Kurz vor der Entscheidung kramt Brigitte Skrothum noch mal im Fundus der Gehässigkeiten. „Wer ist dran, wer fliegt als nächstes auf den Müll?“, raunzt die Transsexuelle in ihr Mikrofon. Lisa, die „dumme Blonde“? Sarah, die „läuft wie ein Storch“? Oder hoffentlich „Stress-Nancy“? Auf Stress-Nancy hat Skrothum es schon lange abgesehen. „Ihr Huren, gleich seid ihr dran“, ruft sie und die Menge johlt.
Alltag in der Bar „Zum schmutzigen Hobby“ in Friedrichshain. Jeden Donnerstagabend, 20.15 Uhr. „Heidis Huren“ haben sie die Veranstaltung genannt, und der Name ist Programm: „Germany’s next Topmodel“ als Public Viewing unter der Regie von Skrothum, die es sich in einer Ecke gemütlich gemacht hat und ihre Kommentare so präzise aufträgt wie der kleine Boris Entrup sein Make-up. Nicht selten zu dick, aber genau das wollen die Leute hören: „Aminata – bei dem Namen muss ich immer an eine Biomarke denken!“
Gezicke in der letzten Reihe. Eine junge Frau hat ihrer Freundin keinen Platz freigehalten. Bereits eine halbe Stunde vorher ist die Bar gut gefüllt, rund 60 Voyeure wollen dabei sein. Ein Viertel ist sogar männlich. Wenn am 8. Mai das Finale steigt, müssen draußen Bierbänke aufgestellt werden. „Germany’s next Topmodel“ hat in der neunten Staffel seine TV-Quote im Vergleich zum Vorjahr zwar leicht verbessert. Trotzdem ist der Marktanteil weit von den eigenen Ansprüchen entfernt. Das Format, das es seit seiner Erstausstrahlung vor acht Jahren in sämtliche Feuilletons des Landes schaffte, wirkt so verwaschen wie eine schlechte Tönung: die ewig gleichen Sprüche von Model-Mama Heidi Klum, der immer noch herrlich fremdschäm-verdächtige, aber ewig gleiche Existenzkampf der Kandidatinnen.
Je mieser die Show, desto größer der Spaß
Dafür boomt das Public Viewing. „Seit wir vor vier Jahren damit begonnen haben, sind immer mehr Leute dazu gekommen“, sagt Geschäftsführer Mike Stolz. Je mieser die Show, desto größer der Spaß. Auch in anderen Bezirken hat sich die Idee etabliert. Am Mehringdamm lädt das „Rauschgold“ zum „Nuttengucken am Donnerswoch“ mit anschließender „Topmodel-Disco“.
Ein Typ mit Vollbart torkelt durch die Tür. Er will eigentlich nur einen Gin Tonic trinken und kann nicht fassen, was er jetzt sieht. Dabei ist das Erfolgsgeheimnis einleuchtend: Wer die Castingshow im Wohnzimmer guckt, ist am Ende allein mit sich und dem Bedürfnis, über die menschlichen Verfehlungen der Pro-Sieben-Protagonisten zu sinnieren.
In der Bar „Zum schmutzigen Hobby“ lässt sich dieses Bedürfnis teilen. Der Homo ludens, der spielende Mensch in uns, sucht Emotionen, die sich in der Gemeinschaft verstärken lassen. So haben Wissenschaftler das Phänomen Public Viewing zur Fußball-WM 2006 erklärt. Hier und heute ist es das Elend der anderen, das vereint. Eine Castingshow als Katharsis. „Lästern macht zusammen einfach mehr Spaß“, erklärt Skrothum und nuckelt an ihrem „Rose Kennedy“, der als offizieller Drink des Abends gilt: Wodka, Sprudelwasser und ein Schüsschen Cranberrysaft. Der macht den Cocktail so rosa wie das Kleid, das Heidi Klum bei der Entscheidung trägt.
Nur eine kann „Germany’s next Topmodel“ werden
Ein weiteres Erfolgsgeheimnis ist Skrothum selbst. „Ich komme hauptsächlich wegen der Kommentare von Brigitte hierher“, sagt Zuschauer Chris, „denn sie spricht aus, was man denkt.“ Das mit „Germany’s next Topmodel“, sagt Skrothum, sei doch so wie mit dem Hundekot, auf den man Parfum sprühen müsse, damit der Geruch besser zu ertragen sei. Die 42-Jährige sieht sich als Hofnarr, früher der einzige, der für Frechheiten und Obszönitäten nicht geköpft wurde. Und als Gegenentwurf zu Klum, was ihr hervorragend gelingt. Als diese ihre Models für ein Fotoshooting auf Pferden platziert, ist das die Vorlage für ein halbes Dutzend Kommentare zum Thema „Reiten“.
Kurz darauf verfolgt sie ungläubig einen Jammersermon von Nancy, einer blonden Sächsin, die in dieser Folge nicht akzeptieren will, dass Modeln auch mit Schauspiel zu tun hat, und die Skrothum nicht leiden kann, weil sie immer eine Extrawurst braucht.
Am Ende fliegt aber Lisa raus. Das war offenbar überfällig, vereinzelt gibt es Applaus. Stress-Nancy ist weiter dabei, aber was nicht ist, kann ja noch werden. „Bis zum nächsten Mal“, ruft Skrothum, und man könnte jetzt noch bleiben und zuschauen, wie Boris Entrup im Namen einer Kosmetikfirma die Models bemalt. Oder beim Kotzgeräusche-Imitieren mitmachen, zu dem Skrothum auf die Bühne bittet. Man kann aber auch einfach nächstes Mal wiederkommen, denn für Spannung ist gesorgt. Schließlich kann nur eine „Germany’s next Topmodel“ werden.
„Heidis Huren“, bis 8. Mai 2014 jeden Donnerstag, ab 20.15 Uhr Bar „Zum schmutzigen Hobby“, Revaler Straße 99, 10245 Friedrichshain, Eintritt frei. Im Fernsehen: Pro7.




