Bildung

400 Neuköllner Grundschüler suchen neue Lehrer

An der Hans-Fallada-Grundschule fehlen Pädagogen – wie an vielen anderen Schulen. Schulleiter Carten Paeprer hat am vergangenen Sonntag ein weißes Tuch mit der Aufschrift „Lehrer gesucht“ aufgehängt.

Foto: Massimo Rodari

Das weiße Tuch mit der Aufschrift „Lehrer gesucht“ hängt noch immer an der Fassade der Neuköllner Hans-Fallada-Grundschule. Schulleiter Carsten Paeprer hatte es am vergangenen Sonntag dort befestigt. Er wusste, dass ein Bus voller Lehrer aus anderen Bundesländern an seiner Schule vorbeikommen würde, und wollte nichts unversucht lassen.

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) hatte diese Lehrer eingeladen, um sie für die Arbeit in der Hauptstadt zu erwärmen. In Berlin fehlen noch immer mehr als 2000 Pädagogen. Besonders dramatisch ist die Lage an den Grundschulen, weil es viel zu wenige Grundschullehrer gibt, die die offenen Stellen besetzen könnten. Auch von den Lehrern im Bus hat sich bisher niemand an der Fallada-Schule gemeldet.

Erst ein Vertrag ist unterschrieben

Carsten Paeprer braucht zum neuen Schuljahr mindestens acht neue Kollegen für die 400 Schüler. Lediglich zwei hat er bisher gefunden, wobei erst einer seinen Arbeitsvertrag schon unterschrieben hat. Paeprer wird weiter suchen. Große Hoffnung, alle freien Stellen besetzen zu können, hat er allerdings nicht. Bei den Einstellungscastings haben er und seine Schulleiterkollegen feststellten müssen, dass kaum ausgebildete Grundschulpädagogen unter den Bewerbern sind.

Die anderen, Studienräte und Lehrer mit zwei Fächern, wollen lieber am Gymnasium arbeiten oder an einer Sekundarschule mit gymnasialer Oberstufe. Vor Grundschulen mit ihrer heterogenen Schülerschaft und teilweise vielen Kindern nicht deutscher Herkunft, schrecken sie zurück. Für viele zählt auch, dass Oberschullehrer noch immer einen besseren Ruf haben als Grundschulpädagogen.

Dabei werden allein an den Grundschulen mindestens 1000 Lehrer gebraucht. Das hat damit zu tun, dass viele Kollegen jetzt in den Ruhestand gehen. Ein großer Teil der Grundschulen sucht deshalb nicht nur einen oder zwei Lehrer, sondern gleich sieben oder acht. So ist es auch an der Hermann-Sander-Grundschule in Nordneukölln.

Bewerber wollen oft nicht an den Stadtrand

Schulleiterin Rita Templina muss acht Stellen neu besetzen. Bisher hat sie eine Kollegin für ihre Schule begeistern können. „Auch bei uns macht sich die Pensionierungswelle bemerkbar, hinzu kommt, dass vier Umsetzungsanträge genehmigt worden sind“, sagt Templina. Die betreffenden Kolleginnen hätten seit langem darauf gewartet, an eine Schule in Wohnortnähe wechseln zu können. „Da jetzt fast überall Lehrer fehlen, sind die Anträge nun genehmigt worden.“

Auch die Grundschule am Hollerbusch in Hellersdorf braucht Lehrer. Dort fehlen sechs Kollegen. An der Hohenschönhausener Brodowin-Grundschule müssen acht Lehrer eingestellt werden. In Marzahn-Hellersdorf haben sie ein zusätzliches Problem. Kaum jemand will an einer Schule in Stadtrandlage arbeiten. Da sich die Bewerber derzeit aussuchen können, wo sie hingehen möchten, werden diese Schulen meist links liegen gelassen.

Mehr und mehr Grundschulleiter fürchten inzwischen um ihr Schulkonzept. Können sie die vielen offenen Stellen nicht besetzen, sind Projekte und besondere Lernformen in Gefahr. So ist es auch an der Hans-Fallada-Grundschule. Die Einrichtung an der Harzer Straße liegt mitten im sozialen Brennpunkt. Der Anteil von Schülern nicht deutscher Herkunft beträgt 92 Prozent. Mehr als 80 Roma-Kinder lernen an der Schule.

Integrationskonzepte sind in Gefahr

Das Kollegium hat all diese Herausforderungen angenommen und ein Schulprogramm entwickelt, das sich sehen lassen kann. Die Kinder lernen in jahrgangsgemischten Gruppen, es gibt viel Teilungs- und Sprachförderunterricht. Kernstück der Schule ist eine Lernwerkstatt. Dort wird geforscht und experimentiert. Die Kinder werden mit naturwissenschaftlichen Phänomenen vertraut gemacht und üben dabei gleichzeitig das Sprechen und Schreiben.

An diesem Mittwoch hat die Gruppe A1 Unterricht in der Lernwerkstatt. Die Kinder sind gern dort. Einige üben, wie man einen Würfel konstruiert, andere bauen einen Stromkreis auf. Sie sollen herausfinden, welche Materialien den Strom besonders gut leiten. Lehrerin Petra Engelhardt sagt, dass die Kinder in der Lernwerkstatt Wissen erwerben und es gleich auch praktisch anwenden können. „Dazu bedarf es aber einer intensiven Begleitung durch gut ausgebildete Grundschulpädagogen.“

Schulleiter Carsten Paeprer sucht deshalb Kollegen, die Erfahrung mit jahrgangsgemischtem Unterricht und offenen Lernformen haben. Quereinsteiger würde er ungern einstellen. „Für jeden Quereinsteiger bräuchte ich einen Betreuer“, sagt er. Mit der dünnen Personaldecke sei das nicht zu leisten.

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