Moritz-Franz ist stur, schließlich ist er ein Ochse. Gerade hat das Jungtier einen ergiebigen Weideplatz gefunden, da will es sich weder das Halfter umlegen noch fortführen lassen. Tierpfleger Thomas Lüffe redet ihm ruhig zu, während Max-Hans bereits mit Halfter und Strick geduldig wartet. Schließlich siegt die Neugier. Gemächlich trotten beide Tiere los. Es ist eine kleine Generalprobe, denn am Sonntag muss es klappen. Dann werden die beiden Hinterwälder-Ochsen durch das Palisadentor Einzug halten in das Museumsdorf Düppel und mit einem Hirtenfest offiziell ins mittelalterliche Dorfleben eingeführt.
Die beiden Jungochsen sind der Neuzugang in dem Dorf, in dem auf etwa acht Hektar zu erfahren ist, wie die Bauern vor 800 Jahren im Hochmittelalter lebten. Auf den Grundrissen ausgegrabener Gebäude sind die Häuser wieder aufgebaut worden, dazu Zäune, Palisaden, Brunnen und Backöfen. In der historischen Siedlung zeigen Schmied, Weber, Schuster und Imker ihr Handwerk. Die möglichst authentische Darstellung des Dorflebens im Mittelalter sei nur ein Anliegen, sagt Mamoun Fansa, Vorsitzender des Förderkreises.
Museumsbesucher schlagen Namen vor
Auf dem Gelände solle auch die Landwirtschaft aus dieser Zeit gezeigt werden. Dazu gehörten zum Beispiel der Anbau alter Getreidesorten, wie Roggen, aber auch die Rückzüchtung von Tieren. Das Düppeler Weideschwein ist ein bereits bekanntes Beispiel dafür. Bis zu 40 Skudden – eine alte Schafrasse – bevölkern Weiden und Ställe.
Jetzt gehören auch Max-Hans und Moritz-Franz zum Tierbestand. Bei der Namensgebung waren die Museumsbesucher gefragt. Etwa 60 Vorschläge seien eingegangen, sagt Museums-Koordinatorin Katrin Pfützner. Daraus hätte man die besten, die auch ins Mittelalter passten, herausgesucht. So seien die Doppelnamen zustande gekommen. Die beiden Hinterwälder-Ochsen – eine gefährdete Art mit einem zotteligen Fell im Winter – stammen aus dem Schwarzwald. „Sie sind robust und besonders klein“, sagt Tierpfleger Thomas Lüffe. Mit ihren Körpermaßen entsprechen sie einem Ochsentyp, der aufgrund von Knochenfunden im Hochmittelalter nachgewiesen werden konnte. Daher passen sie ins Dorf.
Mittlerweile haben sich die beiden Ochsen schon eingelebt. Sie haben die Düppeler Schweine kennengelernt und verstanden, dass man eine trächtige Sau lieber in Ruhe lässt. Und sie sind an den Menschen gewöhnt. Doch damit ist ihre Ausbildung nicht zu Ende. Das mittelfristige Ziel sei, dass Kinder auf den Ochsen reiten können, sagt der Tierpfleger. Langfristig sollen sie schließlich vor den Karren gespannt werden und einen Wagen mit Kindern hinter sich herziehen.
Besucher können das Gelände auch ohne Führung erkunden
Große Ziele hat sich auch der Vorsitzende des Förderkreises gesetzt. Von einem „Zehn-Punkte-Plan“ spricht Mamoun Fansa, den er bis Jahresende umsetzen will. Der Prähistoriker ist ein Vertreter der experimentellen Archäologie, die den wissenschaftlichen Ansatz hat, die Lebensbedingungen der jeweiligen Zeit nachzuahmen. Das soll mehr und mehr in Düppel ausgebaut und weiterhin von Wissenschaftlern begleitet werden.
20.000 Besucher kamen 2013, darunter etwa drei Schulklassen pro Tag. In diesem Jahr sollen es mindestens 25.000 Besucher werden. Das ist ein realistisches Ziel, denn die Öffnungszeiten wurden um einen Tag erweitert. Besucher können jetzt nicht nur am Donnerstag, von 15 bis 19 Uhr, und an Sonn- und Feiertagen von 10 bis 17 Uhr kommen, sondern auch am Sonnabend von 10 bis 17 Uhr. Der Eintritt beträgt an Tagen ohne Veranstaltung drei Euro, ermäßigt 1,50 Euro. Da das Museum hauptsächlich von Ehrenamtlichen betrieben wird, werden nicht immer alle Handwerke vorgeführt.
Neu ist auch, dass Besucher das Museumsgelände auch ohne Führung gut erkunden können. Dafür wurden Tafeln mit Erklärungen an den einzelnen Stationen angebracht – eine Selbstverständlichkeit, die vorher aber abgelehnt worden sei, erzählt Mamoun Fansa. So erschließen sich Reste von Holzbalken als ein Langzeitexperiment, um zu erfahren, wie lange der Verfall eines Holzhauses dauert.
In Berlin geht alles etwas bedächtiger zu
Überarbeitet wurde auch die Dauerausstellung. Darin ist ausführlich nachzulesen, was im Dorf zu erkunden ist. Zu sehen sind aber auch Originalteile von Brunnen, Keramikgefäßen, Schuhen und Kleidung. Der Förderkreis wird im Juni einen Museumsführer herausgeben. Darin erfährt der Besucher etwas über die Grabungsergebnisse und den Wiederaufbau des Dorfes. Kleine Schritte, um das Museum ins 21. Jahrhundert zu holen, aber dosiert, das ist die Devise von Mamoun Fansa. „Auf keinen Fall soll das Museumsdorf ein Disneyland werden“, so der Chef des Förderkreises.
Noch bis zum Jahresende gehört das Museumsdorf zur Stiftung Stadtmuseum. Bereits jetzt darf der Förderkreis eigenständig handeln und die Fördergelder selbst verwalten. „Dann muss neu verhandelt werden“, sagt Fansa. Er strebt an, das Museumsdorf selbstständig unter dem Dach einer GmbH zu führen. Mit Lottomitteln hofft er dann, die Container am Eingang, in denen die Kasse, Toiletten und das Museum untergebracht sind, durch einen Neubau zu ersetzen. Diesen Plan hegt er schon lange. Doch er habe lernen müssen, sagt der Historiker, der vorher Museumsdirektor in Oldenburg war, dass in Berlin alles etwas bedächtiger zugehe.
„Hirtenfest und Ochseneinzug“ am Sonntag, 4. Mai, 10 bis 17 Uhr, Museumsdorf Düppel, Clauertstraße 11, 12 Uhr Einzug der Ochsen , Eintritt 4 Euro, ermäßigt 2 Euro, Kinder bis 12 Jahre frei. Informationen unter www.dueppel.de





