzung, dass sie auch erfolgreich ist.
Eric Schweitzer: Die jetzige Koalition aus SPD und CDU kümmert sich deutlich mehr um die Belange der Wirtschaft als zuvor die Koalition aus SPD und Linke.
Wann wird die Wirtschaft in Berlin stark genug wachsen, um die Arbeitslosigkeit abzubauen?
Stephan Schwarz: Das tut sie bereits, Berlin ist bei der Arbeitslosenquote nicht mehr das Schlusslicht in Deutschland.
Berlin hat sich gerade mal auf den vorletzten Platz verbessert.
Eric Schweizer: Damit kann man noch nicht zufrieden sein, aber immerhin ist es schon einmal ein Platz weiter vorne. Berlin hat eine Arbeitslosenquote von elf Prozent, der Bund kommt auf sechs und Bayern sowie Baden-Württemberg auf drei Prozent Arbeitslosigkeit. Allerdings hat Berlin in den vergangenen Jahren weitgehend unbemerkt damit begonnen, die Sockelarbeitslosigkeit abzubauen und mehr sozialversicherungspflichtige Stellen zu schaffen. Die Zahl der Arbeitslosen lag im November bereits unter 200.000, dies gilt es zu verstetigen.
Warum zieht sich der Prozess so lange hin?
Eric Schweitzer: Die Langzeitarbeitslosigkeit liegt in Berlin bei 50 Prozent. Dazu kommt ein hoher Anteil an gering qualifizierten Arbeitskräften. Sie können nur schwer vermittelt werden. Hier zeigen sich die Sünden der Vergangenheit. Bildung ist die wichtigste Investition. Doch das wurde in Berlin in der Vergangenheit zu lange versäumt. Ohne duale Ausbildung oder Studium hat ein junger Mensch weder in Berlin noch in Deutschland beruflich eine Chance.
Stephan Schwarz: Gleichzeitig können wir uns natürlich auch nicht damit abfinden, dass die Arbeitslosigkeit so deutlich über dem Bundesdurchschnitt liegt. Darin zeigt sich vor allem die verfehlte Arbeitsmarktpolitik. Die rot-rote Landesregierung hat viel dafür getan, Menschen in sogenannte Ersatzmaßnahmen wie Ein-Euro-Jobs zu bringen. Tausende wurden dort alimentiert, ohne ihre Chancen auf eine richtige Stelle zu verbessern. Die jetzige Landesregierung hat da einen Paradigmenwechsel vollzogen.
Für Berlin wäre es doch jetzt ideal, wenn beispielsweise Amazon kommen und am Stadtrand drei Logistikzentren aufbauen würde.
Eric Schweitzer: Dagegen hätten wir natürlich nichts einzuwenden. Aber ganz grundsätzlich muss Berlin noch besser darin werden, Fachkräfte – auch aus dem Ausland – anzuziehen. Daher dürfen wir nicht nachlassen, auf eine starke Wissenschaft zu setzen und die Willkommenskultur verbessern. Das neue Welcome Center ist ein Teil dieser Strategie.
Wann wird es in Berlin den ersten Dax Konzern geben?
Eric Schweitzer: Damit rechne ich in den kommenden fünf bis zehn Jahren. So macht beispielsweise der vor fünf Jahren in Berlin gegründete Online-Händler Zalando jetzt schon weit über eine Milliarde Euro Umsatz im Jahr. Das hätte damals keiner erwartet.
Aber sein neues Retourencenter baut Zalando kurz hinter der Grenze in Polen und schafft dort Arbeitsplätze.
Eric Schweitzer: Diese Arbeitsplätze könnten wir hier auch gut gebrauchen, aber darum geht es an der Stelle nicht. Seine Unternehmenszentrale hat Zalando in Berlin. Hier arbeiten 1500 top ausgebildete Leute. In Berlin fallen die strategischen Entscheidungen von Zalando, beispielsweise wo künftig investiert wird. Das ist für die Stadt ein großer Fortschritt.




