An der Fassade des Spezialitätengeschäfts „Feines aus Österreich“ lockt schon von weitem das Logo der weltbekannten Wiener Kaffeerösterei Meinl, ein Kinderkopf mit orientalischem Fes. Draußen an den Tischen vor dem kleinen Laden lauter zufriedene Gesichter. Geht man hinein, vermischt sich der würzige Kaffeeduft mit den Aromen von Wurst, Schinken, Käse, Salaten und frisch gebackenen Semmeln zu einem unwiderstehlichen olfaktorischen Cocktail. Sofort wird klar: Genuss steht bei Iris Holborn und ihren Mitarbeiterinnen an erster Stelle.
Ein Blick auf die Vitrine und die Regale könnte allerdings verwirren. Hier ist von Marillen statt von Aprikosen die Rede, von Kren statt Meerrettich und von Erdäpfeln statt Kartoffeln. Regionale Küchenbegriffe, Austriazismen, die zuweilen einer Erklärung bedürfen. „Vieles davon kann man nur wissen, wenn man es quasi mit der Muttermilch eingesogen hat“, sagt Iris Holborn. „So kauft man das Mehl in Österreich nicht nach Mahl-, sondern nach Stärkegrad. Bei uns gibt es glattes, griffiges und doppelgriffiges Mehl.“ Die Körnung ist wichtig für die vielfältigen herzhaften und süßen Mehlspeisen der Alpenrepublik. Je gröber das Mehl, desto langsamer, gleichmäßiger und stärker nehmen die Mehlteilchen Flüssigkeit auf. Doppelgriffiges Mehl etwa ist optimal geeignet für Strudel und Knödel.
Besonderheiten gibt es auch an anderer Stelle. „In Österreich werden Semmeln extra hergestellt, um daraus Brösel zu machen. Es wird nicht einfach alles reingemahlen, was übrig bleibt, wie anderswo üblich“, erklärt Iris Holborn. Auch bei den Semmelknödeln sind die Alpenländler sehr findig. Dafür gibt es eigens ein Knödelbrot. „Alles, was mit österreichischen Speisen zu tun hat, kann man hier kaufen“, erklärt die 48-jährige Chefin das Erfolgsrezept ihres Ladens. Den hat sie 2002 aus „kulinarischem Heimweh“ eröffnet. 15 Jahre lang lebte die gelernte Hotel- und Gastgewerbeassistentin da schon in Berlin. An die Spree kam sie der Liebe wegen.
Dieser Laden ist nichts fürDiätjunkies oder XXS-Fans
Doch auch, wenn Berlin nach und nach zu ihrer Heimat geworden ist, hat sie die österreichische Küche stets vermisst. Die ist zugegeben äußerst gehaltvoll. Nichts für Diätjunkies und XXS-Fans. Es gibt zwar einige Restaurants, die sich bestens darauf verstehen. Aber Iris Holborn genießt Österreichisches nicht nur mit Vorliebe, sie kocht es auch leidenschaftlich gern. Dazu fehlten ihr jedoch oft genug die richtigen Zutaten. Also beschloss sie, sich ein Stück Österreich nach Berlin zu holen.
Das Spezialitätengeschäft lief von Beginn an gut. Auch ihre Landsleute zog und zieht es zahlreich dorthin. „Vorher hatte ich keine Ahnung, wie viele Österreicher hier wohnen“, bekennt Iris Holborn und gesteht auch, dass es anfangs etwas gedauert hat, bis logistisch alles stimmte. „Alles wird aus Österreich geliefert. Da kann es schon mal zu Verzögerungen kommen. Etwa, wenn in den Bergen Hochschnee liegt. Oder wie gerade jetzt, wenn die LKWs an der Grenze überprüft werden“, sagt sie. Dann fehlt schon mal der ein oder andere Posten, der sonst im Sortiment ist. Aber schließlich ist „Feines aus Österreich“ kein Supermarkt. Wenngleich die Preise durchaus vergleichbar sind.
Gedauert hat es auch, bis Iris Holborn ihr Sortiment beisammen hatte. Sie musste sich erst mal durch ein riesiges Angebot probieren. „Ich kann nur das verkaufen, was mir selber schmeckt“, sagt Iris Holborn mit Überzeugung. Bei Schinken und Wurst schwört sie mittlerweile auf das Tiroler Familienunternehmen Hörtnagl. Das nehme mit nachhaltiger Markenführung Rücksicht auf die kleinbäuerlichen Strukturen der Region und sei dafür preisgekrönt worden. Natürlich stimme auch die gleichbleibend hohe Qualität, was die Kunden sehr schätzen. Selbstverständlich kann man auch das traditionelle steirische Kürbiskernöl kaltgepresst erstehen, ebenso wie den typisch austrischen Hesperiden-Essig oder Schmankerln wie Berg- und Wildblütenkäse. Und vieles mehr. Bei den Alkoholika allerdings ist die Auswahl eher klein, denn ein paar Häuser weiter gibt es einen ausgezeichneten Weinladen.
Mit einem Angebot punktet Iris Holborn ganz besonders: Alles in ihrer Vitrine bereitet sie täglich frisch zu. Es gibt Aufstriche und Salate wie Käferbohnen-, Tafelspitz- und Kartoffelsalat. Zum Mittagstisch wechselnde Suppen wie Tafelspitzbrühe, Griesnockerln-, Leberknödel- oder Frittatensuppe. Als Hauptgerichte werden etwa Leberkäs, Kärntner Kasnudeln oder Gulasch gereicht. Alles zu bezahlbaren Preisen.
Hundertprozentiges Hüftgold, aber wahnsinnig lecker
Iris Holborn bietet auch Catering für Familienfeste und Firmenfeiern an, kocht dann im großen Stil. Sie zaubert Brotjausen und andere deftige Leckereien. Das Backen indes ist nicht ihr Ding, wie sie unumwunden zugibt. Dafür hat sie einen Berliner Konditormeister. Der hat sich auf Österreichisches spezialisiert und liefert je nach Saison süße Verführungen wie Apfelstrudel, Linzer Schnitte, Marillenmohntorte und Buchteln. Hundertprozentiges Hüftgold, aber wahnsinnig lecker.
Wer lieber herzhaft snackt, für den ist auch gesorgt. Selbst für die Kleinen. Die lieben Jausenwichtel. Kleine mild gewürzte, fettreduzierte und glutenfreie Rohwürste. Klingt richtig gesund und freut daher jeden Fleischesser. „Und wenn sie älter werden, greifen sie zu Landjägern und Kaminwurzen“, sagt Iris Holborn.
Feines aus Österreich Leonhardtstr. 11, Charlottenburg, Tel. 31 01 68 20. Mo.-Fr. 9-18 Uhr, Sbd. 9-14 Uhr





