Der sogenannte Faktencheck hat eine erstaunliche Karriere hinter sich. In Frank Plasbergs Polittalkrunde „Hart aber fair“ ist er groß geworden. Wenn es dort um den Mindestlohn, die Homo-Ehe oder die Rente geht, kommt regelmäßig der Moment, wo Plasberg die Streitenden jäh unterbricht und ihn ankündigt, den Faktencheck. Was nun kommt, trägt dogmatische Züge. Eben waren wir noch im Reich der Ansichten und des Relativismus, nun geht es um Unverrück- und Unfehlbares, um die Wahrheiten, die in Stein gemeißelt sind.

Insofern ist es schon mutig, was Petra Gerster in dieser Sendung macht. Die ZDF-Nachrichtenmoderatorin ist mit ihrem Team nach Jerusalem gefahren, um herauszufinden, wie das Verfahren gegen Jesus Christus zustande kam, ob es rechtmäßig war und wer letztlich die Schuld am Tod des Mannes trug, der sich selbst als den Sohn Gottes bezeichnete. Herausgekommen ist der Film „Strafsache Jesus – Der Faktencheck mit Petra Gerster“, und mutig ist er deshalb, weil über dieses Thema ja nun schon etwas länger gestritten wird als über den Mindestlohn oder die Homo-Ehe.

Stumme Zeugen im Garten Gethsemane

Offen bleibt allerdings für die Dauer des gesamten Films, worin dieser Faktencheck eigentlich bestehen soll. Es beginnt damit, dass wir die Moderatorin im Garten Gethsemane sehen, wo sie uns von der Nacht erzählt, in der Jesus Christus gefangen genommen wurde. Darüber kursieren ja verschiedene Darstellungen. Einigen ist zu entnehmen, Jesus sei nach dem verräterischen Kuss des Judas einfach festgenommen worden, während andere von einem blutigen Handgemenge berichten, bei dem einem der Jünger sogar ein Ohr abgeschlagen worden sei. Petra Gerster nun kann zur Erhellung dieser Frage auch nicht viel mehr beitragen als auf die schiere Präsenz des Ortes zu verweisen, an dem sie sich befindet. Einige der Olivenbäume seien mehr als 2000 Jahre alt und folglich in jener Nacht dabei gewesen, efahren wir. Schade eigentlich, dass diese Zeugen derart stumm sind.

Kleine Spielfilmszenen strukturieren die Sendung. Wir sehen Jesus zunächst in Jerusalem einziehen, wir sehen ihn vor dem jüdischen Hohepriester Kaiphas und dem römischen Statthalter Pontius Pilatus, auf dem Weg der Schmerzen und schließlich gekreuzigt auf dem Berg Golgatha. Theologen und Historiker nehmen zu den markanten Fragen stellen, die sich aus dem Geschehen ergeben.

Ein möglichst martialisches Urteil

Da ist zum Beispiel die Sache mit Pontius Pilatus und seinem merkwürdigen Verhalten. Nachdem der Hohepriester Kaiphas mit seiner Vernehmung Jesu fertig war, musste er sich an den römischen Statthalter wenden, denn nur dieser war als Bevollmächtigter der Besatzungsmacht juristisch imstande, ein Todesurteil auszusprechen. Und in eben dieser Funktion hatte Pontius Pilatus auch ein Interesse am Tod dieses Propheten aus Galiläa: denn nichts war den Römern weniger willkommen als Unruhe im Besatzungsgebiet. Die rief Jesus unzweifelhaft hervor. Gerade erst hatte er auf dem Tempelberg gegen die Geschäftemacherei agitiert, die dort betrieben wurde, und die Zahl der Anhänger, die in ihm den König der Juden sahen, wuchs für die Römer ins Bedrohliche. Es musste also ein Todesurteil gefällt werden. Und zwar ein möglichst martialisches, denn es galt, Nachahmer abzuschrecken. Im Film schildert der Berliner Gerichtsmediziner Michael Tsokos eindringlich, warum es kaum einen schmerzhafteren Tod geben kann als den am Kreuz.

Warum dann aber die Skrupel, warum das Zaudern des Statthalters, von dem uns die Evangelien so wortreich berichten? Warum das Wasser, das Pilatus’ Hände symbolisch in Unschuld waschen sollte? Die Experten sind sich einig: Hier haben wir es mit einer unhistorischen Darstellung zu tun. Den neutestamentlichen Autoren ging es darum, die Schuld auf die jüdische Menge zu schieben – die traurige und verhängnisvolle Legende von den Juden als „Christusmördern“ war geboren. Tatsächlich ging es den Römern darum, an einem Unruhestifter ein Exempel zu statuieren. In diesem Sinn ist die Inschrift „Inri“, die über dem Kopf Jesu am Kreuz angebracht war, zu verstehen. „Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum“: Das bezeichnete einen Revolutionär, der sich gegen ein Besatzungsregime erhoben hatte. Jesus von Nazaret, den König der Juden.

Das alles ist, wenn man sich mit dem Thema schon einmal befasst hat, nicht eigentlich neu – und insofern wirkt die investigative Geste des „Faktenchecks“ auch ein bisschen arg pompös. Wenn man das abzieht, dann bleibt freilich eine ganz spannende Dreiviertelstunde Fernsehunterhaltung übrig, mit der man die österlichen Feiertage gut zuende bringen kann.

Strafsache Jesus. Der Faktencheck mit Petra Gerster. ZDF, 19.30 Uhr.