Tourismusgeschäft

Was Touristen nach Berlin zieht und sie länger bleiben lässt

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Christine Richter

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Rund zwei Millionen Besucher sind über die Ostertage in der Stadt. Tourismus-Chef Burkhard Kieker über die Anziehungskraft der Stadt, Rekordzahlen, das Kongressgeschäft und den BER.

Berlin bleibt ein Publikumsmagnet: Rund zwei Millionen Touristen sind über die Ostertage in der Stadt. Mit dem Geschäftsführer des Tourismusverbandes „Visit Berlin“, Burkhard Kieker, der derzeit in Israel weilt, sprach die Berliner Morgenpost über die große Anziehungskraft Berlins, die Folgen des BER-Desasters und das Kongressgeschäft.

Berliner Morgenpost: Herr Kieker, die Stadt brummt, Berlin ist zu Ostern wieder voller Touristen. Im vergangenen Jahr wurde ein neuer Rekord mit 11,3 Millionen Touristen und insgesamt 26,9 Millionen registrierten Übernachtungen in Berlin erzielt. War das der Höhepunkt beim Berlin-Tourismus, ist das Ziel erreicht?

Burkhard Kieker: Auf keinen Fall. Das Interesse an Berlin ist ungebrochen. Manchmal glaube ich, dass wir beim Tourismus erst am Anfang stehen. Berlin entwickelt sich allmählich wieder zu einer Weltstadt.

Welche Rekordzahl peilen Sie an?

Wir sind keine Rekordjäger, uns geht es vor allen Dingen um Qualität wie zum Beispiel den Medizin- und Kulturtourismus. Dennoch werden wir bald die Zahl von 30 Millionen Übernachtungen in Berlin erreichen. Nicht in diesem Jahr, aber vielleicht 2015, 2016. Ich gehe davon aus, dass wir beim Tourismus jedes Jahr ein Wachstum zwischen drei und sechs Prozent haben werden. Vorausgesetzt natürlich, es gibt keine externen Schocks wie beispielsweise den Ausbruch einer Seuche oder eines Krieges. Die Ereignisse in der Ukraine stimmen ja schon sehr sorgenvoll.

Werden wir London oder Paris einholen?

Wir sind heute schon unter den Top 3, das müssen wir erst einmal halten. Allerdings wächst Paris nicht mehr, denn dort können keine neuen Hotels mehr gebaut werden, der Tourismus konzentriert sich auf einen viel kleineren Raum als in Berlin. Aber noch liegen London und Paris weit vor uns.

Es fällt auf, dass die Touristen nicht nur für ein verlängertes Wochenende nach Berlin kommen, sondern jetzt – wie zu Ostern – schon eine Woche vorher anreisen. Die Stadt war bereits Tage vor Gründonnerstag voll. Woran liegt das?

Wir beobachten schon seit dem vergangenen Jahr den Trend bei Touristen, länger in Berlin zu bleiben. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer steigt. Offenbar ist Berlin ein Ort, in dem man als Tourist nicht nach kurzer Zeit eine Stadtneurose bekommt und lieber wieder nach Hause will. Die Stadt ist sehr grün, man wird nicht pflastermüde und kann sich auch ruhige Ecken suchen oder zum Beispiel im Grunewald Boot fahren. Viele Touristen lieben es auch, sich an einem Ort einfach hinzusetzen und andere Menschen zu beobachten.

Liegt der Reiz an Berlin auch an dem Unfertigen, an der ständigen Veränderung – man denke nur an die vielen Baustellen in Mitte. Auch 25 Jahre nach dem Mauerfall ist Berlin noch nicht fertig.

Berlin ist immer für Überraschungen gut. Derzeit habe ich das Gefühl, die Bautätigkeit liegt auf dem Niveau der 90er-Jahre. Seit dem Fall der Mauer, also seit 25 Jahren, erfindet sich Berlin ständig neu. Das scheint den Menschen zu gefallen. Von Berlin geht eine starke innere Kraft aus, was die Atmosphäre und Kreativität angeht. Das lieben unsere Gäste.

Aber es kommen weniger Russen, weniger Italiener oder Spanier nach Berlin. Also ist nicht überall Freude.

Bei meinem derzeitigen Besuch in Israel werden wir dauernd auf Berlin angesprochen – positiv. Berlin erlebt eine sehr glückliche Zeit, eine große weltweite Welle der Sympathie, deren Ende nicht abzusehen ist, wenn wir weiter so bleiben, wie wir sind. Die Touristen wollen kein Disneyland, sondern authentisches Leben. Sie erwarten ein vernünftiges Preis-Leistungs-Verhältnis und natürlich eine gute Qualität und Gastfreundschaft. Die Berliner werden als sehr offen empfunden, da fühlen sich die Touristen nicht über den Tisch gezogen. Berlin ist eher eine Stadt der Teilhabe. Man steht nicht am Zaun und guckt zu, sondern ist irgendwie mittendrin.

Mit Blick auf das Preis-Leistungs-Verhältnis werden Ihnen die Hoteliers sagen, dass Berlin zu viele Hotels, Pensionen und Hostels hat, dass die Übernachtungspreise auch in Vier- oder Fünf-Sterne-Häusern deshalb viel zu niedrig sind.

Die Auslastung in den Hotels steigt, auch die Preise ziehen leicht an. Jeder Investor prüft, ob es sich lohnt, in Berlin zu investieren. Bisher haben wir niemanden enttäuscht.

2013 wurde in Berlin sehr heftig über Ferienwohnungen in der Innenstadt gestritten. Der Senat hat dies nun erschwert, die Bezirke jedoch klagen, dass sie zu wenig Personal zur Kontrolle der Ferienwohnungen haben. War die Aufregung überzogen?

Nein. Wir müssen bei der rasanten Entwicklung im Tourismus darauf achten, dass die Akzeptanz bei uns Berlinern erhalten bleibt. Bei uns vollzieht sich etwas in 25 Jahren, wofür Jerusalem und Rom 2000 Jahre Zeit hatten. Und bei den Ferienwohnungen in der Innenstadt bestand die Gefahr, dass die Berliner bedrängt, ja verdrängt werden. Deshalb begrüße ich die Verordnung, die das Angebot von Ferienwohnungen in der City begrenzt. Natürlich braucht jede Stadt auch das Angebot von Ferienwohnungen – aber kontrolliert. Und die Bezirke haben vom Senat 17 neue Stellen bewilligt bekommen, um die Ferienwohnungen überprüfen zu können. Damit kann man schon was machen.

Gerade gibt es Streit, weil zeitgleich die Fanmeile am Brandenburger Tor, die CSD-Parade und die Fashion Week stattfinden sollen. Wie löst man diesen Konflikt?

Es muss Verantwortung übernommen werden. Das Problem ist doch lösbar, wenn alle Seiten zu einem Kompromiss bereit sind. Ganz wichtig ist die Fanmeile, denn das sind die Bilder, die von Berlin um die Welt gehen. Es hat Berlin immer ausgezeichnet, dass solche Großereignisse hier möglich sind. Ich mache mir aber Sorgen, dass sich hier viele kleinliche Hürden auftun.

Zu einem anderen Thema: Das Internationale Congress Centrum (ICC) wurde jetzt nach 35 Jahren geschlossen und soll saniert werden. Es ist völlig unklar, wie es danach weitergeht. Brauchen wir das ICC nicht weiterhin als Kongresszentrum?

Ja schon, aber niemand weiß, ob oder wann es hier eine Sanierung geben wird. Der Ersatz für das ICC ist der City Cube, der Anfang Mai eröffnet wird und schon sehr gut gebucht ist. Ich bin aber der Meinung, dass wir mehr Kapazitäten für Kongresse brauchen, denn der City Cube wird ja nicht nur für Kongresse, sondern auch für Messen genutzt. Daneben haben wir noch das Hotel Estrel in Neukölln, das hervorragend geeignet ist für Veranstaltungen mit bis zu 5000 Personen. Die Messe und „Visit Berlin“ untersuchen jetzt den Markt nochmals, danach werden wir wissen, wie der Bedarf aussieht.

Kongresse werden ja langfristiger gebucht, also jetzt schon für die Jahre 2017, 2018. Da zeichnet sich doch bereits ab, dass Berlin zu wenig Kapazitäten hat.

Das Kongressgeschäft für die Jahre 2015/2016 ist weitgehend abgeschlossen, da können wir noch ein bisschen was anbieten, aber es geht um die Zeit danach. Ohne der Marktanalyse vorgreifen zu wollen, die Tendenz zeichnet sich ab: Wir werden vermutlich eine dritte Großspielstätte brauchen – neben City Cube und Estrel.

In diesen Tagen machen die Flughafengesellschaft und der künftige Hauptstadtflughafen BER wieder Schlagzeilen, leider wieder negative. Macht Berlin sich in aller Welt lächerlich?

Es wird Sie erstaunen: Im Ausland glauben viele, der BER ist schon in Betrieb, weil Deutschland in der Regel so etwas in den Griff bekommt. Berlin hat die vergangenen zwei Jahre seit der Absage der BER-Eröffnung gut weggesteckt, doch jetzt wird es schwieriger. In Tegel ist nicht mehr Flugverkehr möglich, nun wird man Nachfrage abweisen müssen. Wir verzichten also auf Geschäft, auf Zuwachs beim Passagieraufkommen, bei den Langstreckenflügen.

Also schneiden wir uns ins eigene Fleisch ...

Ja, das ist unausweichlich. In Tegel kann man den Flugverkehr nicht weiter erhöhen, und der BER wird ja wohl frühestens 2016 an den Start gehen.