38 Jahre ist es her, als ein herabfallender Gesteinbrocken seinen Unterkiefer zertrümmerte. „Der Schmerz fühlte sich an wie Krieg“, sagt Jean-Marc Rochette. Er konnte sich retten, und Ärzte retteten sein Gesicht. „Damals habe ich mich von meinem Traumberuf Bergführer verabschiedet“, sagt der 58-Jährige heute. Und: „Im Nachhinein war der Unfall ein Glück. „Denn ich bin nun ein besserer Zeichner, als ich Bergführer geworden wäre.“ Rochette sagt das mit Blick auf eine seiner Atelierwände. Dort hängen vier Charakterstudien: Puig und Val, Omar und Brady sind Protagonisten des kommenden vierten und letzten Teils der Graphivc Novel „Schneekreuzer“. Band 1 bis 3 hat Rochette 1982, 1999 und 2000 in Frankreich gezeichnet. Der vierte Band entsteht in Rochettes Wahlheimat Berlin. Seit 2008 lebt der Franzose in Wedding. „Ich weiß nicht, ob ich jemals wieder ganz nach Frankreich zurückkehre.“
An Berlin liebt er „die Museen, die Sprache und die Natur, den Tegeler See und den Wald“. An Deutschland liebt er den Atomausstieg. „Ich bin zwar skeptisch, ob die Politiker das Nein zur Atomkraft am Ende wirklich komplett durchsetzen. Aber in Frankreich ist so eine für die Menschheit vernünftige Entscheidung unvorstellbar. Man denke nur an die Folgen von Tschernobyl und Fukushima.“ Der Ausstieg, das Ende – beides sind Worte, die sich nahtlos an das Comic-Szenario anschließen. Im Buch fährt ein Schneekreuzer endlos um die Welt. Die Erde ist nach dem Einsatz einer Klimabombe verreist, nur die Insassen des 1001 Abteile langen Zuges haben überlebt. Band eins, geschrieben von Jacques Lob, behandelt den Klassenkampf zwischen den Weggesperrten in den hintersten Waggons und der selbsternannten Elite in den vordersten Wagen. Der Held ist ein Mann. Er bricht aus den hintersten Waggons aus und bahnt sich seinen Weg bis zur Zugspitze. Sein Vordringen ist auch eine Suche nach Wahrheit.
„Band eins war seinerzeit ein Erfolg in Frankreich“, erinnert sich Rochette. Ungefähr 40.000 oder 50.000 Exemplare seien verkauft worden. „Die Zahl spielt gar keine so große Rolle. Viel wichtiger waren uns die vielen Kritiken – dass es eine politische Diskussion ausgelöst hat. Doch 17 Jahre später hat sich niemand mehr daran erinnert.“ Lob war 1990 gestorben. Rochette zeichnete Reportagen aus aller Welt, fertigte Illustrationen für Kinderbücher an und Sportstudien für L’Équipe und widmete sich der Malerei. Doch dann wollte er Lob und den Schneekreuzer dem Vergessen entreißen. „Ich dachte, wenn ich eine Fortsetzung schreibe, erlebt der erste Band eine Wiedergeburt.“ Mit dem Texter Benjamin Legrand legte er gleich zwei Bände vor. Wieder fährt ein Eisbrecher durch eine vereiste Welt. Es ist ein anderer Zug. Seine Insassen fürchten, mit dem legendären Schneekreuzer zusammenzustoßen. Band zwei greift das Thema „Lüge“ auf, Band drei „Hoffnung“.
Regisseur Bong Joon-ho entdeckte Rochette
Doch Rochettes Hoffnung auf ein Revival erfüllte sich zunächst nicht. „Wir waren um 2000 nicht so erfolgreich. Ich dachte, ich hätte einen Fehler gemacht.“ Ein paar Jahre später entdeckte der koreanische Regisseur Bong Joon-ho die Graphic Novel in einem Buchladen in Hongdae in Seoul. Im Stehen – so geht die Saga – las er alle drei Bände durch. Das sind 254 Seiten, das Buch ist schwer. Bong Joon-ho war begeistert. Er erwarb 2005 die Rechte und drehte den Film in Prag und Tirol. Zu den Hauptdarstellern gehören Tilda Swinton und Chris Evans. Snowpiercer wird 2013 ein Rekord: Innerhalb von einer Woche kommen mehr als vier Millionen Besucher in die südkoreanischen Kinos. In Deutschland hat er am 7. Februar 2014 Premiere auf der Berlinale. Die DVD kommt am 23. September auf den Markt. In den USA blockierte der Produzent Harvey Weinstein zunächst die Ausstrahlung mit dem Argument, Bong Joon-hos Version sei „zu intelligent für das amerikanische Publikum“. Schließlich wurde „Snowpiercer doch noch in 200 Kinos gezeigt und für mehrere Millionen Dollar als Video on demand gekauft“, sagt Rochette.
Anders als die schwarz-weiße Graphic Novel – die 2013 in 4000-er Auflage erstmals und komplett auf deutsch im Berliner Verlagshaus Jacoby&Stuart erschienen ist und sich gut verkauft – ist der Film in Farbe gedreht. „Farbe macht es viel realistischer“, findet Rochette. Die Skizzen, die der Slum-Maler zeichnet, stammen aus seiner Hand – ja, es ist sogar Rochettes Hand, die im Film malt. Mit dem Regisseur ist er inzwischen befreundet. Bong Joon-ho wird im Oktober in Rochettes Haus wohnen und schreiben. Das Haus steht nicht in Berlin, sondern in Ardèche, wo Rochette immer wieder ausspannt und mit seinem Hund Paulo wandern geht. In Berlin – „ich kann hier wunderbar arbeiten“ – hat er einen gleichförmigen Tag: „Ich stehe um sieben Uhr auf, fahre Fahrrad oder jogge zum Tegeler See zum Schwimmen. Danach stehe ich zehn Stunden im Atelier. Abends bin ich meiner Freundin.“
„Dank Snowpiercer bin ich reicher, als ein Bergsteiger“
Arbeit hat er genug – und Geld auch. „Dank Snowpiercer bin ich reicher, als ich es als Bergsteiger geworden wäre. Als Durchschnittsbergsteiger – nicht im Vergleich zu Reinhold Messner.“ Apropos Erfolg: Schon im Oktober 2015, das wünscht sich sein Verleger, soll der vierte Band von „Le Transperceneige“, so der französische Originaltitel, erscheinen. „Ich muss jeden Tag eine Seite komplett fertigstellen, von der Schnellzeichnung bis zu den ausgearbeiteten Panels.“ Diesmal schreibt Olivier Bocquet den Text. „Er ist 38 Jahre alt. Ich fühle mich ein bisschen so wie Lob sich während Band 1 mit mir. Jetzt bin ich der Comic-Veteran.“
Der Altersunterschied war der Hauptgrund, warum Rochette bei der französischen Comicnovela „Les Autres Gens“ mitgezeichnet hat. Die Idee zu dem grafischen Fortsetzungsroman stammt von Thomas Cadène. Er hat ab 2010 die Geschichte eines Lotteriegewinns mit mehreren Protagonisten erzählt. Doch nicht als Hunderte Seiten starkes Buch, sondern als Online-Geschichte: Fast täglich erschien eine neue Episode – jede von einem anderen Zeichner. Etwa 350 Episoden kamen zusammen. Sie sind seit Mai 20014 bei faz.net online auf deutsch zu sehen. Die Bücher erscheinen beim Hamburger Verlag Schreiber & Leser. Rochette hat die Episode Nummer 204 gezeichnet. „Das hat zwei Tage gedauert“, 100 Euro habe er dafür erhalten. „Für das Geld habe ich es nicht gemacht“, erklärt Rochette, sondern weil Wandrille – der Autor seiner Episode, der bis vor kurzem in Berlin lebte – ihm erzählt habe, dass alle anderen Zeichner wesentlich jünger seien als er. „Es war ein großer Spaß, bei dem Projekt dabei gewesen zu sein.“
Auch für die Zeit nach dem Schneekreuzer hat Rochette Pläne. Mit ihnen schließt sich ein Kreis. Rochette möchte das Buch „Le monde analogue“ von René Daumal als Graphic Novel herausgeben. Er handelt von einem unsichtbaren, unvorstellbar hohen Berg. Eine Geschichte für Kletterer. Wurde auch Zeit.


