Berliner Psychiater

Burn-out - „Es ist sehr hart geworden für Lehrer“

Die Zahl der Menschen, die an Burn-out leiden, nimmt weiter zu. Warum das so ist und wie man sich davor schützen kann, erklärt Peter-Michael Roth, Chefarzt der Oberbergklinik Berlin-Brandenburg.

Foto: Reto Klar

Berliner Morgenpost: Herr Roth, welche Berufsgruppen sind besonders von Burn-out betroffen?

Peter-Michael Roth: Krank werden vor allem Menschen in helfenden Berufen, im Gesundheitswesen etwa oder auch in der Schule. Diese Menschen erhoffen sich vor allem über ihren Beruf Anerkennung und Zuwendung. Doch sie werden davon nie soviel bekommen, wie sie brauchen, auch wenn sie immer mehr arbeiten. Das ist wie ein Fass ohne Boden. Irgendwann haben diese Menschen dann das Gefühl, dass die ganze Welt undankbar ist, und sie werden krank.

Warum können so viele Lehrer nicht mehr?

Die gesellschaftlichen Bedingungen haben sich verändert. Kinder wie Eltern werden immer schwieriger. Die Kinder werden nicht mehr zur Disziplin erzogen. Die Eltern erwarten von den Lehrern, dass sie alles in Ordnung bringen, was sie selbst nicht geschafft haben in der Erziehung. Es ist wirklich sehr hart geworden für Lehrer.

Was kann präventiv getan werden?

Supervision hat sich bewährt. In Gruppen, die von einem Supervisor geleitet werden, werden schwierige Situationen aus der Praxis erörtert und Lösungsvorschläge erarbeitet. Für die Betreffenden ist das sehr hilfreich. Wichtig ist auch, dass Arbeitnehmer lernen, sich abzugrenzen und nein zu sagen. Es besteht die Tendenz, dass ihnen immer mehr Verantwortung aufgebürdet wird, davor müssen sie sich schützen lernen. Das heißt im Umkehrschluss, dass an den Schulen, um bei diesem Beispiel zu bleiben, die Arbeit auf mehr Schultern verteilt werden muss. Und noch etwas: Wer sich überfordert fühlt, sollte sich schnell Hilfe holen, zum Hausarzt gehen oder zu einem Psychiater. Die meisten trauen sich das aber erst, wenn es ihnen schon sehr schlecht geht.

Was sind Anzeichen für ein Burn-out?

Depressive Symptome wie Ein- und Durchschlafstörung, fehlende Gefühle, gedrückte Stimmung, Antriebsarmut und das Gefühl, dass man alles nicht mehr schafft und es auch nie wieder schaffen wird, sind erste Anzeichen für einen Burn-out.

Gibt es einen Unterschied zwischen Burn-out und Depression?

Es handelt sich meist um ein und dieselbe Krankheit, mit gleichen Symptomen. Der Unterschied besteht eher darin, wie die Gesellschaft mit den Begriffen umgeht. Depression wird oft mit Versagen gleichgesetzt. Die Bezeichnung Burn-out ist hingegen eher positiv besetzt, damit, dass sich der Erkrankte aufgeopfert und sehr viel gearbeitet hat.

Die Berliner Bildungsverwaltung hat für ältere Kollegen jetzt wieder eine Stundenermäßigung eingeführt, ist das hilfreich?

Das ist ein erster Schritt. Arbeitgeber, und damit meine ich nicht nur den Bildungsbereich, fangen erst langsam an, umzudenken. Noch herrscht die Denkweise vor, von den Arbeitnehmern immer mehr Unmögliches zu erwarten. Das macht die Betreffenden kaputt. Irgendwann haben sie keine Motivation mehr und auch keine Kraft, weil sie wissen, dass sie das alles sowieso nicht schaffen können.

Die Berliner Bildungssenatorin will auch Quereinsteiger als Lehrer einsetzen. Sind diese besonders gefährdet, krank zu werden?

Ich glaube eher, dass diese Leute sich inhaltlich besser von den Anforderungen distanzieren können als ausgebildete Lehrer. Quereinsteiger sind auch nicht so eingebunden in das System Schule, wie es die Lehrer sind. Wobei das pädagogische Rüstzeug, das Lehrer während ihres Studiums erwerben, mehr praxisorientiert und an den Ergebnissen der Hirnforschung orientiert sein sollte.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.