Hells Angels

Wettbüro-Mord - Das Geständnis aus dem Gefängnis

Ein Mitglied der Hells Angels gesteht einen Mord. Doch wie glaubwürdig ist die Geschichte? Die Staatsanwaltschaft bleibt bei ihrer Anklage wegen gemeinschaftlichen Mordes gegen zwölf Höllenengel.

Foto: Fredrik von Erichsen / dpa

Vielleicht ist ja alles nur abgesprochen. Unter dem Motto: Einer nimmt alles auf sich und schützt damit die anderen. So zumindest scheint es auf den ersten Blick um einen Brief zu stehen, den das Mitglied der Rockergang Hells Angels, Recep O., aus dem Gefängnis an die Staatsanwaltschaft schickte.

Die „Bild“-Zeitung berichtete, dass es sich um einen achtseitigen handschriftlich gefertigten Text handele, in dem Recep O., 25, detailliert die Tötung eines anderen Menschen auf sich nimmt. Tenor: Er sei bei der Erschießung von Tahir Ö. quasi ein Alleintäter gewesen. Ein Mann, dem einfach nur die Nerven durchgegangen seien. Die anderen Hells Angels, die ihn damals begleiteten, hätten mit der Tat nichts zu tun.

Abgespielt hatte sich das am 10. Januar dieses Jahres in dem Wettbüro „Expect“ an der Residenz- / Ecke Hausotterstraße in Reinickendorf. Das Opfer war der 26-jährige Tahir Ö. Als Motiv für den Anschlag wird von den Ermittlern eine Bestrafung vermutet, nachdem Tahir Ö. im Oktober 2013 vor der Disco „Traffic“ am Alexanderplatz mit einem Türsteher in einen handfesten Streit geraten war. Der Türsteher wurde dabei von Tahir Ö. mit einem Messer verletzt.

Todesdrohung vom Chef

Bei dem Türsteher handelte es sich um einen Gefolgsmann des Chefs des mittlerweile verbotenen Hells-Angels-Charters „Berlin City“, Kadir P. Letzterer soll auch sofort Gegenmaßnahmen angeordnet haben. Aus „verdeckten Quellen“, heißt es bei der Polizei, sei die Information durchgesickert, dass Kadir P. gegen Tahir Ö. eine Todesdrohung ausgesprochen habe. Der Leiter des Landeskriminalamts (LKA), Christian Steiof, erklärte später, dass man zwar einen Hinweis einer V-Person gehabt habe, die den Mord an Tahir Ö. ankündigte, aber Tipps dieser Art gebe es zu Hunderten. Auch habe man den mutmaßlich Gefährdeten nicht mehr warnen können, weil er sich nach Holland abgesetzt habe.

Kurz darauf musste sich Steiof jedoch korrigieren: Er sei nicht korrekt informiert und die Gefährdungslage falsch eingeschätzt worden. Tatsächlich hatte das Fachdezernat im LKA innerhalb weniger Tage vier Hinweise einer Vertrauensperson zu einem Mordauftrag an Tahir Ö. bekommen. Und es sei den Beamten bekannt gewesen, dass sich der gefährdete Mann wieder in Berlin aufhält.

„Regelrechte Hinrichtung“

Die Rocker wussten es auch. Sie fuhren am 10. Januar nicht zufällig zu dem Wettbüro in der Residenzstraße. Und es folgte die Tat, die als „regelrechte Hinrichtung“ beschrieben wird. Eine Überwachungskamera, die im Wettbüro installiert ist, hat den Mord mitgeschnitten: Zu sehen sind mehrere Männer – später werden 13 gezählt – die an der Ladentheke vorbei, durch einen Gang in die hinteren Räume des Lokals gehen. Einige sind maskiert. Das spätere Opfer Tahir Ö. sitzt an einem Tisch und spielt Karten. Einer der Angreifer eröffnet mit einer Pistole das Feuer. Er schießt acht Mal. Sechs Projektile treffen Tahir Ö. Währenddessen halten die anderen Eindringlinge die Gäste des Lokals in Schach. Das alles dauert nur wenige Sekunden. Anschließend flieht der Täter durch die Hintertür, die anderen Beteiligten verlassen das Lokal durch den Vordereingang. Tahir Ö. stirbt noch am Tatort.

Die Fahndung und der dadurch ausgelöste Druck der Polizei sind erfolgreich. Festgenommen wird auch der 26-jährige iranischstämmige Kassa Z. Von den Kumpanen bei den Hells Angels „der Perser“ genannt. Auch gegen Kassa Z. gibt es den Vorwurf des „gemeinschaftlichen Mordes“. Dafür droht Lebenslänglich. Kassa Z. will dem entgehen. Und so beschließt „der Perser“, bei der Staatsanwaltschaft auszupacken. Es wurden durch ihn eine Reihe von Verfahren eingeleitet. Auch das um die Erschießung eines Türstehers vor dem Soda Club in Prenzlauer Berg – offenbar wiederum ein Racheakt der Rocker.

Dank der Aussagen des abtrünnigen Kassa Z. gibt es dann auch weitere Festnahmen im Verfahren um die Ermordung des Tahir Ö. Rocker-Boss Kadir P., der von der Fahndung nach ihm wusste, stellte sich sogar selbst der Polizei. Von dem unter strengsten Zeugenschutz stehenden Kassa Z. wurde Kadir P. jedoch nur halbherzig belastet: Der Rocker-Boss soll den Mordauftrag nicht direkt befohlen, sondern seinen Männern vor der Fahrt zum Spielcasino in der Residenzstraße lediglich „zeigt einfach Präsenz“ befohlen haben.

Aus Angst geschossen?

Recep O. – Spitzname „Richy“ – wurde eine Woche nach der Tat geschnappt. Es heißt, es habe Hinweise eines V-Mannes gegeben. Und Recep O. soll von dem Kronzeugen Kassa Z. dann später auch als der eigentliche Todesschütze genannt worden sein. So ist in seinem Brief an die Staatsanwaltschaft die Information nicht überraschend, dass er zugibt, geschossen zu haben. Neu ist die Erklärung, wie es zur Tat gekommen sein soll.

In dem Brief heißt es, er sei am Tatabend spontan zum inoffiziellen Clubhaus der Hells Angels, dem ehemaligen Café Sahara an der Gerichtstraße in Wedding gefahren. Der Rocker Ersoy P. – er sitzt jetzt ebenfalls wegen gemeinschaftlichen Mordes in Untersuchungshaft – habe ihn dort angesprochen: Sie würden jetzt nach Reinickendorf zu dem Wettbüro fahren. Tahir Ö. stehe dort vor der Tür und würde auf sie warten.

„Du bist für mein Leben verantwortlich“

Und dann habe sich eine ganz eigentümlich Dynamik entwickelt: Tahir Ö. steht nicht vor der Tür. Die Rocker beschließen hineinzugehen, wollen angeblich nur reden. Drinnen gibt Ersoy P. dem verdutzten Recep O. eine Waffe. „Er solle vorangehen und sei nun für sein Leben verantwortlich“, zitiert die „Bild“-Zeitung aus dem Brief. Da man einem langjährigen Mitglied nicht widersprechen dürfe, habe er (Recep O.) keine andere Wahl gehabt, heißt es weiter. Er hat jetzt also die Waffe, betritt den hinteren Raum und erkennt sofort Tahir Ö. Der beugt sich nach unten.

Für Recep O., so der Brief, entsteht der Eindruck, dass Tahir Ö. etwas in der Hand hält. Er habe Angst bekommen, dass Tahir Ö. auf ihn schießen würde. Daraufhin habe er auf seinen Körper geschossen, so lange, bis keine Kugel mehr in der Waffe war.

Gerichte könnten so etwas als Putativnotwehr auslegen – der Täter geht irrig davon aus, dass Voraussetzungen für eine Notwehr vorliegen. Die anderen Beschuldigten – zwölf von 13 sind Hells Angels – könnten dann nicht mehr wegen gemeinschaftlichen Mordes verurteilt werden. Doch ob das funktioniert und das Schwurgericht dieses Geständnis für glaubhaft hält, bleibt abzuwarten. Der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Martin Steltner, sagte am Freitag, dass er zu diesem Brief nichts erklären werde; nur so viel: Die Staatsanwaltschaft bleibe trotz des Briefes weiterhin bei ihrer Einschätzung über die Beteiligung der Beschuldigten an diesem Verbrechen.