Dass sich das Berliner Landeskriminalamt (LKA) im Zusammenhang mit dem Mord an Tahir Ö. im Januar schwerwiegende Fehler geleistet hat, stellte sich bereits zwei Wochen nach der Tat heraus. In der Folge gab es bei der Polizei interne Untersuchungen und auch personelle Konsequenzen. Jetzt sind neue Details über die Ermittlungspanne bekannt geworden, die Innensenator Frank Henkel (CDU) nun einräumen musste. Hauptsächlich geht es um die bereits festgestellte Fehleinschätzung der Gefährdung des späteren Opfers, obwohl die Polizei von Morddrohungen wusste.

Am Abend des 10. Januar 2014 stürmen 13 maskierte Männer das Wettbüro „Expekt“ an der Residenzstraße in Reinickendorf und erschießen den 26 Jahre alten Rocker Tahir Ö. Weil die Tat auf einer Überwachungskamera festgehalten wird, führen die Ermittlungen relativ schnell zu Festnahmen vieler Tatverdächtiger. Doch gleichzeitig wurde bekannt, dass die Polizei von Morddrohungen wusste, aber keinerlei Maßnahmen zum Schutz des späteren Opfers ergriffen hatte. Der Grund dafür ist nach Angaben von LKA-Leiter Christian Steiof, dass man Tahir Ö. im Ausland vermutet hatte. Tatsächlich gab es seit November 2013 von einem Informanten der Polizei gegenteilige Hinweise, über die LKA-Chef Steiof aber erst später informiert wurde.

Vier Hinweise auf einen Mordauftrag

Zudem gingen bei einem Fachkommissariat innerhalb weniger Tage vier Hinweise auf einen Mordauftrag gegen Tahir Ö. ein, heißt es in einer Antwort Henkels auf eine Parlamentarische Anfrage des Grünen-Innenexperten Benedikt Lux. Bis zu Ö.s Tod hielt das LKA jedoch die schon am 5. November getroffene Bewertung aufrecht, „dass ein gefährdendes Ereignis für den mit dem Tod bedrohten Tahir Ö. für wenig wahrscheinlich gehalten“ wird, heißt es in dem zweiseitigen Papier weiter, das den Abgeordneten seit dieser Woche vorliegt. Pikant ist zudem die Tatsache, dass trotz dieser – später als falsch erwiesenen – Einschätzung vom 2. Dezember 2013, auf Anregung der Polizei und von der Staatsanwaltschaft genehmigt, Telefonüberwachungen erfolgten. Offenbar ein Beleg dafür, dass die Hinweise auf Morddrohungen von einigen Ermittlern ernster genommen wurden, als die Gefährdungsanalyse es besagte. Dies sei ein Widerspruch, der nicht von der Hand zu weisen sei, räumte Innensenator Henkel jetzt schriftlich in seiner Antwort ein.

Der Abgeordnete Benedikt Lux spricht von einer schweren Schlappe der Polizei, die daraus Konsequenzen ziehen müsse und die auch bereits zur Versetzung der zuständigen Dezernatsleiterin geführt habe. „Ich erwarte von der Berliner Polizei, dass sie grundsätzlich alles unternimmt, um einen Auftragsmord zu verhindern“, sagte der Grünen-Abgeordnete am Freitag der Berliner Morgenpost.

Das Mordopfer Tahir Ö. selbst war sich seiner Gefährdung überaus bewusst. Der 26-Jährige trug lange vor seiner Ermordung ständig eine schusssichere Weste und eine Pistole bei sich.