Bei schönem Geschirr juckt es Ästheten in den Fingern. Liebend gern würden sie Teller & Co. umdrehen, um zu erfahren, welcher Designer sie entworfen hat. In der Porzellanabteilung eines Geschäfts funktioniert das. Doch im Restaurant auf die Rückseite schauen? Da hat wahrscheinlich schon Meister Knigge einen Benimm-Riegel vorgeschoben. Im Szenerestaurant einsunternull an der Hannoverschen Straße 1 in Mitte muss man sich beherrschen. Das schlichte Porzellan geht mit den regionalen Gerichten eine wunderbare Symbiose ein.
Würde man auf die Rückseite schauen, fände man den Namen der Porzellanmacherin. Claudia Schoemig hat die Teller entworfen und angefertigt. „Ich habe zusätzlich zu meiner bestehenden Kollektion einige Stücke in Abstimmung mit Andreas Rieger, dem Küchenchef des einsunternull, neu entwickelt. Das war eine wunderbare Arbeit“, sagt die 43-Jährige, die in Prenzlauer Berg mit Schoemig Porzellan ihre eigene Werkstatt, die auch gleichzeitig Verkaufsgalerie ist, betreibt.

„Schon mit 17 wusste ich, dass ich Keramikerin werden will“, sagt die in der Nähe von Bamberg geborene Fränkin. Einen Ausbildungsplatz zu finden sei auch damals mangels Angebot gar nicht so einfach gewesen. Das mag mit ein Grund sein, warum sie seit knapp einem Jahr selber ausbildet. „Hannah muss gerade Väschen üben“, sagt sie mit Blick auf die junge Frau, die an einer Drehscheibe in die Arbeit vertieft ist. „Ich habe in vielen Werkstätten gearbeitet und hatte auch vier Jahre lang eine eigene Werkstatt. Parallel dazu habe ich angefangen, in Kassel und Berlin-Weißensee Bildende Kunst zu studieren“, erzählt Schoemig, die 1998 nach Berlin zog und seitdem in Prenzlauer Berg lebt.
Beim Brennen verringert sich die Tonmasse um 20 Prozent
Keramik- und Bildende Kunst profitieren voneinander. „Man braucht auch bei der Porzellanherstellung ein gutes Auge und viel Erfahrung, damit die Proportionen stimmen. Zudem verringert sich die Tonmasse beim Brennen um bis zu 20 Prozent, das muss man zuvor berechnet haben“, sagt die Wahl-Berlinerin, die als Künstlerin auch Installationen, Fotos und Zeichnungen ausgestellt hat und als Keramikerin die Bodenständigkeit schätzt. Ihr Faible, was das keramische Material angeht, sind Gefäße.
Das helle Werkstattatelier an der Raumerstraße bezog sie erst vor drei Jahren. „Mein Freund hatte dort einen Vintage-Laden, wollte damit aber nicht mehr weitermachen. Also habe ich die Räume übernommen“, so Schoemig, die ihre Produkte über den eigenen Laden verkauft, unter anderem aber auch ein Geschäft im amerikanischen Dallas beliefert und durch die sozialen Medien auch Kunden in Australien hat. Betritt man den vorderen Raum, befindet man sich im „Feuchtbereich“ der kleinen Manufaktur.
Rechts reihen sich Schälchen, Tassen, Schüsseln in Regalen aneinander – filigrane Stücke aus dem Bereich Tableware. Die Grundfarbe ist weiß. Schoemig spielt mit matten und glasierten Flächen, kombiniert eine matte äußere Oberfläche mit einer eiscremefarbenen Innenglasur. Trotz Detailunterschieden gehören sie unverkennbar zusammen und können zudem multifunktional genutzt werden.
Links findet die Produktion statt. Aus einem Klumpen feuchter Porzellanmasse entstehen auf der Drehscheibe, die per Motor bedient wird, die Rohlinge. Das „Weiße Gold“ bezieht sie wegen der Qualität und guten Verarbeitbarkeit aus Frankreich. Rund, hoch, niedrig, schmal, breit – nicht auf gut Glück, sondern nach genauen Skizzen, die Claudia Schoemig zuvor kreiert hat.

Ist ein Rohling fertig gedreht, das schließt auch die Unterseite mit ein und dauert bei einem Teller rund eine halbe Stunde, wird er getrocknet, dann mit einem Naturschwamm verputzt. „Anschließend wird er das erste Mal bei 900 Grad gebrannt“, erzählt die Keramikerin. Der Brennofen befindet sich im hinteren Arbeitsraum: ein etwa eineinhalb Meter hohes und rund einen Meter Durchmesser aufweisendes Heizgerät, das mit Schamottsteinen ausgekleidet ist.
Der letzte Schritt ist die Feinpolitur
„Im Zentrum wird der Ofen bis zu 1300 Grad warm. Durch die gute Isolierung ist er von außen aber nur so warm wie ein normaler Backofen“, sagt sie. „Nach der Oberflächengestaltung findet der Glasurbrand bei 1300 Grad statt“, so die Handwerkerin, die dann sogar etwa 28 Stunden, zuweilen auch ungeduldig, warten muss, bis der Ofen seine Keramik wieder frei gibt. Der letzte Schritt ist die Feinpolitur, damit die Oberflächen eine schöne Glätte bekommen.
Porzellan fasziniert Claudia Schoemig auch nach Jahren noch. Zuhause aber hat sie ein Sammelsurium aus eigenen Produkten und denen anderer Keramiker. „Ich mag einfach gutes Porzellan, bei dem man die Handschrift des Keramikers erkennt“, sagt Schoemig, deren eigener Anspruch auf handwerklichem Können gepaart mit einem künstlerischen Auge beruht. „Ich mache Gefäße, die das Leben bereichern sollen“, erklärt sie. Handgemachte Keramik sei nichts für die Vitrine, sie solle Tag für Tag genutzt werden. Eine schöne Tasse, so Schoemig, könne einem den Tag retten.
Schoemig Porzellan Raumerstr. 35, Prenzlauer Berg, Tel. 69 54 55 13, Do.+Fr. 12–19 Uhr, Sbd. 12–17 Uhr und nach Vereinbarung, www.schoemig-porzellan.de




