Bestelldienstportale

Lieferheld – ein Start-up wie aus der Fabrik

Das Bestelldienstportal Lieferheld hat mehrere Hundert Mitarbeiter, 80 Millionen Euro Kapital – und plant den ersten Gewinn im Heimatmarkt.

Foto: Reto Klar

Nikita Fahrenholz, 28 Jahre alt, ist dem Auftritt nach ein Hybrid. Einige Elemente – gut geschnittenes Sakko und große Uhr am Handgelenk – zählen zur Standardausstattung der höheren Managerkaste. Jeans, Sneakers und fehlende Krawatte wiederum ziehen eine Grenzlinie zur Kleiderordnung alt eingesessener Branchen. Fahrenholz, Geschäftsführer der Bestell-Plattform Lieferheld, ist einerseits Start-up-Unternehmer. Bewegt sich also in einem sozialen Biotop, wo ein legerer Kleidungsstil Nonkonformität und kreatives Chaos signalisiert. Andererseits ist er ein typischer Manager, der ehrgeizige Planziele vorgibt und umsetzen muss. „Wir streben 2013 die Markführerschaft an“, sagt Fahrenholz. Fahrenholz spricht viele solcher Sätze, die so gar nichts von kreativer Start-up-Romantik haben.

Dabei nistet in Bezug auf Start-ups in den meisten Köpfen noch immer ein typisches Muster, das jenseits aller Variationen so aussieht: Jungen Menschen kommt im Alltag eine Geschäftsidee, die via Internet schnell umgesetzt wird. Funktioniert es, stehen am Ende Erfolg und Geldregen für die mutigen Gründer. Jedermann, so die verlockende Botschaft, kann mit einer Idee im Internet reich werden und ganze Wirtschaftsbranchen aufmischen. Viel mehr als ein Mythos ist das nicht.

Wie in der Industrie

Denn immer häufiger ist das Gründen selbst ein durchgeplanter Prozess mit getakteten Abläufen. So, wie man es aus der Industrie kennt. Es gibt Spezialisten, die wie eine Fabrik neue Unternehmen ausstoßen. Die Berliner Fabriken heißen Rocket Internet oder Team Europe. Ihre Produkte nennen sich Zalando oder eben Lieferheld, das von Team Europe auf den Weg gebracht wurde. Lieferheld ist ganz und gar das Produkt einer Start-up-Fabrik. „Wir bringen Kaufverhalten, das schon existiert, ins Internet“, sagt Fahrenholz. Das ist kaum eine kreative Leistung, verlangt aber Entschlossenheit, Kapital und aggressives Marketing.

Team Europe sammelt bei Investoren Geld ein und liefert alle wichtigen Abläufe und Prozesse, wie die Abwicklung des Zahlungsverkehrs. Und es wird ein Team von Managern zusammengestellt, für die zwei Bedingungen gelten: bloß nicht zu alt und zu berufserfahren. Inkubatoren wie Team Europe bevorzugen junge Absolventen von Elite-Unis, die noch nicht zu sehr von Hierarchien und Abläufen etablierter Unternehmen geprägt wurden. Gern genommen werden Unternehmensberater.

Nikita Fahrenholz zum Beispiel hat nach dem Studium ein Jahr lang bei der Unternehmensberatung McKinsey gearbeitet bevor er bei Team Europe anheuerte. Ähnliche Karrieren haben auch die Zalando-Chefs vorzuweisen. Zalando wurde vom Inkubator Rocket Internet aufs Gleis geschoben. Rubin Ritter war nach dem Studium auch kurze Zeit bei McKinsey, bevor er zum Modeversender wechselte. Studiert hat er zusammen mit den anderen Zalando-Chefs an der privaten Wirtschaftshochschule in Vallendar bei Koblenz, einer renommierten Ausbildungsstätte für Jungmanager.

Dünnes Nervenkostüm

Über die Fabrik-Start-ups und ihre smarten Manager rümpfen in der Gründerszene manche die Nase. Die Masche ist vor allem jenen suspekt, die sich als Idealisten verstehen. Der Gründer von 6Wunderkinder lästerte vor einiger Zeit in einem Blogeintrag über Kopisten und rief die „Anti-Copycat Revolution“ aus. Team-Europe-Chef Lukasz Gadowski reagierte seinerseits mit einem Netzkommentar in dem er von einer „asozialen Hetzkampagne“ sprach. Mitunter ist der Nervenkostüm in der Gründerszene recht dünn.

Unabhängig von solchen Streits, die vor allem die Klatschsucht der Branche nähren: Letztlich sind die Start-up-Fabriken von Rocket Internet und Team Europe vor allem konsequent. Die meisten Internet-Gründungen kopieren oder variieren ohnehin die Ideen anderer. Dawanda, Berliner Online-Plattform für Unikate und Kleinserien von Künstlern und begabten Heimwerken, ist vom US-Portal Etsy inspiriert, der Fotodienst EyeEm von Instagram und die großen Vorbilder von Zalando sind der US-Schuhversender Zappo und das Online-Kaufhaus Amazon. Der Musikdienst Soundcloud kann wohl als eines der wenigen Berliner Start-ups für sich in Anspruch nehmen, auf einer originären Idee zu basieren.

Vierkampf in Deutschland

Doch was folgt aus der Tatsache, dass Start-ups – mal mehr und mal weniger deutlich – in aller Regel Kopien sind? Zunächst einmal wird alles daran gesetzt, die Idee eines anderen mit besser abgestimmten Abläufen umzusetzen. Und man muss natürlich die Konkurrenz auf Abstand halten. Besonders zimperlich ist Lieferheld dabei nicht. Aber das ist ein Wesensmerkmal der Online-Lieferplattformen. Zwischen Lieferheld und den Konkurrenten Lieferando, ebenfalls aus Berlin, und Pizza.de aus Braunschweig geht es robust zu. Das sei ein „komischer Markt was die Aggressivität angeht“, räumt Fahrenholz ein.

So kann man das sehen. Seit der Gründung von Lieferheld im Jahr 2010 jedenfalls waren Anwaltskanzleien gut damit beschäftigt, Abmahnungen aufzusetzen und zwischen den Kombattanten hin und her zuschicken. Lieferando erhob den Vorwurf der Cyberattacke, Lieferheld konterte durch die Muttergesellschaft Delivery Hero mit Unterlassung. An Konkurrent Pizza.de musste Lieferheld schon mal zahlen, weil Kundendaten kopiert wurden.

Auf dem deutschen Markt für Online-Essenbestellungen wird, obwohl es ein noch junger Wirtschaftszweig ist, hart gerungen. Es ist ein Vierkampf zwischen Lieferheld Pizza.de, Lieferando und Lieferservice. Auf der einen Seite geht es darum, möglichst viele Restaurants an seine Plattform zu binden. Lieferheld spricht von 7000 Lieferdiensten, die man in Deutschland habe. Für jeden hungrigen Kunden, der über Lieferheld Pizza oder Sushi bestellt, kassiert Fahrenholz eine Provision von den Restaurants. Wer einmal sein Essen online bestellt hat, tut es immer wieder, sagt Fahrenholz. Derzeit seien es aber erst zwischen zehn und 20 Prozent der deutschen Essen-Besteller.

Gewinnschwelle in Deutschland

Hat Lieferheld einmal die Daten eines Kunden, wird anhand seiner Bestellungen ausgiebig sein Speiseprofil analysiert. Aus den Daten werden Restaurantempfehlungen. Im Idealfall, sagt Fahrenholz, solle Lieferheld aus Vorlieben und Standort des Nutzers stets die besten Restaurantempfehlungen liefern. Bescheiden geben sie sich nicht bei Lieferheld. „Wir wollen mit unserer Idee eine Art Google des Essenversendens werden“, sagt Fahrenholz.

Was leicht größenwahnsinnig klingt, beschreibt die professionelle Konsequenz, mit der ein Fabrik-Start-up sein Geschäft betreibt. Das Geschäft wird von vornherein international betrieben. Lieferheld ist nunmehr der deutsche Zweig der global ausgerichteten Delivery-Hero-Kette, über deren Portal in 12 Ländern jeden Monat rund 25 Millionen Euro umgesetzt werden. Das alles passiert bislang verlustreich. Immerhin in Deutschland wolle man Mitte dieses Jahres profitabel werden. „Die Schwelle dazu haben wir erreicht“, sagt Fahrenholz.

Die Lieferheld-Invasion wird von viel Geld gespeist. 80 Millionen Euro wurden von Investoren eingesammelt. Das Fabrik-Start-up nimmt eine Entwicklung gemäß Masterplan. Fahrenholz formuliert es im Managersprech: „Wir wollen Global Category Leader werden.“ Lieferheld will der weltgrößte Essensbesteller werden. Auch in China und Südkorea versuchen sich die Lieferhelden schon.