Wir hatten uns ja schon mit der zähen Dramaturgie der letzten Folgen abgefunden. Es begann stets mit einer absurden Aufgabe. Die Mädchen mussten für ein lustiges Foto entweder einen Kellner zusammenschreien oder weinend an einer Dampflokomotive herumstehen. Das dauerte dann, weil es ja ziemlich viele Mädchen sind, schon mal eine Stunde.
Danach gab es irgendwelche Egaljobs bei Werbepartnern, ein paar Tränen in der Model-WG und am Schluss Heidis heiteres Ausleseverfahren mit Gratisdemütigung (“Ich habe leider kein Foto für Dich.“). All das fand in L.A. statt. Wo sonst sollte man das deutsche Topmodel auch suchen? So weit, so altbekannt jedenfalls. Model-Business as usual.
Nur diesmal war es ein bisschen anders. Es handle sich um die „Fashion Week Edition“, klärte uns der Vorspann auf. Die elf verbliebenden Kandidatinnen fuhren also nach Berlin, es muss, der Kleidung nach zu urteilen, im Juli 2013 gewesen sein. Und unversehens, nach einigen Catwalk-Übungen auf dem Transatlantik-Flug, stolperte diese so künstliche Fernsehshow in so etwas wie eine ganz sehenswerte Reportage hinein.
Zu Besuch bei Joop
Es ging zuerst nach Potsdam, wo ein sympathisch-aufgeräumter Wolfgang Joop die Kandidatinnen an einem Arbeitsplatz empfing. Sie trugen seine neuen Kleider. Er aß ein Stück Kuchen und erzählte, früher habe er keine echte Schlagsahen dazu bekommen, sondern mit Wasser aufgeschlagene und gezuckerte Margarine, die wie Bohnerwachs geschmeckt habe. Joop versank vergnügt in seiner Vergangenheit. Die Mädchen standen schweigend dabei und tranken Wasser.
Ihre Aufgabe in Berlin bestand nun darin, bei verschiedenen Labels vorzusprechen, um für sie auf einer der Shows zu laufen. Anja Gockel, Rebekka Ruetz, schließlich die große Marke Kaviar Gauche: Sie wurden von den Models abgeklappert, und die groß gewachsenen Blondinen Ivana und Jolina räumten die Aufträge ab. „Jolina ist für mich mehr so ´ne Dorfschönheit“, kommentierte Konkurrentin Nathalie generös und ohne jeden Anflug von Eifersucht.
Sightseeing für Frustrierte
Jedenfalls wurde bei all diesen kurzen Castings mit professionellen Modedesignern klar, wie kurz angebunden, aber auch wie wohltuend sachlich und undramatisch Absagen daherkommen können: Es passt halt nicht, bis zum nächsten Mal. Die abgelehnten, nichtblonden Mädchen wie Aminata oder Nathalie zogen durch die Stadt, besichtigten beim Sightseeing aber vor allem ihre eigenen Frust- und Neidgefühle.
Das war alles nett anzusehen, weil wirklich einmal so etwas wie Leben stattfand, wie stark vom Drehbuch durchgetaktet auch immer. Der Rest der Sendung fiel dann in alte Muster zurück: Kaum wieder in L.A. gelandet, mussten die Mädchen auf einem Trampolin hüpfen, was die daneben stehende Heidi mal gut fand und mal nicht, mal lobte und mal begiftete: “Sarah hat so ein ungewöhnliches Gesicht, aber sie ist so unsportlich“.
Am Schluss rettete Sarah nicht einmal ihr Gesicht. Heidi hatte leider kein Foto für sie. Da waren’s nur noch zehn.



