Gibt es eigentlich im Reich der Gefühle so etwas wie einen Ermüdungsbruch? Der entsteht bekanntlich bei ausdauernder und übermäßiger Belastung. Und genau die hatte Heidi Klum gestern für die elf verbliebenen Bewerberinnen um die “Topmodel”-Krone im Programm, nur eben emotional. Am Rande fielen ein paar erstaunliche Sätze.

1. „Ihr seid eine Frau, die weint.“

Juror Wolfgang Joop heißt die Schauspiellehrerin Nina Franoszek in der Model-WG willkommen, übrigens eine gebürtige Berlinerin. Die Schauspielerin hat eine imposante Filmografie und auch schon den Grimme-Preis gewonnen. Am nächsten Tag sollen die Mädchen sich bei einer Abschiedsszene an einem Bahnhof fotografieren lassen. Also müssen sie lernen,wie man weint. Zuerst machen sie ein paar zappelnde Lockerungsübungen, dann eine Meditationsreise. Dann fließen schon die ersten Tränen. Joop schmiegt sich tröstend an.

2. „Ich bin schon so eiskalt geworden, ich kann auf Knopfdruck weinen.“

Der Satz stammt natürlich von Nathalie, 16 Jahre alt und Schülerin aus Soltau. Das Skript der Staffel müht sich redlich, sie zur einsamen Eiskönigin zu stilisieren, und sie weiß das wohl auch. Jedenfalls kann sie das wirklich: Auf Knopfdruck weinen. Aber sie kann auch ganz normal weinen. Als sie nämlich feststellt, dass es nicht immer nur angenehm ist, Außenseiterin zu sein. Da weint sie überzeugend.

3. „130 Pfund an einem guten Tag.“

Das ist das Gewicht von Heidi Klum, according to Heidi Klum. Sie kommt in einer Art Pandajacke und mit Irrsinnsstilettos zum Ort des Fotoshootings, einem Eisenbahnmuseum irgendwo in der Pampa. Sie beklagt sich, dass man nicht das Auto genommen habe, und muss sich dann über die Schienen tragen lassen. Die Mädchen haben sich inzwischen warmgeweint, und weil es nach dem tränenreichen Fototermin damit noch weitergehen soll, verstecken sich lange vermisste Verwandte und Bekannte der Mädchen in einem der Waggons.

4. „Du siehst so super aus!“

Dieser Satz fällt Dutzende von Malen, und er meint immer dies: Dass die Mädchen es schaffen, vor dem Fotografen in Tränen auszubrechen. Dann sind sie wahlweise so gut „wie ein Filmstar“ oder „wie eine Schauspielerin“. Sie stehen an einem historischen Waggon und tragen ein Art-Deco-Kostüm, es ist so etwas wie ein in die amerikanische Wüste hineininszenierter Schwarzweißfilm. Auch Heidi versucht zu weinen. Sie isst eine Chili, sie riecht an einer Zwiebel. Es hilft nichts. Irgendwann kommen auch die Verwandten und Freunde. Endlich wieder Tränen.

5. „Jedes Mädchen hat geweint!“

Heidi kann ihr Glück nicht fassen. Und der Zuschauer nicht das Verrinnen seiner Lebenszeit. Seit einer Stunde wird hier in Endlosschleife und mit Schmalzmusikuntermalung ins Ungefähre geschluchzt. Warum, wohin, wozu? Und ist noch ein Bier im Kühlschrank? Grübelnd sieht man aus dem Fenster. Aber da läuft ja auch nichts Vernünftiges.

6. „Die haben sich dann etwas hochgestachelt.“

Als nächstes ist „Expression teaching“ dran. Die Mädchen müssen innerhalb von ein paar Sekunden den Gefühlsausdruck ändern: glücklich, traurig, ratlos, gelangweilt. Das machen alle, man feuert sich an und ein paar lustige Fotos entstehen. Ivana wird für ihre Gesichtsausdrücke mit einem Freiflug über L.A. belohnt. Ihr Freund ist dabei. Er sagt, er sei so unglaublich stolz auf sie.

7. „Aber halt: Abschminken nicht vergessen.“

Die Mädchen stehen plötzlich mit seltsam vibrierenden Geräten vor dem Spiegel, mit denen sie sich eine Abschminkpaste ins Gesicht massieren. Der Name des Herstellers wird eingeblendet. Warum muss Pro7 eigentlich nicht „Dauerwerbesendung“ dazu schreiben? Dieser Instant Chai Latte ist doch auch dauernd im Bild.

8. „Ob er noch ein Haarteil braucht?“

Wolfgang Joop, dem man mangelnde Fürsorge für sein Äußeres nicht nachsagen kann, reagiert etwas allergisch auf den längeren Aufenthalt seines Kollegen Thomas Hayo in der Maske. Dabei hatte dieser noch nicht einmal nach dem notorischen Boris Entrup gerufen.

9. „Ich dachte, ich bin hier die Stärkste und Schönste.“

Nathalie betritt den Laufsteg am Ende mit der Entschlossenheit von Chuck Norris und dem Gesichtsausdruck von Lara Croft, am Schluss feuert sie den Satz ab. Eine Frau fürs Finale. Doch man ist noch so irritiert von etwas anderem: Trägt die 17-jährige Karlin aus Ludwigshafen wirklich noch eine Zahnspange?

10. „Ich hoffe, dass die Nancy von ihrem hohen Ross wieder runterkommt.”

Kein Mädchen ist rausgeflogen. Bei Nancy, 21 und aus Schneeberg, hatte man es spannend machen wollen, doch hatte man ihr andererseits auch vorher noch aufwändig eine neue Frisur verpasst. Ihr ist also klar, dass sie nicht ausscheidet, und sie zeigt es auch. Aber das Selbstbewusstsein, das bei Nathalie die Jury entzückt, das steht ihr nicht zu. Oh Topmodel-Welt, Du ewiges Rätsel.