Eigentlich müsste sich dieses Geschäft am Kudamm oder Unter den Linden befinden. Denn ebenso so urban und mondän zugleich wie die beiden Prachtstraßen der Stadt sind die Konditorenkunstwerke, die von Joseph Martin in einer kleinen Vitrine zur Schau gestellt werden. Und hier stoßen wir auf das erste und einzige Problem in der Konditorei Martin’s Place: Für welches Stück entscheidet man sich? Für den israelischen Sesamkuchen mit mattgrüner Pistazienglasur, für die dottergelb glänzende Crème-Brûlée-Torte oder für die bestechend mächtige Nuss-Karamell-Torte?

„Fangen Sie einfach mit irgendetwas an, und probieren Sie beim nächsten Besuch das nächste Stück“, rät Joseph Martin. Sein Blick ist ganz anders als seine sündig-süßen Kuchen und Torten. Ein wenig Melancholie und viel kraftvolle Energie ist zu sehen. Der Mann hat ein bewegtes Leben hinter sich. Nach einer Ausbildung für Hotelmanagement an der Universität von Tel Aviv hatte er bei einem Praktikum im dortigen Hilton-Hotel sein Interesse an der Konditorei festgestellt. Fortan widmete er sich der Herstellung süßer Backwaren. „ Es war eine und ist eine Sucht, eine süße Sucht“, sagt er. Nach Stationen in Wien, München und der Schweiz ging er zu Lenôtre in Paris, wo er seine Konditormeister-Prüfung ablegte.

Die Qual der Wahl: Die Auswahl ist enorm in Martin´s Place
Die Qual der Wahl: Die Auswahl ist enorm in Martin´s Place© Massimo Rodari | Massimo Rodari

Es folgten mehrere Jahre als Chefkonditor in einem Hotel nahe Tel Aviv. „Das war ein 24-Stunden-7-Tage-die-Woche-Job“, erzählt der 62-Jährige, „ziemlich anstrengend auf Dauer.“ Als er 2005 mit seiner Frau nach Berlin auf den Spuren ihres nach dem Pogrom 1933 geflohenen Großvaters reiste, war er begeistert. „Modern, dynamisch, weltoffen“ habe er die Stadt erlebt. Ein Jahr später zogen er mit Ehefrau Iris und Sohn Edi hierher. Die ersten vier Jahre arbeitete er in der Küche der Jüdischen Gemeinde in der Fasanenstraße.

Hunderte Kuchenformen stapeln sich in den Regalen

„Das Schwierigste war, die deutsche Sprache zu lernen“, stellt er mit Bedauern in der Stimme fest. Die beherrscht er noch immer nicht perfekt, aber mit seinem Deutsch, guten Französisch und etwas Englisch kommt er zurecht. Zumal in einem Kiez, in den immer mehr junge Menschen aus aller Welt ziehen. Ein junges Pärchen kommt ins Café, will eigentlich nur einen Latte Macchiato zum mitnehmen. Nach dem ersten Blick sind sie im Bann der Kuchen und Torten. Fünf Minuten lang erklärt Joseph sein Sortiment. Die beiden entscheiden sich, jeder ein Stück hier zu essen.

2010 fing Joseph Martin dann in der Koriat Kuchenmanufaktur an, die sehr viel für Cafés produzierte. Vor zwei Jahren übernahm er sie und fährt seither sein eignes Konzept. Nur eine Handvoll Kuchen und Torten sind ständig im Sortiment, der Rest wechselt spätestens nach zwei Tagen. Martin bezeichnet sich selbst als Künstler, und wenn man seine Kuchen und Torten sieht, ist das sehr verständlich.

Erster Arbeitsschritt ist in seiner klinisch sauberen Küche das Anbringen eines Backpapiers auf der Kuchenform, damit die Böden nicht am Blech anhängen. Dazu faltet er die rechteckigen, glänzenden Papiere auf dem runden Tortenboden mit einer Technik, die an die japanische Papierfalttechnik des Origami erinnert. Früher hat er dafür Alufolie genommen. Bis er feststellte, dass der Geschmack besser ist, wenn er Backpapier nimmt.

Joseph Martins Torten sind allesamt kleine Kunstwerke
Joseph Martins Torten sind allesamt kleine Kunstwerke© Massimo Rodari | Massimo Rodari

Von den Kuchenformen stapeln sich Hunderte in den Regalen. Joseph Martin arbeitet mit Böden und festen Ringen. Die sind unterschiedlich hoch, bis zu 25 Zentimeter. So irritierend hoch ist beispielsweise die Beeren-Schoko-Torte mit sechs verschiedenen Lagen Biskuitteig, Butterteig, frischen Erdbeeren, Himbeeren, Kirschen. Ein Gedicht ist auch seine Schokotorte mit zwei Sorten Bitterschokolade, sowie Vollmilch- und Weißer Schokolade. Das Ganze wird mit Trüffelkugeln garniert. Die verwendete Gelatine ist Halal, für den Israeli selbstverständlich bei den vielen arabischstämmigen Menschen aus dem Kiez. Die schätzen auch seine saftige Orientalische Orangentorte. Nur aus Grieß, Orangensaft und Orangenabrieb und einem klein wenig Mehl gebacken.

Zahlreiche Kunden nehmenihr Hüftgold mit nach Hause

Unter der Woche hat er ein gutes Dutzend Kuchen und Torten im Angebot, am Wochenende sind es doppelt so viele. Dann kommen zahlreiche Kunden und nehmen ihr Hüftgold mit nach Hause. Im Café gibt es nur acht Sitzplätze. „Wir suchen nach einem größeren Laden, aber im Augenblick ist das sehr schwierig“, berichtet Sohn Edi. Der 27-Jährige hat bei seinem Vater gelernt, und hofft, in dessen Fußstapfen treten zu können. Die Preise für ein Stück Kuchen oder Torte liegen zwischen drei und 3,70 Euro. Derzeit wird ganz viel Obst verarbeitet und eingefroren, damit sie im Winter genügend davon haben.

Ein weiteres wichtiges Standbein von „Martin’s Place“ sind Geburtstagstorten und Petit Fours, die für Feiern und Feste geordert werden können. Die Auswahl ist enorm, und die Qualität spricht sich mehr und mehr herum. Fast wunschlos glücklich sind die beiden, die im Büro von Josephs Frau Iris unterstützt werden. Aber: „Ein größeres Geschäft wäre schön“, meinen sie.

Martin’s Place Pannierstraße 29, Neukölln, Tel. 28 87 91 79, Di-So 11-18 Uhr, www.martinsplace.de