Der Präsident muss unten rum. Da, wo täglich Fisch und Fleisch, Decken und Badetücher über die Schwelle gehen. Durch den Wareneingang, „Loading Dock“ genannt. Wenn Barack Obama mit Ehefrau Michelle und Töchtern Malia und Sasha am Dienstagabend vom Flughafen Tegel gegen halb neun im Hotel „Ritz-Carlton“ am Potsdamer Platz ankommt, wird die Kolonne direkt ins Untergeschoss des Hauses fahren. Kein Empfang am roten Teppich des Haupteingangs, vis-à-vis des Potsdamer Platzes. Sondern geradewegs zur Händleranfahrt, die Tiefgarage links liegen lassen.
Vor gut zwei Wochen ist die Entscheidung des amerikanischen Präsidentenstabs gefallen. Wenn am 18. und 19. Juni die Präsidentenfamilie die Stadt besucht, wird sie in das Fünf-Sterne-Haus der Marriott International, Inc. am Potsdamer Platz ziehen. Einer amerikanischen Hotelgruppe mit Sitz in Maryland und 18 Hotelmarken sowie 3800 Häusern weltweit. Geprüft vom Vorab-Sicherheitskomitee wurden in der Stadt zuvor noch das Hotel „Adlon Kempinski“ und das „Intercontinental“-Hotel in Tiergarten.
Entscheidung für ein US-Haus
„Wir sind mit den anderen beiden Häusern das einzige Hotel der Stadt, das die nötigen Sicherheitsbedingungen für einen Staatsbesuch wie diesen erfüllt“, sagt Sprecherin Julia Herchenbach. Obamas Stab wählte schließlich das „Ritz-Carlton“. Obwohl im „Interconti“ erst zuletzt wieder der israelische Premier residierte, neben dem US-Präsidenten der einzige Mann der Welt mit Sicherheitsstufe eins. Im Hotel „Adlon“ hatte Barack Obama bei seinem letzten Berlinbesuch gewohnt, damals noch als US-Präsidentschaftskandidat. Die jetzige Wahl sei eine politische Entscheidung, heißt es aus Hotelkreisen. Die Kempinski-Gruppe: Schweizer. Interconti: Briten.
Wenn der amerikanische Präsident durch den Wareneingang des „Ritz-Carlton“ gefahren ist, geht es an den Kühlräumen, der Bankettküche der „Brasserie Desbrosses“ vorbei durch die Mitarbeitergänge des Hotels. „We are Ladies and Gentlemen – serving Ladies and Gentlemen“, steht dort nebst Fotos der Mitarbeiter an den Wänden. Dann kommt die schmale Steintreppe hinauf ins Erdgeschoss, die in den offiziellen Teil des Hauses führt. In die imposant mit Stuccolustro-Marmor-Spachteltechnik verzierte und sich über zwei Etagen ausdehnende Hotellobby mit Marmorfreitreppe. Dort wartet Hoteldirektor Robert Petrovic mit seinem Team auf den Staatsgast nebst Begleitung.
Zu den Fahrstühlen hinter der Treppe wird es gehen, hinauf in den elften Stock. Direkt in den speziell gesicherten und gerade erst renovierten „The Ritz-Carlton Club“. 37 Suiten der Extraklasse, ein Hotel im Hotel auf der zehnten und elften Etage. Separate Fahrstuhlsteuerung, 150 Quadratmeter große Clublounge mit „Gourmet-All-and-whenever-you-can-eat“, eigenem Concierge – und der Präsidentensuite.
Präsidentenpaar nächtigt unter einer güldenen Decke
Liegen wird das Präsidentenpaar in einem zwei mal zwei Meter großen Kingsize-Bett, produziert und geliefert von der US-Firma Sealy, gebettet unter einer güldenen Decke. Es wird am Abend aus einem Kissen-Menü wählen können, das ein Kirschkissen enthält, ein Duftkissen mit Baldrian oder Minze und ein Rosshaarkissen. Hinter dem Bett eine Seidentapete, davor eine graue Chaiselongue in Samt, darüber den Swarovski-Kristallleuchter. Erwachen werden die Obamas mit Blick auf den Potsdamer Platz. Sie werden durch die Panzerglasfront dorthin schauen, wo die DDR-Führung im November 1989 die ersten vier Teile der Berliner Mauer ausheben ließ und wo Ost und West wieder grenzenlos wurden.
204 Quadratmeter misst die Suite. Das Wohnzimmer wartet mit Art-déco-Plüsch und Kirschholzmobiliar auf. Der Blick geht hinaus auf den Henriette-Herz-Park, dessen Rasen mit finnischem Granit eingefasst ist. Weiter reicht der Blick in Richtung Tiergarten. Es gibt ein zweites Schlafzimmer, Sauna, Pantry und Essbereich mit zehn Stühlen. Das Bad ist in einem Mix aus portugiesischem und italienischem Marmor gehalten, weiß strahlt der edle Stein zwischen Orchidee und Messinggriffen hervor. Licht und Vorhänge kann der Präsident per Touchscreen bestimmen und mit „Service“ den Bade-Butler herbeirufen.
Doch vielleicht ist den Obamas auch nach ein paar Bahnen im Jetstream-Indoor-Pool im Untergeschoss des Hauses. Die Decke des Pool-Saales ist in Trompe-l’Œil-Technik handbemalt. Wie bei seinem ersten Besuch könnte sich der Präsident im Fitnessraum auch ein „spontanes“ Morgen-Work-out gönnen. Vielleicht steht der Familie am Dienstagabend der Sinn nach einem Überraschungsbesuch in der „Brasserie Desbrosses“? Nach Bouillabaisse, Steak Frites oder gebratenen Wachtelbrüstchen von Küchenchef Martin Lisson? Der arbeitet in der offenen Showküche und hat unter anderem schon in Washington für das „Ritz-Carlton“ gekocht.
Viele Restaurants bleiben geschlossen
Das hauseigene Restaurant, die Bar „The Curtain Club“ mit den „Parfümcocktails“ von Barchef Arnd Heißen und die Tea Lounge im Hotel am Potsdamer Platz sind die einzigen kulinarischen Möglichkeiten für die Präsidentenfamilie in der Nähe. Alle anderen Betriebe wie das „Vapiano“, das „Lutter & Wegner“ oder auch das „Tucher am Tor“ müssen während des Besuches schließen. Genauso wie die Bereiche des Hotels, wenn der Präsident sie durchläuft.
„Es kann zu einigen kurzfristigen Sperrungen einiger Teile innerhalb des Hauses kommen“, sagt die Empfangsdame an der Rezeption auf Gästenachfrage. Sonst sei jedoch „alles ganz normal“. Kein Gast werde um- oder ausgebucht. Wenn er eindeutig am Kontrollpunkt der Polizei als Gast identifiziert worden ist, könne er das Hotel ganz normal benutzen. Allerdings nur mit einer Vignette. Und: „Von einer Anreise mit dem Auto würde ich abraten“, sagt die Empfangsdame noch. Das könnte zu Komplikationen führen. Spätestens, wenn man in die Tiefgarage des Hauses fahren möchte. Die direkt neben dem Wareneingang liegt – und durch die der Präsident auch bei seiner Abreise am Mittwoch wieder raus muss. Unten rum.





























