11.45 Uhr, der Mathematikunterricht ist beendet, die Schüler kommen in den Aufenthaltsraum. 15 Minuten Pause. Zwei Schüler stellen sich an die Tischtennisplatte, andere lümmeln auf den drei Sofas, reden über die bevorstehenden Prüfungen oder den Abstiegskampf in der Fußball-Bundesliga. Eigentlich wie an jeder x-beliebigen Schule – und doch ganz anders.

Denn die Schüler haben eines gemeinsam: Alle waren einmal drogen- oder alkoholabhängig. Heute sind sie clean und auf dem Weg zurück in ein normales, selbstbestimmtes Leben. Die Tannenhof-Schule in Neukölln hilft ihnen dabei. Mehr noch, sie ist ihr Lebensmittelpunkt, ihr Anker.

Vor 26 Jahren wurde die Tannenhof-Schule gegründet, seit 2009 hatte das Projekt den Status eines Schulversuchs. Nun wurde es auf Bestreben von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) in eine „Schule besonderer pädagogischer Prägung“ umgewandelt. Das Prädikat gilt ab dem Schuljahr 2014/15.

Anteilige Mietkosten stehen fest im Senatsetat

Damit verbunden ist, dass Scheeres im Haushalt 2014/15 erstmals die anteiligen Mietkosten durch einen Haushaltstitel aufgenommen hat, der Zuschuss beträgt pro Jahr 50.000 Euro. Ohnehin finanziert die Senatsbildungsverwaltung die Stellen für die sechs Lehrkräfte der Tannenhof-Schule mit gut 380.000 Euro pro Jahr sowie die der Schulsozialarbeiten mit rund 53.000 Euro.

Die Schule ist ein besonderes Angebot des zweiten Bildungsweges. In einer rund 550 Quadratmeter großen Fabriketage an der Mahlower Straße in Neukölln können sich junge Menschen mit Suchthintergrund, die nicht mehr schulpflichtig sind, auf drei verschiedene staatlich anerkannte Schulabschlüsse vorbereiten: den einfachen Hauptschulabschluss, den erweiterten Hauptschulabschluss und den mittleren Schulabschluss.

Der Unterricht findet an fünf Tagen pro Woche in drei Klassenstufen statt, dabei werden die Schüler auf alle Fächer vorbereitet, die in der Abschlussprüfung eine Rolle spielen. Diese Prüfungen können die Tannenhof-Lehrer künftig selbst abnehmen, auch das ist eine Konsequenz des neuen Status.

Freizeit wird mit Wahlpflichtkursen sinnvoll gestaltet

Zusätzlich zum Unterricht gibt es nachmittags verschiedene Pflicht-, Wahlpflicht- und Freizeitkurse, um Kenntnisse aufzufrischen, zur Vorbereitung auf einen Neu- oder Wiedereinstieg ins Berufsleben oder um die eigene Freizeit sinnvoll ohne Drogen zu gestalten. Angeboten werden beispielsweise Kurse in Deutsch, Englisch und Mathematik sowie in Kunst, Musik, Kochen und Sport. 90 Schüler besuchen derzeit die Schule, nach den Sommerferien werden es 100 sein. Betreut werden sie nicht nur von den Lehrern und der Sozialarbeiterin, sondern auch von mehreren Dozenten, Studenten im Praktikum und freiwilligen Mitarbeitern.

Im Zentrum des Teams steht die Schulleiterin, Studienrätin Gabriele Laubmann, 57. Sie ist seit den Anfangstagen 1988 dabei. Träger der Schule ist der gemeinnützige Verein Tannenhof Berlin-Brandenburg, der 1979 gegründet wurde und unter dem Motto „Wege aus der Sucht und Hilfen für Kinder und Jugendliche“ tätig ist. Unter anderem betreibt er mehrere ambulante und stationäre Einrichtungen der Suchttherapie und -rehabilitation.

„Die Arbeit der Tannenhof-Schule ist ein wichtiges Projekt der Schulsozialarbeit in Berlin, das Jugendlichen eine zweite Chance eröffnet und die Perspektive auf einen Schulabschluss gibt“, lobt Bildungssenatorin Scheeres. Oft könnten ehemals Drogenabhängige wegen ihres Gesundheitszustands herkömmliche Angebote des zweiten Bildungsweges nicht ohne Weiteres erfolgreich besuchen. „Neben der Vermittlung des Fachunterrichts sind der Erwerb sozialer Kompetenzen wie Kommunikations- und Konfliktfähigkeit, Pünktlichkeit, Frustrationstoleranz sowie die Stärkung des Selbstwertgefühls von besonderer Bedeutung“, so Scheeres.

Wohnsitz, Therapie und Gewaltverzicht als Bedingung

Eine Besonderheit der Tannenhof-Schule sind dementsprechend die Qualifizierungskurse, in denen – vor den eigentlichen Unterrichtslehrgängen – diese sozialen Kompetenzen vermittelt werden. Wer dort nicht aussteigt, zeigt, dass er den Ansprüchen der Schule genügt. Die Fluktuation in den Qualifizierungskursen sei hoch, sie liege teilweise bei 50 Prozent, sagt Laubmann. Manche Neuankömmlinge würden unter sozialen Phobien leiden, andere unter Essstörungen oder Angstschüben. Um aufgenommen zu werden, müssen die Aspiranten einen festen Wohnsitz und eine Therapie absolviert haben, clean sein und sich zur Gewaltfreiheit verpflichten.

Je länger die Schüler zusammen sind, desto geringer werden die Abbruchquoten. Die 15 jungen Menschen, die sich derzeit auf den Realschulschluss vorbereiten, sind dieselben wie am Anfang. Zwischen sieben Monaten und drei Jahren bleiben die Schüler in der Tannenhof-Etage, je nachdem, welchen Abschluss sie anstreben. Die Erfolgsquote bei Prüfungen ist ungewöhnlich hoch, sie liegt bei 90 Prozent. Etliche machen anschließend ihr Abitur – oder kehren als Kursleiter an die Schule zurück.

„Das sind unsere Vorbilder“, sagt Kai. Zur guten Bilanz der Schule trägt bei, dass die Klassen mit 16 Schülern klein sind. Wichtig ist auch, dass viel in der Gruppe stattfindet. Um 10 Uhr wird gemeinsam gefrühstückt, um 13.30 Uhr Mittag gegessen, auch die Freizeit verbringen die Schüler im Team. Das ist wichtig, schließlich ist die Zusammensetzung viel heterogener als an anderen Schulen. Der Jüngste ist 17, der Älteste 45.

Die Suchtbiografie ist nicht tabu

Und alle müssen sich mit ihrer Suchtgeschichte auseinandersetzen. Klaus (Name geändert) zum Beispiel. Aufgewachsen in einer kleinen Stadt im Osten Deutschlands, machte er mit 16 seinen Hauptschulabschluss. „Ich war faul“, sagt er heute über sich. Die überbetriebliche kaufmännische Ausbildung schaffte er „irgendwie“. Zu der Zeit konsumierte er viele Drogen, aus Langeweile. Er dealte, rutschte in die Beschaffungskriminalität, kam in den Jugendarrest.

Klaus schaffte den Absprung, machte eine Therapie. Zur Tannenhof-Schule kam er durch einen Zufall: Er begleitete eine Freundin, die sich anmelden wollte. Die Schule gefiel ihm. Er blieb. Nun wohnt er in einer betreuten Einrichtung, etwas anderes traue er sich noch nicht zu. Aber er hat Pläne. Den Realschulabschluss will er machen, dann Abi, dann studieren. Er möchte Lehrer werden.