Der Prozess um den sogenannten Wettbüro-Mord wird für die Berliner Sicherheitsbehörden zur Belastungsprobe: Zwölf der insgesamt 13 Angeklagten sind Angehörige der Hells Angels. Um die Sicherheit des Verfahrens zu gewährleisten, wird das Gerichtsgebäude nach Informationen der Berliner Morgenpost innen wie außen quasi zu einer Festung werden, Spezialeinheiten sollen die Angeklagten an den Prozesstagen von der Untersuchungshaft zum Sitzungssaal begleiten. Gerichtssprecher Tobias Kaehne wollte zu Einzelheiten keine Angaben machen, sprach aber von einer „großen Herausforderung“.
Das Datum des Prozessauftaktes steht noch nicht fest, Insider rechnen mit einem Termin im September. Wie berichtet wird den Angeklagten gemeinschaftlicher Mord vorgeworfen. Sie sollen am 10. Januar den 26-jährigen Tahir Ö. in einem Wettbüro an der Residenzstraße in Reinickendorf erschossen haben. Im Zuge der Ermittlungen wurde auch Haftbefehl gegen den berüchtigten Hells-Angels-Chef und Ex-Boxer Kadir P. erlassen. Er soll die Tat in Auftrag gegeben haben.
Wie die Berliner Morgenpost erfuhr, sollen Haftbeschwerden mehrerer Rocker keine Aussicht auf Erfolg haben, weswegen alle 13 Angeklagte vor dem Richter erscheinen müssen. „Hinzu kommen mehr als 20 Anwälte und Journalisten“, so ein Insider. Selbst die größten Säle 500 und 700 könnten zu klein sein. Gerichtssprecher Kaehne betonte, dass Berlin nicht zum ersten Mal einen Großprozess mit mehreren Angeklagten ausrichten müsse. „Es wird mehr Personal nötig sein, um einen reibungslosen Ablauf zu gewährleisten. Wir werden auch die Unterstützung der Berliner Polizei benötigen.“
SEK-Kräfte begleiten die angeklagten Rocker ins Gericht
Da es sich bei den Angeklagten um zum Teil vorbestrafte und als gefährlich geltende Rocker handelt, sollen sie von Elitepolizisten des Spezialeinsatzkommandos (SEK) begleitet werden. Ihre Kollegen vom Mobilen Einsatzkommando (MEK) werden die Gegend um das Gerichtsgebäude sichern. Im Innern des Landgerichts Moabit gilt die sogenannte Tätertrennung als eines der obersten Gebote in dem Verfahren. „Es muss verhindert werden, dass die Beschuldigten direkt in Kontakt treten“, so ein Polizeiführer.
Damit sollen Absprachen verhindert werden. Dafür müssen entsprechend viele Räume zur Verfügung gestellt werden, die auch effektiv bewacht werden können. Bereits jetzt werden die Beschuldigten in der Untersuchungshaftanstalt strikt getrennt. Während sich Gefangene dort sonst auf dem Weg zum Arzt oder zur Arbeitsstelle frei bewegen dürfen, gilt für die Beschuldigten im Wettbüro-Fall die „Hand-zu-Hand-Vorschrift“. Diese besagt, dass die Verdächtigen stets von einem Justizvollzugsbeamten begleitet werden müssen. Für Rockerchef Kadir P. sollen sogar zwei Wachmänner abgestellt sein. Bei Gesprächen mit seiner Frau sei das Paar durch Plexiglas getrennt.
Die Verhaftungswelle war durch Ermittlungen und Aussagen eines Kronzeugen in Gang gekommen, der, um ins Zeugenschutzprogramm zu gelangen, Aussagen gegen seine „Brüder“ gemacht hatte. Die Polizei erhofft sich einen Einblick in die Machenschaften der Rockerszene. Sorge bereitet Polizisten aber, dass der Kronzeuge mit Spitznamen „Perser“ durch seine Aussagen im Fall Tahir Ö. zu einer Entlastung von Kadir P. beitragen könnte.
„Er sagt in anderen Fällen sehr detailliert aus, will aber keinen echten Mordauftrag von Kadir P. gehört haben“, so ein Ermittler. Sinngemäß sei es um den Auftrag gegangen, den später Getöteten unter Druck zu setzen – dieser hatte einen Freund des Kronzeugen mit einem Messer verletzt, offenbar sollte er dafür bestraft werden. Polizisten haben die Sorge, dass der „Perser“ seine Aussagen verwässert, um seine eigene Rolle herunterzuspielen und eine geringere Strafe zu bekommen. „Das könnte zur Folge haben, dass Kadir P. möglicherweise davonkommt“, so ein Beamter.




