Die Energieexperten in Berlin sind ziemlich erschüttert. Mit dem Rückzug des niederländischen Netzbetreibers Alliander aus dem Vergabeverfahren um das Berliner Gasnetz hat der erhoffte Wettbewerb um den Betrieb dieser wichtigen Infrastruktur einen erheblichen Rückschlag erlitten. „Die Firma hat frischen Wind und Transparenz in das Verfahren gebracht“, sagte der SPD-Abgeordnete Daniel Buchholz. Der Ausstieg der Holländer sei aber „überraschend“. Offenbar hätten die Manager ihren Anteilseignern, den Vertretern von niederländischen Provinzen und Kommunen, nicht deutlich machen können, was auch für sie der Vorteil wäre an einem Engagement in Berlin.

Alliander hatte auf Druck seiner Gesellschafter am Mittwoch offiziell erklärt, kein verbindliches Angebot für das Berliner Gasnetz abgeben zu wollen. Das Unternehmen ist gehalten, sich zunächst nach Wachstumsmöglichkeiten im Heimatmarkt umzusehen. Ob Alliander weiterhin am Vergabeverfahren für die Stromnetz-Konzession bereit steht, das im kommenden Jahr entschieden werden soll, ist unklar. Ein weiteres Engagement mitsamt einer auf fast zwei Milliarden Euro geschätzten Kauf des Stromnetzes gilt aber wegen der Skepsis der Regionalpolitiker als unwahrscheinlich. Allianders Deutschland-Chef Ton Doesberg nannte am Donnerstag auch die Informationspolitik der bisherigen Konzessionsinhaber als Problem.

„Wir haben nicht die richtige Information über das Netz“, sagte der Manager. Auch deshalb habe man den skeptischen Gesellschaftern nicht detailliert sagen können, worauf sie sich in Berlin einlassen und welche Investitionen in den kommenden Jahren notwendig sind. Für die Vergabe des Gasnetzes für die nächsten zehn Jahre ist der Stichtag für die verbliebenen Bewerber der kommende Montag.

Energiexperten hoffen, dass Alliander weiter mitbietet

Dabei sind nur noch die Netzgesellschaft der Gasag und die landeseigene Gesellschaft Berlin Energie. „Da sieht man, wie notwendig es ist, sich selbst zu bewerben“, kommentierte Sozialdemokrat Buchholz das geschrumpfte Feld der Wettbewerber. Ohne die Teilnahme des eigens zu diesem Zweck unter dem Dach der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung gegründeten Landesbetrieb wäre das ganze Verfahren „ein Desaster: Wir stünden ziemlich blank da“, sagte Buchholz. Gasag-Sprecher Rainer Knauber versicherte, die Gasag habe auch nach dem Rückzug des stärksten Konkurrenten ihre Offerte an die Vergabestelle beim Finanzsenator nicht verändert.

Der Grünen-Energieexperte Michael Schäfer sieht den Rückzug der Holländer kritisch, obwohl sich seine Partei im Gas-Verfahren für die Gasag stark machte. „Wir wünschen uns sehr, dass Alliander beim Strom weiter mitbietet“, sagte Schäfer. Beim Stromnetz sind die Grünen anders als beim Gasnetz dafür, dass es eine Lösung unter Beteiligung des Landes gibt, um die Ziele der Energiewende zu fördern. Energieexperten deuten den Ausstieg der Holländer auch als Indiz gegen die Behauptung vor allem aus der SPD, der Netzbetrieb sei sehr attraktiv und eine sichere Einnahmequelle für den Landeshaushalt.

Ein so großes Netz wie das in Berlin zu managen, sei eben doch kompliziert und die Rendite keineswegs sicher, hieß es. Außer Berlin Energie und Gasag beziehungsweise Vattenfall sind andere Bieter nur noch als mögliche Kooperationspartner des Landes dabei. Denn die Vergabestelle wird die Gebote der Unternehmen prüfen, die das Netz alleine betreiben wollen, und gleichzeitig Kooperationskonzepte bewerten. In der Wahl des Modells sei die Behörde frei, hieß es aus dem Bieterkreis. Aber sie dürften den Zuschlag nur solchen Bietern geben, die den besten und sichersten Netzbetrieb garantieren. Die Chancen von Gasag und Vattenfall seien deutlich gestiegen.