Wer 100 Kilo Kokain ins Land schmuggelt, landet zehn oder zwölf Jahre im Gefängnis. Ausländer werden nach der Haftstrafe in der Regel abgeschoben. In einem der spektakulärsten Drogendealer-Verfahren der vergangenen Jahre in Berlin liegen die Dinge jedoch anders. Die Täter, vier Berliner Türken und ein deutscher Helfer, wurden nur zu maximal vier Jahren und fünf Monaten verurteilt. Ob sie des Landes verwiesen werden, ist noch offen. Dass weiterhin Gefahr ausgeht von den Männern, was ein Grund für die Abschiebung wäre, bezweifelt nicht nur der Anwalt eines Verurteilten.

„Die Tat ist eigentlich von Polizeiinformanten eingefädelt, geplant und auch durchgeführt worden“, schreibt der Jurist Hans-Georg Lorenz an die Berliner Ausländerbehörde, die über den Aufenthaltsstatus der Männer entscheidet. Im Kern lautet das Argument, dass die zwischen 45 und 52 Jahre alten Familienväter keine professionellen Drogendealer seien, sondern weitgehend unbescholtene Bürger, die in dem Riesendeal die Chance witterten, finanzielle Schwierigkeiten zu lindern.

Argumentationshilfe für das ausländerrechtliche Verfahren bietet dem Anwalt das Urteil des Landgerichtes Berlin von 2013, das vom Bundesgerichtshof bestätigt wurde. Die Richter erkannten eine „rechtsstaatswidrige Tatprovokation“. Ohne tatkräftige Hilfe verdeckter Ermittler und eines Polizei-Spitzels hätte es den Deal nie gegeben.

Berliner Polizei bekam Tipp von Zollfahndern

Die Geschichte beginnt im September 2009. Die Berliner Polizei bekommt einen Tipp von Zollfahndern in Bremen. In einem türkischen Kulturverein im Charlottenburger Kiez handele jemand mit Vornamen „Namik“ mit Heroin. Die Ermittler hören zunächst die Mobiltelefone des Verdächtigen ab. Nachdem dabei nichts greifbares herauskommt, setzten sie eine „Vertrauensperson“ auf den Türken an, gegen Tageshonorar und Prämie bei einem erfolgreichen Abschluss. Je mehr Rauschgift beschlagnahmt würde, desto mehr Geld sollte „Moharem“ erhalten. So steht es in dem Urteil.

„Moharem“ besucht also das türkische Kaffee im November 2009 und freundet sich mit dem Kulturvereinsvorsitzenden Namik A. an. Er gibt sich selbst als Heroindealer aus, der Kontakt zu einem korrupten Mitarbeiter der Zollkontrolle in Bremerhaven habe. Dieser Kontaktmann könne ganze Container ohne Kontrolle aus dem Hafen herausbringen. Im Café zahlt er seine Zigaretten stets mit einem Hunderter. Aber weder das großspurige Auftreten des Spitzels noch die vor dem Café installierten Überwachungskameras bringen Erkenntnisse über Drogengeschäfte.

Die LKA-Beamten beauftragen „Moharem“ deshalb, den Verdächtigen direkt anzusprechen und von der Möglichkeit zu berichten, Heroin über Bremerhaven einschmuggeln zu können. Namik antwortet jedoch, er wolle mit dem „Dreckszeug Heroin“ nichts zu tun haben. Als der Spitzel wenige Tage später das Gespräch auf Kokain bringt, zeigt sich der Mann offener. Bisher hat er aber nur hin und wieder ein Auto verkauft, auch Mal eine Fuhre Raki oder einen Laptop, bisweilen auch unversteuerten arabischen Wasserpfeifentabak aus Holland eingeführt.

Ermittler erhöhen den Druck

Weil sich das nach der Schilderung „Moharems“ so einfach anhört, will Namik ins Kokain-Geschäft einsteigen. Der klamme Gastwirt hofft, in der Türkei ein Hotel eröffnen zu können. Allerdings hat er weder Geld noch Kontakte, um Rauschgift in Südamerika zu beschaffen. Und so lässt er die Sache schleifen. Die Ermittler, so stellt das Gericht fest, erhöhen daraufhin den Druck. Im August 2010 fährt der Spitzel mit Namik in dessen altem Mercedes nach Bremerhaven, um den Mann vom Zollamt zu treffen, der in Wahrheit ein verdeckter Ermittler der Polizei ist. Für 50.000 Euro würde er die Drogen durch den Zoll schaffen, verspricht „Klaus“.

„Eine solch einmalige Gelegenheit wollte er sich nicht entgehen lassen“, schreiben die Richter. Die Führungspolizisten sind auch zufrieden. Zumal der Spitzel ihnen von einem Gespräch mit Namik berichtet. Dieser habe mal versucht, 270 Kilo Heroin nach Mazedonien zu bringen. Der Deal sei aber geplatzt, weil das Schiff für den mazedonischen Hafen zu groß gewesen sei. Ob dieses Gespräch wirklich stattgefunden hat, steht nicht fest. „Obwohl Mazedonien als Binnenstaat gar nicht über einen Hafen verfügt, schenkten die Ermittler den Angaben der Vertrauensperson Glauben, ohne sie einer Überprüfung zu unterziehen“, kommentieren die Richter.

Nach dem Besuch in Bremerhaven fühlt sich Namik in der Pflicht, das Geschäft hinzukriegen, um nicht als unzuverlässig dazustehen. Er klappert alte Bekannte ab in der Hoffnung, dass einer Kontakte ins Drogenmilieu hat. Ein Bekannter macht mit und gibt vor, nach Südamerika zu fliegen. Namik muss sich 50.000 Euro bei einem Geldverleiher pumpen, um den Mann zu bezahlen und ihm Geld für eine Anzahlung zu geben. Aber der Bekannte reist zum Jahreswechsel 2010/11 nicht nach Venezuela, sondern in die Türkei, wo er einen Teil des Geldes verzockt.

In der Ehre angezweifelt

So platzt der erste Transporttermin. „Klaus“ reagiert ungehalten, er fragt, ob Namik nur ein „Quatscher“ sei. Der fühlt sich an seiner Ehre gepackt und sieht sich gezwungen, weiter zu machen. Zwei Bekannte fliegen nach Venezuela, aber Drogenkontakte zu knüpfen gelingt ihnen nicht. Weil diesen das ebenfalls peinlich ist, erzählen sie Namik nun ihrerseits Lügengeschichten. Tatsächlich passiert nichts. Bei einem weiteren Treffen auf einem Autohof bei Magdeburg bietet der angebliche Zollamts-Mann „Klaus“ dann sogar an, selber Kontakte in Südamerika zu aktivieren, um an die Drogen zu kommen. Namik gibt vor, bereits Kokain reserviert zu haben, das Kilo zu 5000 Dollar.

Bewegung kommt in die Pläne laut dem Urteil erst, als im Frühjahr 2011 ein Bekannter namens Hakki S. Namik erzählt, er werde nach Holland fahren und arabischen Wasserpfeifentabak günstig besorgen. Er habe aber kein Geld. Namik hilft mit dem Rest der wiederum von ihm selbst geliehenen 50.000 Euro. Hakki und Namik fahren nach Holland und treffen dort auf Leute, die wirklich Kontakte nach Südamerika haben. Ein Araber und zwei Südamerikaner zeigen sich interessiert an der vermeintlich sicheren Einfuhrmöglichkeit über Bremerhaven. Weil die Berliner aber kein Geld haben, vereinbaren sie ein Kommissionsgeschäft. Die Südamerikaner schicken 100 Kilo Kokain, davon dürfen Namik und seine Leute 16 Kilogramm behalten. Dabei rechneten sie mit einem Verkaufserlös von bis zu 600.000 Euro.

Im Sommer 2011 mietet Namik in Bremerhaven eine Wohnung, um dort die heiße Ware zwischenzulagern. Dem verdeckten Ermittler „Klaus“ muss er einen Teil des versprochenen Geldes schuldig bleiben. Am 17. August gegen sechs Uhr morgens läuft die „Carlotta Star“ mit einer Ladung Rohkaffee aus Peru in Bremerhaven ein. Einen Tag später machen sich „Klaus“ und Namik auf den Weg in den Hafen zu dem Container. Namik knackt das Siegel mit einem Bolzenschneider, den ihm der verdeckte Ermittler überreicht.

Größter Erfolg seit 33 Jahren

Sie bringen die Fracht in einem von der Polizei verwanzten Transporter in die Bunker-Wohnung, wo zwei Komplizen die Ware am Nachmittag übernehmen. Das SEK stürmt die Wohnung und überwältigt die Kuriere. Zeitgleich nehmen Polizisten den stets observierten Namik im Bremerhavener Lloyds Hotel und die weiteren Mittäter in Berlin fest.

Einen Tag später verkündet die Berliner Staatsanwaltschaft den größten Drogenfund seit 33 Jahren. Zwei Jahre hatte es gedauert, die Kleinganoven zum Drogenschmuggel in großem Stil zu motivieren.

Derzeit sind Namik und seine Helfer auf freiem Fuß, weil ihnen das Gericht Haftverschonung gewährte. Anwalt Lorenz hofft, dass das Urteil des Landgerichts auch die Ausländerbehörde zu der Erkenntnis bringt, die Familienväter nicht auszuweisen. Damit die Beamten Zeit für die Lektüre bekommen, hat er im Anhörungsverfahren erst einmal Fristverlängerung beantragt.