Großeinsatz

So bereitet sich die Polizei auf den 1. Mai in Berlin vor

7000 Beamte werden am Mittwoch und Donnerstag Berlin schützen. Doch die Personaldecke sei so dünn, dass Bereitschaftspolizisten teilweise bis zu 16 Stunden im Einsatz seien.

Foto: Steffen Pletl

Es ist sein sechster Einsatz am 1. Mai: Moritz K., 24, Polizeiobermeister, GdP-Mitglied und Angehöriger der 24. Einsatzhundertschaft. 22 Kilo Ausrüstung muss er bei seinen Einsätzen tragen, Waffe und Funkgerät inklusive. Wer ihn beim Anziehen beobachtet, ahnt die Strapazen, die ein 16- bis 20-Stunden-Einsatz mit sich bringt. Moritz K. ist einer von 7000 Beamten, die am Mittwoch und Donnerstag Berlin schützen sollen. Dabei gibt es Anzeichen, dass es ein friedlicher 1. Mai werden könnte – nach der Absage der NPD-Demonstration in Neukölln. Trotzdem bereitet sich die Polizei auf mögliche Ausschreitungen in Kreuzberg vor.

Polizisten wie Moritz K. werden gut geschützt. „Zuerst kommt nicht entflammbare Unterwäsche“, berichtet der junge Beamte. Dann folgen Schienbeinschützer, ein Genitalschutz und eine Schutzweste, an der Schulter- und Armprotektoren angebracht werden. Darüber die ebenfalls schwer entflammbare Einsatzkleidung und schließlich der Helm.

„Mit dem Helm sind wir eigentlich sehr zufrieden“, berichtet Stephan Kelm, neuerdings Mitglied im GdP-Vorstand und früher insgesamt 20 Jahre als Bereitschaftspolizist auf der Straße. „Der Helm ist jetzt dunkel, damit wir zur Nachtzeit im Einsatz nicht sofort zu erkennen sind und Ziel von Steinwurfattacken werden. Ein zweites Visier verhindert, dass das Hauptvisier durch die Schwitzerei beschlägt.“

Bis zu 17 Stunden im Einsatz

Dennoch müsse man physisch sehr fit sein, um die langen Einsätze durchzustehen, bei denen immer wieder gelaufen werden muss. „Bis zu drei Liter Flüssigkeit verlieren die Beamten im Schnitt. Und die Wasserversorgung ist bei den Krawallen ein großer logistischer Aufwand, also besorgen sich die Kollegen die Wasserflaschen selbst.“ Schon deshalb, so die neue Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Kerstin Philipp, müsse in Berlin Personal aufgestockt werden, damit die Beamten zeitiger von dem Einsatz abgelöst werden können.

„Und wir brauchen modernere Einsatzkleidung für mehr Atmungsaktivität. Ferner muss das Schuhwerk im Hinblick auf den Schutz des Fußes verbessert werden.“ Stephan Kelm beobachtet zudem mit Sorge, dass es auf Seiten der Autonomen regelrechte Arbeitsgruppen gibt, in denen nach Schwachstellen in der Ausrüstung der Polizei als auch in deren Vorgehen gesucht wird. „Leider stellt dies allein noch keine Straftat dar.“ Ein Bereitschaftspolizist, der seit vielen Jahren bei den schweren Krawallen eingesetzt ist, ist ob dieser Entwicklungen entsetzt. „Es ist einfach unglaublich, dass sich Menschen in einer demokratischen Gesellschaft zusammensetzen und überlegen, wie sie andere schwer verletzen können.“

Die Gewerkschaft der Polizei machte wenige Tage vor dem 1. Mai auf die personellen Schwierigkeiten der Polizei im Hinblick auf den bevorstehenden Großeinsatz aufmerksam. Die Personaldecke sei so dünn, dass die Beamten der Bereitschaftspolizei teilweise bis zu 16 Stunden im Einsatz seien, obwohl die Körperschutzausrüstung eigentlich nur für eine Tragezeit von maximal sechs Stunden ausgelegt ist“, kritisierte Kerstin Philipp. Zudem müsste Geld dazu verwandt werden, die Atmungsaktivität der Einsatzkleidung zu optimieren.

Erste Linken-Demo in der Walpurgisnacht durch Wedding

Mit Erleichterung wurde auf Seiten der Polizei zur Kenntnis genommen, dass die NPD ihren Antrag auf einen Marsch durch Neukölln am 1. Mai zurückgezogen hat. Das Vorhaben hatte zahlreiche Aufrufe linker Gruppen zur Verhinderung der Demonstration zur Folge gehabt. Nach Aussagen eines Polizeiführers wurde der verhinderte Aufmarsch durch Kreuzberg am 26. April innerhalb der rechten Szene als herber Rückschlag gewertet. Es gibt Hinweise darauf, dass sich die Rechten aus Berlin nun Veranstaltungen von Gleichgesinnten in Rostock anschließen könnten. Aus diesem Grund gibt es bereits wieder Mobilisierungen linker Organisationen im Netz, ebenfalls nach Rostock zu fahren, um sich dort dem politischen Gegner in den Weg zu stellen.

Die erste große Demonstration von linksradikalen Gruppen ist bereits für den Vorabend des 1. Mai, die Walpurgisnacht, in Wedding angemeldet. Nach Erfahrungen der vergangenen Jahre rechnet die Polizei aber mit einem friedlichen Abend. Der langjährige Wunsch der Polizei nach Regen in den kritischen Nächten, der Randalierern die Stimmung verderben soll, könnte endlich in Erfüllung gehen. Zumindest Mittwochnacht soll es laut dem Deutschen Wetterdienst nass werden. Und auch am Donnerstag gibt es wohl Wind und Schauer. Vor dem großen Straßenfest in Kreuzberg mit dem Motto „MyFest“, bei dem Zehntausende Besucher erwartet werden, werden in den kommenden Tagen Halteverbote eingerichtet. Autos und Glasflaschen will man am Feiertag in der Oranienstraße und den umliegenden Straßen möglichst nicht sehen. Diese Strategie trug zum Rückgang der Gewalt seit 2001 bei.