Besuch bei Start-Ups

Peer Steinbrück lobt Berlin als Gründer-Hauptstadt

SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück probiert bei Berlins Kreativen den Neustart aus dem Pannen-Wahlkampf. In Sachen Fettnäpfchen hat Steinbrück offenbar dazugelernt.

Foto: Sean Gallup / Getty Images

Es war nach den Gesetzen des Bundestagswahlkampfs nur eine Frage der Zeit gewesen, bis auch Peer Steinbrück in Berliner Start-ups auftauchen würde, um mit dem dort versammelten Management-Nachwuchs auf Tuchfühlung zu gehen. Nach Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die sich beide schon auf Besuchstouren öffentlichkeitswirksam in jungen, aufstrebenden Kreativschmieden der Hauptstadt umgeschaut hatten, war am Mittwoch in Mitte nun also der Kanzlerkandidat der Sozialdemokraten an der Reihe.

Die Organisatoren seiner „Länderreise“, die Peer Steinbrück an diesem Tag auf verschiedene Schauplätze in Berlin führte, hatten in Sachen Start-ups das Gründerzentrum Factory an der Brunnenstraße auserkoren. Grundsätzlich schien das die richtige Kragenweite für den Kandidaten zu haben, immerhin hatte sich hier zuletzt gerade der Google-Konzern mit einer Million Euro eingekauft. Kleine, ambitionierte Start-ups wie Toast oder Views haben hier gegenüber dem früheren Mauerstreifen genauso ihren Sitz wie die boomende Internet-Musikplattform Soundcloud.

Vertrauliche Gespräche

Doch während Merkel bei ihrem Besuch Anfang März auch Künstlern bei ihrer Arbeit über die Schulter schauen konnte – natürlich ein dankbares Motiv für die Fotografen – warteten die Gesprächspartner aus der Gründerszene an diesem Mittwoch an einem vorab aufgestellten Tisch hinter präparierten Namenskärtchen auf Peer Steinbrück.

Und: Das Besprochene sollte auf Wunsch der SPD doch bitte vertraulich bleiben. So sah es danach aus, als wollte das hier Regie führende Willy-Brandt-Haus den Kandidaten auch vor sich selbst schützen, nachdem er sich wegen verschiedener missratener Formulierungen – zuletzt vor gut einem Monat mit seiner undiplomatischen Feststellung, bei der Wahl in Italien hätten zwei „Clowns“ gewonnen – die Kritik eingehandelt hatte, wenig kanzlertauglich zu sein.

Steinbrück verspricht Unterstützung für die Kreativ-Wirtschaft

Immerhin versuchte man mit dem ganzen Programm ja gerade den Ausbruch aus einem bislang von Pleiten, Pech und Pannen dominierten Vorwahlkampf, für den Steinbrück mit seinem Hang zur deutlichen Formulierung selbst die Verantwortung trägt.

Der Kandidat wirkte dennoch einigermaßen gelöst, als er nach einem Gespräch mit den Entwicklern der Smartphone-App Mentor (Motto: „Fit werden, die innere Balance finden, Ziele erreichen“) ein paar Sätze in die Kameras sprach und ankündigte, im Falle eines Wahlsiegs die Kreativwirtschaft stärker unterstützen zu wollen.

Der Bund, so seine Idee, könne sich über die KfW-Bank oder andere Förderbanken an Initiativen beteiligen, um entsprechendes Gründungskapital bereitzustellen. Im angloamerikanischen Raum hätten es Start-ups wesentlich leichter, sich Gründungskapital zu besorgen. In den USA sei es durchaus normal, zwei-, dreimal mit Unternehmungen zu scheitern und dann bei neuen Projekten aus gemachten Fehlern zu lernen.

Haudrauf-Rhethorik kommt nicht mehr an

„In Deutschland ist man sehr schnell abgestempelt als Verlierer“, sagte Peer Steinbrück dann noch. Wer wollte, konnte das auch als Anspielung auf die vergangenen sechs Monate seit seiner Nominierung zum Kanzlerkandidaten verstehen. Steinbrück macht ja selber keinen Hehl daraus, dass er sich die ganze Sache anders vorgestellt hatte.

Kein Wunder: Der Klartext und die Haudrauf-Rhetorik, für die er in seinen Zeiten als Bundesminister der Finanzen und auch danach, als er nur noch einfacher Bundestagsabgeordneter war, gerade so geliebt wurde, galten plötzlich als genauso großes Problem wie die hohen Nebeneinnahmen, die er mit seinen Vorträgen erzielt hatte.

Nachdem er wenige Wochen vor der Niedersachsen-Wahl dann auch noch über das zu geringe Kanzlergehalt und den Frauenbonus, von dem Angela Merkel angeblich profitiere, lamentiert hatte, dachten manche Genossen bereits über seine Ablösung nach. Und selbst nach der nur glücklich gewonnenen Wahl hatte Steinbrück mit seinen Sätzen über Italien ja erneut unter Beweis gestellt, dass in Sachen Fettnapf weiter mit ihm zu rechnen ist.

Berlin als Gründer-Hauptstadt wird unterschätzt

So dürften seine Strategen beruhigt gewesen sein, dass er die sechste Station seiner Reise durch alle 16 Bundesländer lieber für politische Ansagen nutzte, die hier immer gut ankommen. Steinbrück forderte, die Hauptstadt nicht ständig schlechtzureden. Berlin dürfe nicht nur als Nehmerland im Länderfinanzausgleich klassifiziert werden.

Die Debatte über den Großflughafen BER lenke davon ab, dass Berlin die Gründer-Hauptstadt sei. Diese Seite komme in der bundesweiten Wahrnehmung oft zu kurz, sagte er, um dann im Live-Interview des Radio-Senders FluxFM in Kreuzberg das gleiche Lied erneut anzustimmen: „Ausländische Beobachter reagieren positiver auf Berlin als wir selbst.

So kann man sich selber runterquatschen.“ Was sein Image in der Öffentlichkeit betrifft, so bleibt sein Motto: „Sie können nichts konstruieren, was die Menschen als unecht empfinden würden.“ Steinbrück fügt allerdings an, diese Haltung schließe „nicht aus, dass man Fehlervermeidung betreibt.“

Lektion gelernt - Humor nicht vergessen

Dass er diese Lektion womöglich tatsächlich gelernt hat, bewies der SPD-Kanzlerkandidat im Deutschen Theater an der Schumannstraße, wo er auf einer Probebühne plötzlich im Planschbecken der Schülerin Antonia Münchow landete, die dort mit neun jungen Kollegen das Stück „2035 oder Mit 40 eröffne ich ein Hotel auf dem Mond“ einstudiert.

„Peer oder Pierre?“, fragt die 19-Jährige etwas despektierlich. Sie dürfe ihn doch duzen, oder? Klar darf sie, und dann soll er schon mit ihr ins Bällebad aus weißen Kugeln eintauchen. Einfach mal, um zu plaudern, auch über Intimes.

Steinbrück macht gute Miene zum bösen Spiel und das sprichwörtliche Theater mit, aber er ist auf der Hut. Drei Dinge soll er nennen, die er in die Zukunft mitnehmen wolle. „Ein Taschenmesser, ,Krieg und Frieden‘ von Tolstoi und eine Flasche Rotwein“, rattert er herunter. Welchen Rotwein, fragt Antonia nach. Steinbrück: „Ich gebe keine Marken mehr zum Besten. Und über Preise rede ich schon gar nicht mehr.“

Noch mal tappt er nicht in die Falle wie im Dezember 2012, als er sagte, dass er eine Flasche Pinot Grigio für nur fünf Euro nicht kaufen würde. Aber seinen Witz und seine Sprachvirtuosität, die versucht er zu behalten. Die letzte Klippe wartete dann abends im Tempodrom auf ihn, wo er sich mit Berlins SPD-Landeschef Jan Stöß treffen wollte – um „Klartext“ zu reden.