Wieder einmal ist es bei zentralen Prüfungen für Schüler zu einem erheblichen Zwischenfall gekommen. Eine Panne im Zusammenhang mit den Mathematik- und Englisch-Prüfungsaufgaben für den Mittleren Schulabschluss (MSA) führte in Berlin und Brandenburg am Dienstag dazu, dass ein Notfallszenario greifen musste. Die Aufgaben wurden ausgetauscht.
Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres und Brandenburgs Bildungsministerin Martina Münch (beide SPD) hatten am Montagmorgen beschlossen, für die Mathematikprüfungen am Dienstag sowie für die am Donnerstag folgenden Englischprüfungen neue Aufgaben auszugeben.
Für die Verwaltungen und die Schulen bedeutete der Austausch der Aufgaben einen erheblichen Mehraufwand. Für die Schüler hatte es hingegen kaum Auswirkungen. Die Prüfungen mussten jedenfalls nicht verschoben werden. Die Mathematikprüfungen am Dienstag verliefen ohne Zwischenfälle.
125.000 Blätter mussten in Berlin neu gedruckt werden
In Berlin konnten die neuen Matheaufgaben allerdings nicht mehr rechtzeitig am Prüfungstag an die Schulen verteilt werden, wie das sonst gemacht wird. Sprecher Thorsten Metter sagte, dass die Bildungsverwaltung am Montag 125.000 Matheaufgabenblätter neu habe drucken müssen. „Fünf Drucker waren bis 21.30 Uhr im Einsatz.“ Vertreter der betroffenen Schulen mussten sie am Dienstag von 7 Uhr an bei der Bildungsverwaltung abholen.
Kleinere Schulen nutzten indes die Internetplattform des Instituts für Schulqualität, um an die neuen Aufgaben zu kommen. Die Schulleiter luden sich die Aufgaben dort mit Hilfe eines speziellen Passwortes herunter und vervielfältigten sie in der Schule. In Brandenburg mussten alle Schulen so verfahren und sich die Aufgaben selbst ausdrucken, wie Stephan Breiding, Sprecher des Bildungsministeriums bestätigte. Bei den meist langen Wegen hätten es die Schulen nicht mehr geschafft, sich die Aufgaben im Ministerium abzuholen.
Mit den Unterlagen für die Englisch-Prüfung werde ebenso verfahren. In Berlin werden die neuen Englischaufgaben indes wie üblich am Donnerstagmorgen an die Schulen ausgeliefert werden. „Anders als bei der Matheprüfung haben wir ja drei Tage Zeit, die neuen Aufgaben auszudrucken“, so Thorsten Metter.
33.000 Schüler an mehr als 300 Berliner Schulen betroffen
Ursache für die Entscheidung, die Prüfungsaufgaben zu ändern, ist ein Einbruch an der privaten Immanuel-Schule in Oranienburg. Neben verschiedenen Wertgegenständen sind bei diesem Einbruch in der Nacht von Sonnabend auf Sonntag auch die Aufgaben für die MSA-Prüfungen in Mathematik und Englisch gestohlen worden.
Sandra Scheeres und Martina Münch hatten nach Bekanntwerden dieser Tat gemeinsam beraten, wie mit diesem Vorfall umzugehen sei. Scheeres Sprecher Thorsten Metter sagte dazu: „Das Risiko, dass die Aufgaben vorab veröffentlicht werden könnten und die Prüfungen dann wiederholt werden müssten, war zu groß, deshalb wurde entschieden, neue Aufgaben zu verwenden.
In Berlin waren insgesamt 33.000 Schüler an mehr als 300 Schulen betroffen, Sekundarschüler und Gymnasiasten, aber auch Schüler von Fachoberschulen und Berufsschulen. In Brandenburg waren es lediglich 10.000 Schüler an 179 Schulen. Dort müssen, anders als in Berlin, die Gymnasiasten andere MSA-Prüfungsaufgaben lösen als die Schüler von Oberschulen und Gesamtschulen.
Schwierigkeitsgrad blieb unverändert
Sowohl Metter als auch Breiding versicherten, dass die geänderten Prüfungsaufgaben denselben Schwierigkeitsgrad haben wie die ursprünglich vorgesehenen Aufgaben. Das gemeinsame Landesinstitut für Schule und Medien in Ludwigsfelde entwickele seit Jahren drei verschiedene Aufgabenpakete für jedes Prüfungsfach, hieß es. Die Aufgaben hätten alle dasselbe Anforderungsniveau. Mehrere Aufgabenvarianten seien auch deshalb nötig, weil es immer Schüler gebe, die die Prüfungen nachschreiben müssen.
2008 war es zum ersten Mal zu einer Panne bei zentralen Prüfungen gekommen. Damals musste in Berlin die Mathematik-Prüfung für den Mittleren Schulabschluss komplett wiederholt werden. 28.000 Schüler der zehnten Klassen waren betroffen. Hintergrund für diese Entscheidung war die Tatsache, dass ein Teil der Prüfungsaufgaben vorab bekannt geworden waren. Die Aufgaben waren im Internet aufgetaucht. An zwölf Schulen habe es Hinweise gegeben, dass Schüler die Aufgaben bereits gekannt hätten, hieß es damals in der Senatsbildungsverwaltung. Wie die zentral vorgegebenen Aufgaben durchsickern konnten, ist bis heute nicht geklärt.
Der Zwischenfall führte allerdings zu verschärften Sicherheitsvorkehrungen bei der Übermittlung der Prüfungsaufgaben an die Schulen. In Berlin werden den Schulleitern die Prüfungsbögen seitdem erst am frühen Morgen des jeweiligen Prüfungstages durch einen Boten überbracht. Im Flächenland Brandenburg bekommen die Schulen die Aufgaben zwar einige Tage vor der Prüfung, müssen sie aber sofort wegschließen. Stephan Breiding dazu: „Brandenburg ist groß, wir würden es nicht schaffen, die Aufgaben erst am Tag der Prüfung zu verteilen.“
Täter noch unbekannt
Im Fall des Einbruchs in die Immanuel-Schule ermittelt jetzt die Polizei. Zu den Tätern gibt es bisher keine Erkenntnisse. Sprecher Stephan Breiding sagte: „Wir wissen deshalb auch nicht, ob der Einbruch vorsätzlich geschehen ist, um an die Prüfungsaufgaben zu kommen oder ob die Täter die Aufgaben nur durch Zufall gefunden und mitgenommen haben.“
Die Berliner Bildungsverwaltung prüft jetzt Schadenersatzansprüche gegen die Oranienburger Immanuel-Schule. „Die Panne hat zu einem großen Aufwand innerhalb der Verwaltung und der Schulen geführt“, begründete Sprecher Thorsten Metter dieses Vorgehen. Schließlich müssten nun auch noch die neuen Prüfungsfragen für Englisch ausgedruckt und verteilt werden.
In Brandenburg hieß es am Dienstag, dass die Schulaufsicht des Landes werde prüfen, ob ein schuldhaftes Versagen der Immanuel-Schule vorliege. „Wir werden untersuchen, ob die Schule alles richtig gemacht und die Prüfungsunterlagen ordnungsgemäß weggeschlossen hat oder fahrlässig mit den Aufgaben umgegangen ist“, sagte Sprecher Stephan Breiding. Berlin und Brandenburg würden nun gemeinsam überlegen, ob es technische Alternativen für die Übermittlung der Prüfungsaufgaben gibt, damit sich ein solcher Vorfall nicht wiederholt.




