Start-ups

Gesucht wird ein Marshall-Plan für die Berliner Gründerszene

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René Gribnitz

Foto: Massimo Rodari

Der Verein der Berliner Kaufleute und Industriellen (VBKI) will sich für Unternehmer in Berlin öffnen. Das Engagement in der Gründerszene soll verstärkt werden, zur Zeit entsteht ein Aktionsplan.

Der Verein der Berliner Kaufleute und Industriellen (VBKI) verstärkt sein Engagement in der Gründerszene. Eine Arbeitsgruppe unter Leitung des erfolgreichen Internet-Investors Christophe Maire arbeitet an einem Aktionsplan für die heimische Start-up-Szene. Zugleich will der Verein auch aus den eigenen Reihen Investoren für die jungen Unternehmen finden.

Das Engagement ist Teil des Modernisierungskurses, den VBKI-Präsident Markus Voigt seit seinem Amtsantritt 2012 verfolgt. Voigt will den traditionsreichen West-Berliner Verein damit sowohl für die Gründer als auch für Unternehmer in der gesamten Stadt öffnen. Mit Voigt und Maire sprach René Gribnitz.

Berliner Morgenpost: Herr Voigt, Herr Maire, als Brückenbauer zwischen alten und neuen Unternehmen haben sich in jüngster Zeit viele präsentiert. Was unterscheidet die Initiative des VBKI von anderen?

Markus Voigt: Dass es nicht nur schicke Fototermine und Lippenbekenntnisse gibt. Sondern, dass wir etwas bewirken wollen und werden.

Christophe Maire: Wir wollen der Zukunft eine Lobby geben. Anders als in den USA, wo eine große Offenheit herrscht, gibt es hierzulande zu wenige Kontakte zwischen alter und neuer Wirtschaft. Mir fallen auf Anhieb 30, 40 neue Firmen in Berlin ein, die mehr als zehn Millionen Euro Umsatz machen. Hier entstehen Arbeitsplätze. Das ist eine Chance für Berlin, die aber nicht ausreichend wahrgenommen wird. Noch immer spricht man in der Stadt zu sehr über die Lifestyle-Aspekte des Start-up-Lebens aber zu wenig über deren wirtschaftliche Bedeutung.

Wie genau wollen Sie das ändern?

Voigt: Wir wollen einen Berührungspunkt zwischen traditioneller Wirtschaft und den Gründern schaffen. Es gibt ein riesiges Interesse füreinander, aber man kennt sich nicht. Bei traditionellen Unternehmen besteht zum Beispiel ein wahnsinniger Bedarf an IT-Leistungen, der kann aber gar nicht abgedeckt werden, auch weil man gar nicht weiß, dass diese Dienstleistung in der Stadt verfügbar ist.

Gründer brauchen vor allem Geld. Zu Ihren 1500 Mitgliedern zählen viele vermögende Unternehmer. Geht da was?

Maire: Es gibt tatsächlich eine große Lücke zwischen den innovativen Möglichkeiten, die da sind, und dem vorhandenen Kapital. Venture Capital ist in den USA für 20 Prozent neu entstehender Jobs verantwortlich. In Berlin ist ausgerechnet dieses Instrument kaum vorhanden.

Voigt: Damit sich die Gründerszene deutlich schneller und besser entwickeln kann, brauchen wir wesentlich mehr Venture Capital. Wir beobachten, dass unheimlich viele Leute mit einem großen Kapitalvermögen in die Stadt kommen, die angesichts niedriger Zinsen nach Anlagemöglichkeiten suchen. Warum also nicht in junge Berliner Unternehmen investieren, an denen man nah dran ist? Das wollen wir versuchen, zu initiieren. Auch für viele unserer klassischen Unternehmen sind das neue, hochspannende Themen. Wir wollen aus unserem Mitgliederkreis die Leute motivieren, sich an jungen Unternehmen zu beteiligen.

Wird es einen VBKI-Fonds für Unternehmensgründungen geben?

Voigt: Nein, so etwas gehört nicht zu unserem Kerngeschäft. Aber wir können aufzeigen, was alles möglich ist. Wir werden versuchen, innerhalb unseres Netzwerks möglichst vielen interessanten Ideen und Personen eine Plattform zu geben: Einzelunternehmen können sich vorstellen, auch Fonds. Wir haben auch schon auf einer Roadshow Berliner Kapital mit Gründern zusammengebracht, was tatsächlich Investitionen nach sich gezogen hat. Das alles wollen wir verstärken.

Maire: Genügend Venture Capital nach Berlin zu bringen, wird uns die nächsten zehn Jahre beschäftigten. In Europa ist die neue Industrie zu lange unterschätzt worden. Unter den Top100 der Internetunternehmen ist auch heute keines aus Deutschland. Eigentlich bräuchte es einen Marshall-Plan.

Soll das heißen, der Staat soll das richten?

Voigt: Nein, nein. Wir bevorzugen die freien Kräfte des Marktes.

Wenn die freien Marktkräfte bislang nicht in ausreichendem Maß nach Berlin gekommen sind: Spricht das für die Kritiker des Berliner Start-up-Hypes?

Maire: Diese ständige Vorhaltung, dass wir hier nicht in der Lage seien, anständige Unternehmen zu gründen, ist doch Quatsch. Sicher ist man als Berliner auf der Weltbühne zur Zeit der Maverick, der um Aufmerksamkeit kämpfen muss. Aber wir dürfen hier nicht den Fehler machen, immer danach zu fragen, wo das nächste Google ist. Google ist in einem Ökoystem entstanden, in das seit vielen Jahren Milliarden Venture Capital geflossen sind und das heute 20 Mal aktiver ist. Aber das Muster, das gibt es in Berlin. Man hat auch das Gefühl, dass das ganze Talent aus Europa nach Berlin kommt. Darauf muss man aufbauen.

Sie haben gefordert, dass es in Berlin wie in London eine Art Start-up-Botschafter geben soll, der der Gründerszene über die Grenzen der Stadt hinaus ein Gesicht geben soll. Was genau muss man sich darunter vorstellen?

Voigt: Gründer oder Investoren brauchen einen zentralen Ansprechpartner. In der Ausgangsfrage haben Sie das ja formuliert: Es gibt unglaublich viele in Berlin, die eigentlich Gutes im Kopf haben, aber jeder macht das für sich allein und viele nicht nachhaltig. Wir wollen helfen, die Kräfte zu bündeln. Insofern freuen wir uns über den Beschluss der Berliner Politik, die Stadt mit der lange geforderten zentralen Adresse für das Management von Start-up-Fragen auszustatten – die sogenannte „delivery unit“. Allerdings sollte man darauf achten, dass dabei nicht nur ein weiteres Gremium herauskommt, sondern tatsächlich auch eine anerkannte Persönlichkeit den Anliegen der Berliner Gründerszene international ein Gesicht geben kann.