Gastkommentar

Warum Star-Investor Matt Cohler in Berlin investiert

Technologie-Start-ups beginnen zunehmend ihre Karriere in Berlin. Tech-Investor Matt Cohler glaubt, dass die deutsche Hauptstadt bald zum neuen, andersartigen Silicon Valley werden könnte und nennt dafür fünf Gründe.

Foto: Getty Images

Ich glaube, dass Berlin die besten Chancen in der westlichen Welt außerhalb des Silicon Valley hat, der Standort für Technologie-Start-ups zu werden. Ich meine dabei nicht nur einen Ort, an dem ein oder zwei erfolgreiche Firmen gegründet werden – das kann überall passieren. Ich meine einen Ort mit einem gesunden Ökosystem, das durch ein enges Netzwerk der richtigen Leute aufrechterhalten und angetrieben wird – so wie Hollywood der Ort für Entertainment ist, wie es London und New York für große Finanzgeschäfte sind, was Mailand und Paris für die Mode sind und was das Silicon Valley für die Technologie ist.

Ein Ökosystem lässt sich nicht aus dem Nichts erschaffen, so wie sich ein Netz nicht aus dem Nichts knüpfen lässt. Doch mit den richtigen Fäden ist es möglich. Ich glaube, dass jedes dauerhafte kreative Ökosystem fünf Schlüsselelemente besitzt: Pioniere, Macher, die richtige Art Kapital, Rechtsstaatlichkeit und – nicht zuletzt – die Möglichkeit, sich ins Rampenlicht zu stellen. Ob im Finanzwesen, in der Mode, der Technologie oder der Kunst, man braucht immer alle fünf Elemente.

Zu den Pionieren

Jedes kreative Ökosystem braucht sie, um neue Ideen hervorzubringen. Ein Mode-Ökosystem braucht Designer, ein Film-Ökosystem braucht Regisseure. Für Start-ups sind das die Gründer und Unternehmer.

Zu den Machern

Das sind die qualifizierten, kreativen Menschen, die es braucht, um eine Vision in die Tat umzusetzen. In einem Ökosystem für den Technologiezweig sind das Menschen wie Programmierer und Führungspersönlichkeiten.

Die richtige Art von Kapital

Unterschiedliche Ökosysteme brauchen verschiedene Formen und Mengen an Kapital, um ihr Wachstum voranzubringen. In einem Ökosystem für Technologie-Start-ups ist das „richtige“ Kapital Wagniskapital. Investoren sollten dabei eine langfristige Strategie verfolgen und sich als Partner der Unternehmen aufstellen.

Zur Rechtsstaatlichkeit

Ich meine damit ein entwickeltes und verlässliches Rechtssystem, sowie eine Kultur und Gesellschaft, die dieses wertschätzt. Das klingt selbstverständlich, ist es aber in vielen Teilen der Welt leider nicht.

Zum Rampenlicht

Um die besten, talentiertesten, fähigsten und engagiertesten Menschen anzuziehen, müssen die Technologie-Start-ups im Rampenlicht stehen. Das Finanzwesen spielt die Hauptrolle in London, in Hollywood ist es das Entertainment und in Mailand die Mode. Jedes dieser kreativen Ökosysteme hat seine eigene und einzigartige Kultur, Expertise sowie Art, soziale und finanzielle Wertschätzung auszudrücken. Jede dieser Städte hat ein Netzwerk geschaffen, das Menschen anzieht, überzeugt zu bleiben und es Außenstehenden schwer macht, sie wieder wegzulocken. Aus diesem Grund ist Mailand genauso wenig die Hauptstadt der Start-ups, wie Palo Alto und San Francisco es für die Mode sind.

In Berlin herrscht ohne Frage Rechtsstaatlichkeit. Die Stadt ist aufregend, kreativ und ein bezahlbarer Ort zum Leben und Wohnen. Gleichzeitig profitiert Berlin von Deutschlands gesunder Wirtschaft, die eine niedrigere Jugendarbeitslosigkeit aufweist als irgendwo sonst in Europa. Das zieht innovative Unternehmer aus der ganzen Welt an. Und auch internationale Investoren haben die Stadt im Blick.

Entscheidend ist aber, dass Berlin eine Bühne ist, auf der sich noch niemand ins Rampenlicht drängt. Noch ist die Stadt hauptsächlich als Regierungssitz Deutschlands bekannt – wohlgemerkt, noch. Denn das ist auch der Hauptgrund, warum ich denke, dass Berlin die besten Chancen in der westlichen Welt außerhalb des Silicon Valley hat, ein großes, ein globales Start-up-Epizentrum zu werden.

Berlin fehlt noch der Katalysator

Berlin hat alle Grundvoraussetzungen. Was noch fehlt, ist ein Katalysator, ein Funken, der die Flamme überspringen lässt. Im Silicon Valley sind das die Stanford University sowie die Unternehmen Shockley Semiconductor Laboratory und Fairchild Semiconductor. Ein solcher Katalysator treibt die Dynamik an, die aus einzelnen Fäden ein großes Netzwerk entstehen lässt. In Berlin könnte ein Unternehmen dieser Katalysator werden, wenn es sich als Weltmarktführer etabliert, ins Rampenlicht stellt und so Pioniere, Umsetzer, und Kapital anzieht.

Ich glaube, dass SoundCloud und ResearchGate in Berlin eine solche Hauptrolle spielen können (Ich gebe es offen zu: Ich bin Investor und Board Director bei ResearchGate). SoundCloud ist eine Online-Plattform zum Teilen von Musik. Der Dienst wird von vielen Musikern und Hörern besonders elektronischer Musik genutzt und ist der weltweite Marktführer. Auch ResearchGate ist weltweiter Marktführer in seinem Segment.

Während sich frühere Generationen der Berliner Technologie-Start-ups auf den deutschen Markt konzentrierten, sind diese neuen Unternehmen Global Player – Firmen, die den weltweiten Markt bedienen, deren Mitarbeiter international sind und deren Arbeitssprache Englisch ist. Und die Welt schaut hin: Im März besuchte Bundeskanzlerin Angela Merkel den Hauptsitz von ResearchGate in Berlin, und am Dienstag wurde Bill Gates als ResearchGates neuer Investor bekannt gegeben.

Meine Kollegen bei Benchmark und ich sind immer noch davon überzeugt, dass das Silicon Valley der beste Ort auf der Welt ist, um ein Technologie-Start-up zu gründen. Aber wer aus irgendeinem Grund nicht nach San Francisco kommen möchte oder kann, der sollte nach Berlin ziehen.

Der Autor ist Partner bei Benchmark und war führender Investor unter anderem bei Asana, Instagram und Quora.