Messegeschäft

Tourismus-Chef – Berlin braucht ein drittes Kongresszentrum

Die Tourismusorganisation „Visit Berlin“ und die Messegesellschaft haben eine Marktanalyse in Auftrag gegeben. Danach werden wohl nach der ICC-Schließung City Cube und Estrel-Hotel nicht ausreichen.

Rund zwei Millionen Besucher sind in der Osterzeit in die Hauptstadt gekommen, der Berlin-Tourismus boomt ungebrochen. Allein im Januar und Februar dieses Jahres stieg die Zahl der in Hotels und Pensionen registrierten Übernachtungen um 7,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Im Jahr 2013 zählte der Tourismusverband „Visit Berlin“ 11,3 Millionen Touristen und insgesamt 26,9 Millionen Übernachtungen – ein neuer Rekord. „Wir werden bald die Zahl von 30 Millionen Übernachtungen in Berlin erreichen“, sagte Tourismus-Chef Burkhard Kieker der Berliner Morgenpost.

Ein solcher Rekord werde wohl im nächsten Jahr oder 2016 erreicht werden, sagte Kieker. „Uns geht es vor allen Dingen um Qualität wie zum Beispiel beim Medizin- und Kulturtourismus“, erklärte der 54-Jährige. Auffällig ist bei den Besuchern, die nach Berlin kommen: Sie bleiben länger als nur ein Wochenende in der Stadt. Ein Trend, den „Visit Berlin“ schon seit vergangenem Jahr beobachtet. „Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer steigt“, sagte Tourismus-Chef Kieker. Offenbar sei Berlin ein Ort, „in dem man als Tourist nicht nach kurzer Zeit eine Stadtneurose kriegt und lieber wieder nach Hause will“.

Nach Einschätzung des Tourismus-Experten vermittelt die Hauptstadt ihren Gästen ein „Gefühl der Teilhabe“. „Man steht nicht am Zaun und guckt zu, sondern ist irgendwie mittendrin“, sagte Kieker – und verwies beispielsweise auf die Konzerte im Mauerpark in Prenzlauer Berg oder auf die vielfältige kreative Szene. In diesen Tagen finden vor allem die Ausstellung des chinesischen Künstlers Ai Weiwei im Martin-Gropius-Bau, wo sich vor dem Eingang lange Schlangen bilden, oder die Museumsinsel großes Interesse. Auch die geplante Retrospektive des Popkünstlers David Bowie in Berlin (ab 20. Mai 2014) erzeugt bereits weltweit Aufmerksamkeit.

Marktanalyse zum Kongressstandort Berlin

Viele Besucher kommen darüber hinaus in die Stadt, um einen der vielen Kongresse – beispielsweise zum Gesundheitswesen, zu Stadtplanung, Energiewirtschaft, Logistik oder juristischen Themen – zu besuchen. Für große Kongresse mit mehreren Tausend Teilnehmern stehen nach der Schließung des Internationalen Congress Centrums (ICC) nur noch zwei Standorte zur Verfügung: Der neue City Cube der Berliner Messegesellschaft, der Anfang Mai offiziell eröffnet wird, und das Hotel Estrel in Neukölln.

Das Estrel soll nach den Plänen von Eigentümer Ekkehard Streletzki um einen 175 Meter hohen Hotelturm erweitert werden – mit zusätzlichen rund 810 Hotelzimmern und weiteren Veranstaltungs- und Kongressflächen. Ziel sei es, „internationale Player“ in Berlin zu halten, denn sonst drohe die Abwanderung der Veranstalter in Städte wie Barcelona und Rom, so Estrel-Direktor Thomas Brückner kürzlich.

Eine Sorge, die auch „Visit Berlin“-Chef Kieker umtreibt. Der Tourismusverband hat deshalb gemeinsam mit der Messegesellschaft eine Marktanalyse zum Kongressstandort Berlin in Auftrag gegeben. „Ich bin der Meinung, dass wir mehr Kapazitäten für Kongresse benötigen, denn der City Cube wird ja nicht nur für Kongresse, sondern auch für Messen genutzt“, sagte Kieker. Ohne der wirtschaftlichen Analyse vorgreifen zu wollen, so der Tourismus-Chef: „Wir werden vermutlich eine dritte Großspielstätte brauchen – neben dem City Cube und Estrel.“

Probleme sieht Kieker auf die Stadt auch wegen des Flughafens BER zukommen. Dort funktioniert die Brandschutzanlage immer noch nicht, auch ein Eröffnungstermin ist nach wie vor unklar. Erst zum Ende dieses Jahres will sich die Flughafengesellschaft auf ein neues Datum festlegen. Der Vorsitzende des Verkehrsausschusses im Bundestag, Martin Burkert (SPD), schloss kurz vor Ostern nicht aus, dass der BER erst nach dem Jahr 2017 in Betrieb gehen könnte. Kieker betonte, dass Berlin die letzten zwei Jahre seit der Absage der BER-Eröffnung „gut weggesteckt“ habe, es aber nun schwieriger werde. „In Tegel ist nicht mehr Flugverkehr möglich, nun wird man Nachfrage abweisen müssen“, sagte der Tourismus-Chef. Damit schade Berlin sich selbst.

Das komplette Interview mit "Visit Berlin"-Chef Kieker lesen Sie HIER.