Die kleine US-Flagge gibt es schon für 60 Cent: Stars & Stripes am Stiel, ein „Winkelement“, das in jede Handtasche passt. Doch drei Tage vor dem Besuch des amerikanischen Präsidenten Barack Obama sind die Fähnchen nicht gerade der Renner bei Brigitte Wittig. „Kein Wunder“, sagt die 51-Jährige, während sie gerade einen Hotdog-Maker verpackt, den einer ihrer Kunden über das Internet bestellt hat. Lebensmittel und Souvenirs aus den USA, das ist ihr Geschäft. Es liegt an einer Hauptstraße in Tempelhof, eingeklemmt zwischen einer Eisdiele und einem Pflegedienst. Aber die versteckte Lage allein erklärt nicht, warum die Nachfrage nach US-Flaggen diesmal gering ist. Brigitte Wittig sagt, sie könne sich noch gut an den letzten Berlinbesuch Obamas erinnern.
Das war 2008, auf dem Höhepunkt des amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfs. 200.000 Zuschauer jubelten dem Hoffnungsträger der Demokraten zu, als er an der Siegessäule die deutsch-amerikanische Freundschaft beschwor und an die Berliner Luftbrücke vor 60 Jahren erinnerte, mit der alles begann. Am Dienstag und Mittwoch haben die Fans keine Chance, wieder so nah an Obama heranzukommen.
Und so bleibt in dem Laden mit dem Namen American Style der Run auf die Flaggen aus. Obama in Berlin? Brigitte Wittigs Kunden brauchen keinen solchen Anlass, wegen US-Waren extra nach Tempelhof zu kommen. Sascha Alpers, 37, stapelt amerikanisches Dosenbier in seinen Einkaufskorb. Eine Grillparty soll es geben, aber nicht wegen des Obama-Besuchs, nein, ein Willkommensfest für ein befreundetes Paar aus New York soll es sein. Vor einem halben Jahr sind die beiden — sie Deutsche, er Amerikaner — mit ihren zwei kleinen Kindern in die familienfreundlichere deutsche Hauptstadt gezogen.
Allerdings, eines fehlt jetzt noch für das Fest: amerikanische Hotdog-Buns, aber die echten, außen kross, innen soft. Nicht jene labberigen Milchbrötchen aus dem Supermarkt, die schon beim bloßen Hingucken zerfallen. Brigitte Wittig muss passen. In ihrem Laden findet man, was man woanders in Berlin nicht findet. Twizzlers zum Beispiel, Lakritz mit Erdbeergeschmack oder eben Dosenbier. Doch Hotdog-Buns made in America, das ist tatsächlich noch eine Marktlücke in Berlin. „Bevor die hier im Container eintreffen, sind sie alt und vertrocknet“, sagt Wittig, eine schmale Frau im Micky-Maus-Shirt, Amerikatouristin aus Leidenschaft, das ist nicht zu übersehen. Inzwischen hat sie mit ihrem Mann fast den ganzen Kontinent bereist. Als sie Ende der 90er-Jahre ihren Job in der Textilwirtschaft verlor, machte sie sich mit dem Laden selbstständig. Das Geschäft laufe gut, sagt sie.
In Berlin leben 20.000 Amerikaner
Ihre Kunden kommen aus ganz Deutschland, jeder zweite bestellt über das Internet. Die meisten haben die Vereinigten Staaten als Urlauber bereist. Viele haben dort auch eine Zeit lang gelebt. Sie suchen jetzt einen bestimmten Geschmack, der sie an das Land erinnert, von dem Wittig sagt, es habe viele Gesichter, vorne Disneyland, hinten Grand Canyon. Den Ahornsirup von Aunt Jemima zum Beispiel oder ein Kaugummi namens Polar Ice. „Riecht nach Klostein, schmeckt aber super“, sagt Sarah, 21.
Dass sie Obama-Fan ist, liegt quasi in der Natur der Sache: Die Tochter eines schwarzen Militärangestellten war im Januar 2009 bei ihrer Oma in Kalifornien, als der neue Präsident vereidigt wurde. Sie sagt: „Der Fernseher lief von morgens bis abends, und wir haben nebenbei gegrillt.“ Ein Festtag, besonders für Oma. Sarah schmunzelt. Noch begeisterter als vom Präsidenten sei ihre Oma von der Präsidentengattin, erzählt sie. Von Michelle Obama rede sie, als sei sie eine Freundin. „Michelle sagt, Michelle meint, Michelle findet auch, dass …“ Nach vier Jahren im Amt fällt die Bilanz des ersten schwarzen Präsidenten ernüchternd aus, nicht nur in den USA, auch hierzulande. Nach einer Umfrage von Emnid freuen sich nur noch 53 Prozent der Deutschen auf seinen Besuch. Sarah ist eine von ihnen. Der Schülerin geht es da wie vielen anderen der 20.000 Amerikaner, die in Berlin leben.
Natürlich wäre Sarah gerne dabei, wenn Barack Obama am Mittwoch vor dem Brandenburger Tor seine Rede hält. Doch strenge Sicherheitsauflagen hindern sie daran. Schon Tage vorher hat die Polizei das Gelände um die amerikanische Botschaft am Pariser Platz weiträumig abgeriegelt. Ursprünglich sollte der Präsident nur vor 2000 geladenen Gästen sprechen. Doch vielleicht ist den Veranstaltern bewusst geworden, welche Botschaft so ein Auftritt vor halb leeren Rängen vermitteln würde: Stell dir vor, der amerikanische Präsident kommt nach Berlin, und die Berliner müssen draußen bleiben. Jedenfalls, so heißt es jetzt, habe die Bundesregierung die Zahl der Gäste kurzfristig auf 4000 aufgestockt.
Keiner fühlt sich zuständig
Gayle Tufts, so viel steht fest, hat auch diesmal keine Einladung bekommen. „Dabei“, sagt die amerikanische Komikerin, die seit 1991 in Berlin lebt, „hätte ich Barack Obama so gerne mal die Hand gegeben und ,Danke, Mr. President‘ gesagt.“ Sie klingt ehrlich zerknirscht. Kritische Töne zur Überwachungspolitik der Regierung Obamas darf man von der Entertainerin also nicht erwarten, wenn sie Ende Juni ihr neues Programm in der Bar jeder Vernunft vorstellt: „Some like it heiß!“ Stattdessen gibt es eine gesungene Liebeserklärung an die Frau des US-Präsidenten, ein Vorbild an körperlicher Fitness und Disziplin. „I wanna be Michelle Obama. I wanna have her Oberarme.“
Und was macht Gayle Tufts am Dienstag? Gibt es in ganz Berlin keine einzige Kneipe, die den Obama-Fans Asyl gewährt? Nicht mal ein informelles Get-together? Anruf beim Veranstalter des deutsch-amerikanischen Volksfestes. Anruf in der amerikanischen Botschaft. Anruf in der American Academy of Berlin, der Einrichtung, die der Spiegel einmal „das wichtigste Zentrum der amerikanischen Intellektuellen außerhalb der USA“ genannt hat. Die Antwort ist immer dieselbe. Keiner kennt jemanden, der weiß, wohin mit den nicht geladenen Gästen der Bundesregierung. Keiner fühlt sich zuständig.
Obama Cupcakes im „Barcomi’s“
Man will sich schon Sorgen um den Zustand der deutsch-amerikanischen Freundschaft machen, da landet man im x-ten Anlauf doch noch einen Treffer: im „Barcomi’s“. Doch, versichert die Chefin des amerikanischen Cafés mit Filialen in Kreuzberg und Mitte, Cynthia Barcomi, natürlich sei der Dienstag ein Arbeitstag wie jeder andere. Die Berliner Baking Queen wäre aber keine Unternehmerin, wenn sie es nicht verstünde, eine Geste der Gastfreundschaft in Cash umzumünzen. Zur Feier des Tages will sie „Obama Cupcakes“ verkaufen. Es ist derselbe Kuchen, den sie schon zum Amtsantritt Obamas gebacken hatte, damals allerdings nur für das Fernsehen. Ein Red Velvet Cake in den Farben der Stars & Stripes. Innen braun-schokoladig, außen weiß mit blauen Sternen aus Marzipan.





