Spaziergang

Warum Bischof Dröge so gut zu Berlin passt

Markus Dröge ist der Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Berlin ist eine Herausforderung – meist besuchen nur vier Prozent der Protestanten einen Gottesdienst.

Foto: Reto Klar

Martin Luther ist versteckt. An der Nordseite der Marienkirche gibt es keine Touristen, der Verkehr auf der Karl-Liebknecht-Straße ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Ein Bauzaun versperrt zusätzlich die Sicht, der allerdings nicht Luther, sondern Pflastersteine für die Baustelle am Alexanderplatz schützt. Hier findet sich, was an den toten Winkel einer Großstadt so angespült wird. Scherben von Bier- und Schnapsflaschen, Kippen, eine Ratte huscht vorbei.

All das schreckt Markus Dröge nicht ab. Auch das Sturmtief „Niklas“ nicht, das auf uns niederhagelt. Der Bischof hat sich vorgenommen, seinen Spaziergang beim Reformatoren zu beginnen. „Sind Sie sich sicher, dass man nicht reinkommt?“, fragt er. Und dann sucht er sich einfach selbst eine geeignete Stelle, öffnet lächelnd den Bauzaun, stapft durch den Dreck und beginnt zu erklären, was ihm diese Figur bedeutet. Luther soll nämlich zu neuen Ehren kommen. Im nächsten Jahr, wenn die Feierlichkeiten zum Jubiläum der Reformation beginnen, wird er vor der Marienkirche die Gäste empfangen, die aus der ganzen Welt nach Berlin kommen. Zusammen mit Bischof Dröge.

Berlin hat rund 19 Prozent Protestanten. Eine evangelische Stadt kann man das nicht nennen. Schon gar keine gläubige. Und doch wird sie bald Schauplatz der größten Feierlichkeiten der evangelischen Kirche sein.

Einer wie Markus Dröge passt gut zu so einer Stadt, deren Einwohner von überall her kommen. Geboren wurde er 1954 in Washington D.C., aufgewachsen ist er in Bonn, Brüssel und Paris. Der Vater war Diplomat, der Großvater Politiker, das scheint sich auf ihn übertragen zu haben. Bei seiner Vorstellungspredigt in Berlin habe eine Frau ihn gefragt, warum er glaube, sich als Bischof zu eignen. „Weil ich gut überzeugen kann“, hat er gesagt.

Zu Munition gegossen

Ganz in der Nähe seines zukünftigen Standorts war Luther auch Ende 19. Jahrhundert aufgestellt worden, damals mit weiteren großen Reformatoren. Im Zweiten Weltkrieg hat man die anderen eingeschmolzen und zu Munition gegossen, erzählt Dröge. Luther blieb erhalten, verlor aber seine Position. Jetzt soll wieder eine Figurengruppe entstehen. Statt der Reformatoren werden Luther zukünftig Denker der Gegenwart Gesellschaft leisten. Was ist, ist wichtiger, als was war.

Darf er als Chef der Landeskirche selbst entscheiden, wo das Denkmal steht und wen die neuen Figuren darstellen? „Nein“, sagt Dröge, da gebe es Wettbewerbe und da rede auch der Senat mit. Wie bei vielem, was sich Dröge vorgenommen hat. Überhaupt redet ja in der protestantischen Kirche jeder mit. Alles ist diskursiv, alles ist verhandelbar. Beneidet er manchmal die katholischen Kollegen? Die einfach sagen können, Roma locuta und Schluss? Dröge lacht. Nein.

Einen „sanften Macher“ hat eine Kollegin Markus Dröge genannt, als er vor bald sechs Jahren zum Oberhaupt der evangelischen Landeskirche mit dem umständlichen Namen Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz gewählt wurde. Für zehn Jahre. Im Rat der evangelischen Kirche Deutschlands ist er auch.

Dröge ist einer mit Macht, aber ohne Machtgehabe. Er hat Karriere gemacht in seiner Kirche. Mit dem Jubiläumsjahr, das am 31. Oktober 2016 beginnt, dürfte sie ihren nächsten Höhepunkt finden.

Die Ökomene ist ihm wichtig

95 Thesen zur Erneuerung der Kirche schlug der Mönch Martin Luther 1517 an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg. Der Ursprung einer neuen Konfession, und zugleich das Ende der Einheit. „Natürlich feiern wir den Reformationstag“, sagt Bischof Dröge. Man solle aber bedenken, dass Spaltung nicht die Intention der Reformatoren war. Und dass man seit der Trennung ja darum gekämpft habe, wieder eine Einheit zu sein. Wobei die Erwartungen von der evangelischen Kirche um die Ökumene deutlich stärker sind, als die von der katholischen. „Joseph Ratzinger hat zum Beispiel in seiner Schrift ‚Dominus Iesus‘ erklärt, dass die evangelische Kirche gar keine ‚Kirche im eigentlichen Sinne‘ sei“, erinnert Dröge. „Das war alles andere als hilfreich.“

Wie es sich für Protestanten gehört, wird man zum Jubiläum die eigenen Schwächen ansprechen. „Das Verhältnis Luthers zu den Juden wird auch ein Thema sein“, sagt Dröge. Dann aber zerrt das Sturmtief ganz unbarmherzig an den bischöflichen Locken und wir spazieren weiter, hinein in die Marienkirche.

Das Kirchenschiff ist voller Touristen. Wir sind mitten in der Karwoche, es geht auf Ostern zu. Die Marienkirche ist älter als die Glaubensgemeinschaft, die heute hier zu Hause ist. Ihre Grundmauern stammen aus dem 13. Jahrhundert. Und auch in der Innenausstattung hat man sich nicht ganz vom Katholischen abgewendet. Die Säulen im Mittelgang zieren Heilige: Katharina, Pantaleon, sogar ein Bischof mit Mitra und Stab ist dabei. Solche Amtszeichen hat Dröge nicht. Nur ein Bischofskreuz. Das reicht.

Geschichte und Tradition hat in Berlin keinen wert

In St. Marien stellte sich Markus Dröge vor sechs Jahren als Bischofskandidat vor. Er predigte über die Griechen, die zu den Jüngern kamen und sie fragten, wer eigentlich dieser Jesus sei. Er wollte damit zeigen, dass er sich der Aufgabe bewusst war, die in Berlin auf ihn wartete: Seine Kirche und die christlichen Gebote vertreten in einer Stadt, in der Kirche vielen im besten Falle egal ist. „In einer säkular geprägten Stadt müssen wir alles, was wir tun, aktuell begründen können. Geschichte oder Tradition, das hat hier keinen Wert an sich.“

Wir gehen durchs das Mittelschiff nach vorne bis zur Kanzel. Dröge wird zum Kirchenführer. „Die barocke Schlüterkanzel von 1703 symbolisiert, dass das Wort Gottes eine Verwandlung des Herzens bewirken soll“, erklärt Dröge. Vielleicht hat er sich vorbereitet, vielleicht spricht jemand, der seit über 30 Jahren vor vielen Menschen predigt, auch ganz spontan druckreif. Dröge weist auf ein Relief hin, auf dem sich ein Mann verzückt die Hand auf die Brust drückt. „Das war gemünzt gegen die katholische Kirche, so die sich, so meinte man, mehr mit der Wandlung der Hostie beschäftigte, als mit der des Herzens.“

Links des Reliefs ist eine Figur mit Kreuz und Abendmahlskelch zu sehen, rechts pflegt und ernährt eine Mutter ihre Kinder. „Glaube und Liebe“, sagt Dröge, „das ist bis heute dieser Gemeinde ganz besonders wichtig. Hier werden lithurgisch sorgfältig vorbereitete Gottesdienste mit Kirchenmusik gefeiert, und gleichzeitig wird jeden zweiten Sonntag im Monat hinten unter der Orgelempore eine Suppenküche angeboten.“ Weit über dreitausend Menschen kommen jährlich hier her, um von ehrenamtlichem Mitarbeitern versorgt zu werden. „Viele Bedürftige öffnen sich nicht mit ihrer Not“, sagt Dröge. „Wir sind für jeden da, der sich vertrauensvoll an uns wendet.“

Nach 1989 waren die Kirchen wieder leer

Die evangelische Kirche spielte eine große Rolle beim Fall der Mauer. Sie hat Freiräume geschaffen. Im Revolutionsjahr 1989 waren die Kirchen voll. Dann leerten sie sich wieder. Warum? „Wir haben damals eine wichtigen Impuls gegeben“, sagt Dröge. „Jetzt kann man seine Gewissensfreiheit in aller Öffentlichkeit leben.“ Darüber, dass sogar an den besseren Sonntagen nur vier Prozent der Protestanten einen Gottesdienst besuchen, sei er nicht traurig. „Wir haben jetzt eine andere gesellschaftliche Rolle“. Womit wir bei einem zentralen Thema für Dröge wären: die Flüchtlinge.

Über 500 Flüchtlinge leben seit über zwei Jahren in Berlin, die zwar faktisch geduldet werden, aber nicht juristisch. „Wir haben seit dem letzten Herbst in unseren Gemeinden hundert von ihnen aufgenommen, deren Leben wir finanzieren, und die wir betreuen, damit sie nicht obdachlos würden“, sagt Dröge. „Wir haben den Senat gebeten, sich um eine juristische Klärung zu bemühen, und ihre Fälle erneut zu prüfen.“ Allerdings gebe es im Senat unterschiedliche Positionen. „Aber wenn man Menschen zwei Jahre lang geduldet hat, kann man nicht mehr sagen, man habe mit ihnen nichts zu tun.“

Bischof Dröge äußert sich häufig zur Politik. Zum Kopftuchurteil zum Beispiel. Das mache die persönliche Religionsfreiheit stark, das sei gut. Er wolle schließlich auch ein Kreuz am Revers tragen können, wenn er einmal Schüler unterrichten würde. Auf der anderen Seite liege auch eine Gefahr darin. Das neue Urteil individualisiere die Religionen. „Es muss eine Aufgabe der Schule sein, im Religionsunterricht den Umgang mit Religionen durch bekennende gläubige Lehrer zu vermitteln.“

Ostern und die Nächstenliebe

Die Botschaft von Ostern, dass Gott den Tod überwindet, komme bei vielen gar nicht mehr an. „Die Leute halten das Kreuz für eine Gewaltdarstellung“, sagt Dröge. „Aber Christus ist ans Kreuz geschlagen worden, weil die Menschen falsche religiösen Erwartungen an ihn gerichtet haben. Manche haben geglaubt, Christus würde unter ihnen das Reich Gottes errichten, und in diesem Reich, würden sie dann das Sagen haben. Und das endete in Gewalt. Aber das Kreuz ist das Symbol dafür, dass Gott diese Gewalt nicht will. Mit Ostern beginnt eine neue Geschichte, die der Nächstenliebe, die der Gemeinschaft, in der Menschen zu einander finden.“

Draußen scheint die Sonne wieder. Wir gehen durch das Nikolai-Viertel. „DDR-Kulisse“, kommentiert Dröge. Anders als beim katholischen Erzbistum erzwang das DDR-Regime bei den Protestanten eine Spaltung. „Man hat aber eine enge Gemeinschaft gehalten, und drei Monate nach dem Fall der Mauer gab es die erste gemeinsame Synode.“ Spürt man die Teilung noch? „Manchmal“, sagt Dröge. „Im Osten sind viele dem Staat gegenüber sehr kritisch. Einige gewöhnen sich erst langsam daran, dass wir jetzt eine neue Staatsform haben, in der man sich als Christ ganz anders einbringen kann und sich auch einbringen soll.“

Die Nikolaikirche ist eine der ältesten Kirchen Berlins, nur ist sie keine Kirche mehr, sondern ein Museum. Paul Gerhardt, von dem die schönsten Kirchenlieder stammen, war hier einst Pfarrer. Dröge betrachtet den hellen Innenraum. „Hier könnte man auch eine Veranstaltung machen.“ Er denkt wieder an das Reformationsjahr.

Die Route hat er sich gut überlegt

Bischof Dröge hat sich diesen Spaziergang genau überlegt. Der Beginn bei Luther, dem Vater der Reformation, weiter über seine wichtigste Botschaft, das Wort, was er bei der Kanzel erklärte, dann die Nächstenliebe, die Suppenküche unter der Empore, wo wir auch über die Flüchtlinge sprachen. Es fehlt nur noch der Ausblick: Das House of One.

Das ist ein überaus ambitioniertes Projekt. Das weltweit erste interreligiöse Gebäude soll in Berlin entstehen. Jeder wird seinen Raum haben, die Muslime, die Juden und die Christen. Dann wird es noch einen zentralen Raum geben, für Begegnungen, was immer das heißen mag. „Wir werden einfach schauen, was sich entwickelt“, sagt Dröge. Wir laufen die Gertraudenstraße entlang. Die Namen hier erinnern daran, dass hier einst Leben war: Fischerinsel, Spittelmarkt, Petriplatz. Jetzt aber ist hier nur noch Verkehr. Über ihn hinweg erzählt Dröge von den ersten öffentlichen Seminaren mit Vertretern der drei Religionen. Über das, was sie trennt, hätten sie gesprochen, nicht über das, was sie eint, das sei zu leicht. Und was trennt sie? Die Juden sprachen über ihre Vorstellung, das erwählte Volk zu sein, die Christen über ihre Lehre der Trinität, die Muslime über die Scharia. So gesehen könnte es wirklich ein außergewöhnlicher Ort werden.

Der Bischof hätte es sich einfach machen können. Niemand wäre enttäuscht, wenn er nur ein Seelsorger für seine Gläubige geworden wäre. Aber diesen Weg wählte er nicht. Er will ein Bischof für alle Menschen sein. Scheint ihm zu glücken. Einer wie Dröge passt gut zu Berlin.