Start-ups

Berliner Tüftler wollen den Schlüsselbund überflüssig machen

Die Post, die Müllabfuhr und auch Privatpersonen könnten in Zukunft auf Schlüsselbunde verzichten. Das Start-up Kiwi hat einen Schlüssel für alles entwickelt. Der funktioniert per Funk und App.

Foto: Jürgen Stüber

Die Berliner Start-up-Szene ist berühmt für Online-Händler wie Zalando, Marketing im Internet und Konsumentenplattformen wie SoundCloud, EyeEm und 6Wunderkinder. Doch es gibt auch andere Start-ups: Tüftler, die an Leiterplatten löten und Hardware entwickeln.

Jetzt organisiert sich die Szene, um sich Gehör zu verschaffen und den Gründern bessere Arbeitsbedingungen zu verschaffen: Das Netzwerk „Hardware Berlin“, der Coworking-Space Betahaus und die Start-up-Konferenz hy! Berlin haben den „Berlin Hardware Accelerator“ gegründet. Er steht jungen Unternehmen offen, die weniger als eine Million Euro Investitionen erhalten haben, weniger als zehn Angestellte haben und weniger als 10.000 ihrer Geräte verkauft haben. Elf Start-ups gehören dem Accelerator an, weitere sind ihm verbunden – wie zum Beispiel Kiwi.

Kiwi öffnet Haustüren – einfach, sicher und ohne Schlüssel. Das Berliner Hardware-Start-up hat erste Pilotprojekte gestartet und sein Projekt in der vergangenen Woche auf der der Start-up-Konferenz TechcrunchDisrupt in Berlin sowie auf dem WebSummit in Dublin (Irland) vorgestellt.

Ein Ersatz für riesige Schlüsselbunde

Kiwi wurde für Mehrfamilienhäuser entwickelt. Die Technologie soll die riesigen Schlüsselbunde ersetzen, mit denen Müllmänner und Postboten unterwegs sind. Sie erleichtert aber auch Bewohnern den Zugang, die schwer bepackt vor Haustüren stehen und keine Hand frei haben, um nach ihrem Schlüssel zu suchen. Der Benutzer muss auf keinen Knopf drücken und die Tür wird vollautomatisch per Funk entriegelt.

Kiwi besteht aus zwei Komponenten: einem so genannten RFID-Transponder-Funkschlüssel und einem Lesegerät. Kleiner als ein Autoschlüssel lässt sich der Transponder in der Jackentasche tragen. „Sobald man sich der zu öffnenden Tür nähert, nimmt der ‚Ki‘ mit dem in die bestehende Schließanlage eingebauten ‚Wi‘ Kontakt auf“, erklärt Gründer Christian Bogatu. „Das ‚Wi‘ entriegelt dann automatisch die Tür, vorausgesetzt, der Ki ist berechtigt.

Die Hardware ist nach Angaben des Anbieters mit nahezu allen gängigen Schließ- und Türsystemen kompatibel. Die kleine Platine mit dem Lesegerät wird von Elektrikern des Start-ups montiert. Alle, die ganz auf einen Schlüssel verzichten wollen, können ihre Haustüre auch mit einer Smartphone-App öffnen.

Die Abkürzung RFID steht für „Radio-Frequenz-Identifikation“. Bei dieser Technologie erzeugt das Lesegerät ein Magnetfeld, das sich verändert, wenn sich der Transponder nähert. Er sendet ein verschlüsseltes Signal an das Lesegerät, welches die Tür öffnet. „Das ist die gleiche Technologie wie im Funkschlüssel zum Öffnen von Autotüren“, sagt Bogatu. Sie sei um ein Vielfaches sicherer als die von herkömmlichen Zylinderschlössern.

Das Ziel: Berlin zur Hardware-Hauptstadt Europas machen

Die Hardware-Unternehmer haben bereits eine Vertriebspartnerschaft mit der Deutschen Post geschlossen. Schon seit Anfang 2012 wird das System in mehreren Pilotprojekten in Deutschland getestet, darunter inzwischen auch bei der Allianz in München und der Deutschen Telekom in Berlin, sowie in größerem Umfang bei Alba, Berlins größtem privaten Abfallentsorgungsunternehmen. Ein Pilotprojekt mit 1000 angeschlossenen Haushalten läuft bereits am Firmenstandort in Berlin.

Der erste Pilot wurde in der Factory, www.factoryberlin.com, installiert, dem Berliner Technologie- und Start-up-Campus. Simon Schäfer, Gründer der Factory, wird in einer Mitteilung mit den Worten zitiert: „Die Kiwi-Technologie hat uns sofort begeistert, weil sie perfekt zu einem Hightech-Projekt wie der Factory passt. Unsere ersten Erfahrungen sind durchweg positiv. Wir sind überzeugt, dass sich Kiwi sehr schnell durchsetzen wird.“

Kiwi.ki wurde im Februar 2012 von den Wirtschaftsingenieuren Claudia Nagel und Christian Bogatu sowie dem Juristen Peter Dietrich gegründet, hat eine Seed-Finanzierung erhalten und spricht nun mit Kapitalgebern, um eine erste große Investitionsrunde im hohen einstelligen Millionenbereich abzuschließen.

Bogatu hat sich das hoch gesteckte Ziel gesetzt, Berlin gemeinsam mit anderen Gründern zur Hardware-Hauptstadt Europas zu machen – also zu einer Metropole, in der technische Geräte entwickelt werden – und Start-ups zu unterstützen. Er gehört zu den Gründern des Netzwerks „Hardware Berlin“, das zusammen mit dem Coworking-Space Betahaus und der Start-up-Konferenz hy! Berlin im Juni 2013 den „Berlin Hardware Accelerator“ ins Leben gerufen hat.

Der Accelerator will junge Unternehmen bei der Realisierung ihrer Visionen unterstützen. Seine Mitglieder werden sich vom 17. bis 23. November zur Hardware Week treffen und ihre Produkte präsentieren. Ein Partner des Accelerators ist der Technologiekonzern Samsung. Der Hightech Gründerfonds gehört zu seinen Unterstützern.