Gastbeitrag

Ausländische Investoren setzen auf Berlin

Die Hauptstadt zieht immer mehr Kapital aus dem Ausland an und hat München zum Teil schon überflügelt, haben zwei Forscher herausgefunden. Die Zukunft ist vielversprechend.

Die Hauptstadt gilt als neuer deutscher Hot-Spot des Risikokapitals. Finanzmittel fließen in die frisch gegründeten Dienstleistungsunternehmen. Aber auch das Wachstum der Venture-Capital-Firmen selbst ist beachtlich. Die Investitionsflüsse der jüngeren Zeit zeigen aber auch, dass Berlin sich anschickt, München den ersten Rang auf der Anbieterseite streitig zu machen.

„Berlin ist die neue Venture-Capital-Hauptstadt“, titelte der Branchenverband Bitkom im April 2013. Die Stadt konnte weit mehr Investitionen als andere Regionen oder Städte im Jahr 2012 auf sich ziehen. Diese Stärke hat die Beratungsfirma McKinsey in ihrem im Oktober 2013 vorgelegten Report „Berlin gründet“ betont, wo man zugleich kritisch nach der Anwesenheit von genügend Venture-Capital-Investoren fragte. Wie steht es hier im Vergleich zu anderen deutschen Standorten?

Die Gesamtheit aller Venture-Capital-Investitionen in Deutschland ist unbekannt. Auf der Basis von Daten der Unternehmensberatung Majunke Consulting und eigenen Recherchen kommen wir auf 402 Investments, die im Jahr 2012 und im ersten Halbjahr 2013 getätigt wurden. Dabei handelt es sich nur um Investitionen in der frühen Phase, also vor der Gründung von Unternehmen (Seed-Investitionen) beziehungsweise nach der Gründung bis zum Erreichen der Gewinnschwelle (Start-Up-Investitionen).

Von allen Investoren, die in diesem Zeitraum registriert wurden, sind die meisten in München (34) angesiedelt, danach folgt Berlin (29), das zudem noch Potsdam (4) an seiner Seite hat. Auffällig ist, dass in den Berliner Venture-Capital-Firmen mehr Beschäftigte tätig sind als in München. Dies beruht auf dem in Berlin stark vertretenem Geschäftsmodell der Inkubatoren, wie es Rocket Internet, Team Europe und Project A Ventures betreiben.

Investitionen im Umfang von 132 Millionen Euro

Aus diesen Berliner Venture-Capital-Unternehmen wurden Investitionen im Umfang von 132 Millionen Euro getätigt. Auch hier liegt man noch hinter München (170 Millionen Euro), aber deutlich vor allen anderen Städten. Sieht man Berlin und Potsdam als Einheit, dann wurden rund 14 Prozent aller Investitionen von dieser Region aus getätigt, das heißt nur etwas weniger als von München (15,6 Prozent) aus. Die nächstplazierte Stadt ist Bonn (sieben Prozent), von der aus der High-Tech Gründerfonds der Bundesregierung operiert.

Die Berliner Venture-Capital-Unternehmen unterscheiden sich von denen anderer deutscher Standorte durch den hohen regionalen Bezug: 84 Prozent aller Mittel der Berliner Investoren werden hier verausgabt. Das sorgt für einen hohen Mittelzufluss am Standort, bedeutet aber zugleich, dass Berlin kein Venture-Capital-Finanzzentrum für andere deutsche Regionen ist.

Berlin bekommt das meiste Risikokapital

Eine Überraschung enthalten die Daten über Investitionen, wenn man sie nach den Zielorten auswertet. Berlin kann mit Abstand das meiste Risikokapital auf sich ziehen. Etwa 47 Prozent des in Deutschland investierten Geldes flossen im Jahr 2012 und im ersten Halbjahr 2013 nach Berlin. Dies gelang auch, weil die Stadt die wichtigste Zielregion für ausländische Investoren werden konnte. Der Anteil an den deutschen Investitionen nahm jedoch in jedem Vierteljahr ab. Erst das zweite Vierteljahr brachte hier mit einem Anteil von 53 Prozent wieder eine Wende.

Das insgesamt positive Ergebnis unterstreicht den Erfindungsreichtum und die unternehmerischen Fähigkeiten der Berliner Gründerszene. Dies ist auch der Hauptgrund für das Wachstum der Venture-Capital-Firmen. In ähnlicher Weise existierten im Silicon Valley die Risikokapitalgeber nicht als Erste am Standort, sondern sie wuchsen und professionalisierten sich mit der boomenden High-Tech-Industrie. Nachdem die Venture-Capital-Kapitalgeber aber besondere Kompetenzen und eine bedeutende Größe erreicht hatten, konnten sie Finanzierungsfunktionen auch für andere Standorte übernehmen.

Damit lässt sich eine aussichtsreiche Zukunft für Venture-Capital-Investoren am Standort Berlin prognostizieren. Erstens wird die lebhafte Start-Up-Landschaft noch mehr Investoren anlocken. Zweitens entwickelt sich in Berlin ein besonderes Know-how bei der systematischen Entwicklung von Unternehmen. Hier fehlen noch erfolgreiche Ausstiege aus den Investments zu hohen Verkaufspreisen. Aber sobald sich diese einstellen, werden Berliner VC-Firmen ihr Geschäftsmodell stärker exportieren können. Drittens beschäftigt die Berliner Venture-Capital-Szene viele Wissensträger, die weitere Spezialisierungen des Geschäftsmodells und Ausgründungen hervorbringen können.

Forscher Christoph Scheuplein beschäftigt sich am Institut für Geografie der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster mit Stadt- und Regionalforschung.

Wirtschaftsgeograf Patrick Henke hat am Institut für Geografie in Münster seine Bachelor-Arbeit über „Berlin als neue Venture-Capital-Hauptstadt“ geschrieben.