Papst Benedikt XVI. hat zum Auftakt seines Deutschlandbesuchs die zunehmende Gleichgültigkeit gegenüber der Religion beklagt. Bei seiner mit Spannung erwarteten Rede im Bundestag rief das Oberhaupt der katholischen Kirche die Politiker zudem zu mehr Gerechtigkeit und Frieden auf. Dabei lobte er auch die Grünen. Zuvor hatte Benedikt XVI. sich zu Gesprächen mit Bundespräsident Christian Wulff und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) getroffen.

Mehrere Tausend Menschen demonstrierten gegen den Papst, die Proteste blieben aber zunächst friedlich. Am Abend feierte Benedikt XVI. im Olympiastadion vor rund 61.000 Gläubigen eine Messe, wo er die Menschen dazu aufrief, in der Kirche zu bleiben. „Wer glaubt, ist nicht allein“, sagte er. Am Freitag reist der 84-Jährige nach Erfurt, Samstag nach Freiburg.

In seiner rund 30-minütigen philosophisch geprägten Rede über die Grundlagen des freiheitlichen Rechtsstaats sagte der Heilige Vater im Bundestag, letzter Maßstab eines Politikers für seine Arbeit dürfe „nicht der Erfolg und schon gar nicht materieller Gewinn sein. Der Erfolg ist dem Maßstab der Gerechtigkeit, dem Willen zum Recht und dem Verstehen für das Recht untergeordnet.“ Die Politik müsse „Mühen um Gerechtigkeit sein und so die Grundvoraussetzung für Frieden schaffen“. Er erinnerte an die Zeit des Nationalsozialismus, der den Staat zum Instrument der Rechtszerstörung gemacht habe.

80 Abgeordnete fehlen bei der Rede

Der Papst wurde vom Bundestag mit Applaus begrüßt. Er machte klar, dass er die Einladung auch als politische Würdigung des Vatikan versteht: „Die Einladung zu dieser Rede gilt mir als Papst, als Bischof von Rom, der die oberste Verantwortung für die katholische Christenheit trägt. Sie anerkennen damit die Rolle, die dem Heiligen Stuhl als Partner innerhalb der Völker- und Staatengemeinschaft zukommt.“

Schätzungsweise rund 80 Abgeordnete von SPD, Grünen und Linkspartei blieben der Rede fern. Sie sahen darin einen Verstoß gegen die verfassungsrechtliche Trennung von Kirche und Staat. Bei Spitzenpolitikern von SPD und CDU stieß der Boykott auf Unverständnis.

Unter den Fehlenden war auch der Grünen-Abgeordnete Hans-Christian Ströbele, der damit das überraschende Lob des Papstes für die Grünen verpasste. Das Auftreten der ökologischen Bewegung in der deutschen Politik seit den 70er-Jahren sei ein „Schrei nach frischer Luft“ gewesen, den man nicht überhören dürfe und nicht beiseiteschieben könne, sagte Benedikt XVI. „Jungen Menschen war bewusst geworden, dass irgendetwas in unserem Umgang mit der Natur nicht stimmt“, dass „die Erde selbst ihre Würde in sich trägt und wir ihrer Weisung folgen müssen“. Er wolle aber keine Propaganda für eine Partei machen.

Bundestagspräsident Norbert Lammert versicherte, der Papst sei im Bundestag willkommen. In seiner Begrüßungsrede forderte der CDU-Politiker ein Ende der Kirchenspaltung. „Viele Menschen in Deutschland, nicht nur engagierte Katholiken und Protestanten, empfinden die Fortdauer der Kirchenspaltung als Ärgernis“, erklärte Lammert. Die Bürger wünschten sich dringlich, „dass im Pontifikat eines deutschen Papstes, des ersten nach der Reformation, nicht nur ein weiteres Bekenntnis zur Ökumene, sondern ein unübersehbarer Schritt zur Überwindung der Kirchenspaltung stattfände“.

Die Papstrede erhielt viele positive Reaktionen: Unionsfraktionschef Volker Kauder sagte, die Ansprache habe deutlich gemacht, „dass wir uns immer wieder fragen müssen: Was sind die wahren Grundlagen für unsere Entscheidungen?“ SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier sagte: „Wer hingehört hat, konnte hören, dass es die Aufgabe an Politiker ist, Regeln zu setzen.“ Linke-Fraktionschef Gregor Gysi kritisierte, dass der Papst sich nicht über Krieg und Frieden sowie die zunehmende Armut ausgelassen habe.

„Kirche ist keine Parallelgesellschaft“

Der Papst war am Donnerstagmorgen auf dem Flughafen Berlin-Tegel gelandet. Im Schloss Bellevue hatte ihn Bundespräsident Christian Wulff mit den Worten „Willkommen zu Hause, Heiliger Vater“ begrüßt. Wulff rief in einer mehrfach von Applaus unterbrochenen Rede die katholische Kirche auf, mehr Barmherzigkeit zu zeigen und sich der modernen Gesellschaft zu öffnen. Als weitere Themen sprach der Bundespräsident die Zusammenarbeit der getrennten Kirchen an, den Missbrauchsskandal, das Verhältnis von Priestern und Laien sowie von Männern und Frauen in der Kirche.

Die Kirchen sollten sich, so Wulff, „trotz Sparzwängen und Priestermangel“ nicht auf sich selbst zurückziehen: „Kirche ist keine Parallelgesellschaft.“ Sie lebe „mitten in dieser Welt und mitten in dieser Zeit“. Der Papst beklagte dagegen die zunehmende Gleichgültigkeit der Gesellschaft gegenüber der Religion. Für das Zusammenleben der Menschen bedürfe es einer verbindlichen Basis. Sonst lebe jeder nur noch seinen Individualismus. „Die Religion ist eine dieser Grundlagen für ein gelingendes Miteinander“, betonte das Kirchenoberhaupt.

Gegen Mittag traf der Papst dann mit Kanzlerin Merkel zu einem Vieraugengespräch zusammen. Merkel sagte danach, das Thema Europa habe eine wichtige Rolle gespielt. Sie habe deutlich gemacht, dass die europäische Einigung für Deutsche unverzichtbar sei und Wohlstand und Freiheit bedeute. Darüber hinaus sei es um eine Gestaltung der Globalisierung gegangen.

BMO