Die Berlin.Macher

Berliner Start-up übersetzt deutsche Behördenformulare

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Julia Friese

Foto: Krauthoefer

Mit „My German Expert“ können Ausländer ohne Deutschkenntnisse Behördenformulare in Englisch, Italienisch oder Französisch ausfüllen. Demnächst sollen mehr Sprachen und Dokumente hinzukommen.

Schweden ist bekannt für sein gutes Bildungssystem. Der Schweiz sagt man ein Faible für Neutralität nach. Und Deutschland? Das steht mit seinem Namen für Bürokratie. „Eine Bürokratie, an der viele internationale Arbeitskräfte schon bei der Anmeldung scheitern“, sagen Salvatore Musina, 32, Halb-Italiener, Halb-Pole, der in Belgien aufwuchs, und v, 29, aus Friedrichshain.

Das Paar lernte sich in Belfast kennen, wo Schlenther damals studierte, seit zwei Jahren sind sie auch Geschäftspartner. „My German Expert“ heißt ihre Firma.

Nach ihrem Studienende 2009 entschieden sich Schlenther und Musina, nach Deutschland zu ziehen. Kaum in Berlin angekommen, staunte Salvatore Musina über die deutsche Meldepflicht: „Ich habe schon in Belgien, Spanien, Italien, Australien und Großbritannien gewohnt, anmelden musste ich mich nirgendwo“, sagt der Gründer. An sich wäre der Aufwand, ein deutsches Anmeldeformular auszufüllen, kein allzu großer, gäbe es da nicht eine kleine, aber signifikante Barriere: „In Berlins Bürgerämtern spricht kaum ein Beamter Englisch“, sagt Salvatore Musina.

Deutsche Anmeldebögen in Englisch, Italienisch und Französisch

Carolin Schlenther hat ihren Freund beim Gang zum Bürgeramt begleitet und ihm vor Ort erklärt, welche Angaben er in welches Kästchen schreiben muss. Andere Meldewillige ohne deutschen Partner kamen daraufhin auf sie zu und baten sie um Hilfe. Zurück in seiner WG berichtet Musina seinem irischen Mitbewohner James McShane, 30, von seiner Bürgeramt-Erfahrung.

Der Mitbewohner konnte auch noch eine Geschichte beisteuern: Seine schwedische Freundin sei im Weddinger Bürgeramt einst in Tränen ausgebrochen, da man sie weder habe verstehen können noch wollen. Die Idee zu My German Expert – einem Online-Werkzeug, das die Anmeldebögen in drei verschiedene Sprachen übersetzt und auf Deutsch ausfüllt – war geboren.

Sechs Monate lang übersetzten Schlenther, McShane und Musina neben ihren regulären Jobs abends deutsche Anmeldebögen in Englisch, Italienisch und Französisch. Das Büro war damals wie heute das heimische Wohnzimmer. „Anfangs hatten wir gedacht, dass sich die Anmeldebögen nur von Bundesland zu Bundesland unterscheiden würden“, sagt Schlenther auf der Couch in ihrem Wohn- und Arbeitszimmer: „Wäre das so gewesen, hätten wir problemlos einen flächendeckenden Service anbieten können. Tatsächlich unterscheiden sich die Anmeldebögen aber von Stadt zu Stadt.“

Zehn Euro kostet der Dienst

Die Gründer konzentrierten sich also auf die sieben größten und zuwanderungsstärksten Städte Deutschlands: Berlin, Hamburg, München, Köln, Frankfurt am Main, Stuttgart und Düsseldorf. „Etwa 700.000 nicht deutschsprachige Ausländer zieht es jährlich in diese Städte“, sagt Musina: „Berlin ist das beliebteste Ziel.“

Das Berliner Anmeldeformular sei auch eines der unkomplizierten: „Beispielsweise kann man sich im Abschnitt ‚Konfession‘ nur zwischen evangelisch, römisch-katholisch und altkatholisch entscheiden. In anderen Städten gab es auch Religionsgemeinschaften zur Auswahl, von denen hatte ich noch nie gehört“, lacht Schlenther.

Die Programmierung des Webdienstes lagerten sie auf die Philippinen aus: „Wir haben uns komplett selbst finanziert, haben keine Investoren oder Fördermittel in Anspruch genommen. Daher hätten wir uns eine deutsche Programmierfirma gar nicht leisten können“, sagt Musina. Die Gewinnschwelle hat das Trio inzwischen geknackt. Während sie ihren Jobs nachgehen, arbeitet der automatisierte Online-Übersetzungsdienst für sie. Zehn Euro kostet der Dienst, bei dem der Meldewillige seine Angaben in einem Menü auf seiner Muttersprache einpflegen und schließlich auf einem deutschen Anmeldeformular ausdrucken kann.

Viele Fragen und verzweifelte E-Mails

„Die meisten unserer Berliner Kunden kommen derzeit aus den USA“, sagt Musina: „Das war eine Überraschung für uns. Wir hätten eher damit gerechnet, dass unser Dienst hauptsächlich von Menschen aus dem europäischen Ausland genutzt werden würde.“ Kommen ihre Berliner Kunden nicht gerade aus den Vereinigten Staaten, interessieren sich vor allem Menschen aus Großbritannien, Italien, Australien und Chile für ihre Dienste.

Da My German Expert viele E-Mails mit Fragen zum Leben und Arbeiten in Deutschland erhält, hat Musina auch einen Blog eingerichtet. Dort beantwortet er die Fragen wie: „Wo finde ich deutsche Stellenausschreibungen für internationale Fachkräfte?“ oder „Wie bekomme ich eine deutsche Steuernummer?“ „Wir erhalten aber auch viele verzweifelte Mails von Menschen, die dringend ein deutsches Visum wollen, aber ihre Chancen nicht einschätzen können“, sagt Musina. „Denen können wir nicht helfen.“

Formulare zur Anmeldung bei der Krankenkasse

Sechs Stunden pro Woche investieren die Gründer in die Pflege der Seite. Künftig soll das aber wieder mehr werden. Ein Ausweiten des Services ist geplant. „Wir würden gerne noch mehr Sprachen und Städte in das System einpflegen und langfristig noch mehr Dokumente anbieten. Vielleicht Formulare zur Anmeldung bei der Krankenkasse“.

Musina zuckt mit den Schultern. Ihr Mitbegründer James McShane wohnt mittlerweile mit seiner Freundin in Schweden. Wer im Internet arbeitet, kann nicht nur von zu Hause, sondern von überall auf der Welt aus arbeiten.