Auf dem holperigen Geläuf des Tempelhofer Feldes verliert Gerhard Steindorf kurz die Kontrolle. Sein Fahrrad kippt um. Der Chef der Tempelhof-Projekt GmbH muss sich auf dem Boden abstützen. „Herr Steindorf, ich habe Ihnen doch angeboten, in meinem Kasten mitzufahren“, ruft Margarete Heitmüller und lächelt, als sie merkt, dass das Malheur glimpflich abgelaufen ist. In ihrem Lastenfahrrad reist ihr Hündchen. „Danke, aber der Platz ist ja belegt“, flachst Steindorf.
Die Episode am Rande einer Radtour der beiden Fraktionschefs Raed Saleh (SPD) und Florian Graf (CDU) über das neueste Kampfesfeld der Berliner Politik ist ein Beleg dafür, dass sich beide Seiten zumindest menschlich noch nicht unversöhnlich gegenüberstehen im Kampf ums Tempelhofer Feld. Denn Steindorf soll im Auftrag des Senats die Ränder des Tempelhofer Feldes vermarkten und für Bebauung erschließen. Heitmüller weist ihre grüne Windjacke mit der Aufschrift „100 Prozent Tempelhof“ als Gegnerin dieser Pläne aus.
Eine Gruppe von Aktivisten der Bürgerinitiative hatte sich an den Journalisten-Pulk gehängt und machten den Politikern schon mal klar, was in den kommenden Wochen bis zum Volksentscheid am 25. Mai auf sie zukommt. Denn parallel zur Europawahl können die Berliner entscheiden, ob das Feld mit seinen 380 Hektar frei bleibt. Oder ob, wie von der Koalition vorgesehen, die Ränder bebaut und nur 230 Hektar in der Mitte unter Schutz gestellt werden.
Kontaktfreudig mit der Gegenseite
Vor allem Saleh zeigte sich dabei kontaktfreudig mit der Gegenseite. Noch ehe der Sozialdemokrat am Eingang Tempelhofer Damm auf sein rotes Leihrad stieg, das ein Lkw für die Nicht-Radler gebracht hatte, ging er auf die Flugblatt-verteilenden Frauen mit den grünen Jacken zu und erkundigte sich nach ihrem Befinden. „Dann machen wir einen fairen Wettbewerb“, sagte der 36 Jahre alte Spandauer. Von Fairness könne keine Rede sein, kontern die Aktivistinnen. Die Parteien hätten viel Geld für ihre Plakate, sie dagegen müssten ihre Info-Blättchen mit Wäscheklammern an den Zaun hängen.
Salehs Kollege, der Christdemokrat Graf, schwang sich auf ein blaues Rad und ließ sich ebenfalls von Steindorf die Orte zeigen, an denen laut Senats-Masterplan gebaut werden soll. „Wir reden über schmale Ränder“, sagte der Tempelhof-Projekt-Chef, räumte aber ein, dass der zu bebauende Streifen sehr wohl 150 Meter breit sein könne. Graf machte deutlich, dass er mit den bisherigen Plänen nicht so ganz glücklich ist. „Wir werden nach dem Volksentscheid weiter intensiv über die Planung diskutieren und werden dazu die konkreten Bebauungsplanverfahren nutzen“, versicherte Graf den Kritikern.
Dabei schwebe ihm schon mehr vor als das übliche Werkstattgespräch, sagte Graf und betonte so seine Offenheit, die Bürger stärker einzubeziehen in das, was auf dem Feld geplant und gebaut werden soll. Über die Frage der Partizipation hatten sich Koalition und Opposition nicht einigen können. Von der an der Südwestecke des Feldes geplanten Landesbibliothek würde sich Graf gerne verabschieden: „Die Landesbibliothek ist kein Projekt, das wichtig ist für die Stadt.“
Schwierigen Frontverlauf im Kampf um Tempelhof
Auch von Saleh ist bekannt, dass ihm das Lieblingsprojekt des Regierenden Bürgermeisters und Kultursenators kein Herzensanliegen ist. Saleh wiederholte mehrfach ein Wort Wowereits, wonach die Bibliothek nicht um jeden Preis dort entstehen solle. Das war ein Hinweis auf die auch nach Darstellung der Senatsbaudirektorin inzwischen absehbare Teuerung des Projektes, das bisher mit 270 Millionen Euro veranschlagt ist. Der SPD-Fraktionschef machte sich aber zum Propagandisten eines sozialen Wohnungsbaus in Tempelhof, auch wenn er damit den Ärger der Grünjacken auf sich zog. Landeseigene Wohnungsbaugesellschaften sollten dort Wohnungen zu bezahlbaren Mieten erstellen, wiederholte Saleh gebetsmühlenartig in jedes Mikrofon.
Es könne nicht sein, dass Neubauten mit günstigen Mieten nur in Spandau, Reinickendorf oder Köpenick entstehen sollten, aber nicht in der Innenstadt. „Sie haben hunderttausend Sozialwohnungen verkauft“, schall es Saleh dafür aus den Reihen der Aktivisten entgegen. Dass diese zum Teil Mitglieder der Linkspartei aus Neukölln waren, deren Partei als Regierungspartner am Verkauf der landeseigenen GSW und dem Ausbluten des Sozialwohnungsbestandes beteiligt war, macht den schwierigen Frontverlauf im Kampf um Tempelhof deutlich.
Saleh und Graf bemühten sich, die Debatte um Details der Planung nicht ausarten zu lassen. „Wir wollen die Grünfläche sichern“, sagte der SPD-Mann, „aber wir wollen auch Bewegung in Berlin, wir sind gegen Stillstand“. Es wäre ein „fatales Signal“, wenn eine wachsende Stadt wie Berlin an einer solchen Fläche einen Baustopp erlassen würde. Graf betonte weniger den Wohnungsbau, schon gar nicht den sozialen, sondern sprach von der Mischung auf dem Feld: dem Dreiklang zwischen Wohnen, Wirtschaft und Wohlfühlen. „Wir müssen hier eine Grundsatzentscheidung treffen“, sagte Graf, der den CDU-Bezirksverband Tempelhof-Schöneberg führt. Dass sich am Südrand längs der Ringbahn und der Autobahntrasse auch Gewerbe ansiedeln soll, verteidigte er: „Die Themen Wirtschaft und Arbeitsplätze sind auch wichtig für Berlin“.
Listige Einwürfe der Aktivisten
Steindorf konnte den Politikern beim Stopp auf dem Vorfeld eine ordentliche Nachfrage nach dem riesigen Terminalgebäude berichten. In Hangar sieben am westlichen Rand zieht das Alliierten-Museum aus Zehlendorf. Die Hangars seien für Veranstaltungen zu 50 Prozent genutzt, was ein guter Wert sei. Und 100 Mieter belegten bereits 60.000 Quadratmeter im Terminal und den angrenzenden Gebäuden. Um mehr zu vermieten, müsse man weitere Büroflächen teuer herrichten. Graf sagte Hilfe zu. Man werde für das Gebäude Investitionsmittel aus dem Landeshaushalt zur Verfügung stellen müssen.
Heißsporne unter den „100 Prozent Tempelhofer Feld“-Aktivisten machten bisweilen Anstalten, die Aussagen der Politiker lautstark zu übertönen. Die reden sowieso Unsinn, wieso müsse man sich das anhören, tönte es in Wutbürger-Manier so lange, bis die besonneneren Grünjackenträger die Pöbler zur Raison riefen. Die Klügeren in der Initiative versuchen die Koalition mit ihren eigenen Waffen zu schlagen, indem sie die Ungereimtheiten und Schwachstellen der bisherigen Senatsplanung anprangern.
Denn auch Experten wie Steindorf wissen, dass es nicht einfach sein dürfte, alle Anforderungen an eine Entwicklung zu erfüllen. Beim Stopp auf dem ersten Baufeld am Tempelhofer Damm sagte Steindorf, hier sollten 1500 Wohnungen entstehen. Es könnten auch ein paar mehr sein, je nachdem welche Größe diese hätten. Aktivistin Heitmüller warf listig ein, dass die Kosten, um die Fläche zu erschließen, ja wohl ziemlich hoch seien.
Mehr Gebäude an den Rändern des Feldes
Der Manager ist gehalten, aus dem Verkaufserlös für das Grundstück Rohre, Leitungen und Straßen für das neue Quartier zu finanzieren. Das sei aber bei der geplanten Zahl von Wohnungen nicht zu finanzieren, wenn man einerseits nicht zu dicht und hoch bauen wolle und andererseits die Hälfte der Mieten auf sechs Euro heruntersubventionieren wolle, wandten die Aktivisten ein. Deswegen hegen sie den Argwohn, dass am Ende eben doch viel mehr Gebäude an die Ränder des Feldes gesetzt werden, als derzeit eingeräumt wird.
„Es gibt in Berlin auch in der Innenstadt viele Flächen, auf denen sich billiger bauen lässt“, sagt Heitmüller. Auch die Politiker kennen die Schwäche der ökonomischen Rechnung für den ersten Bauabschnitt am T-Damm. Insgeheim schließen sie auch nicht aus, Steindorf mit Landesmitteln für die Erschließung zu Hilfe zu kommen. Denn ein Erfolg in Tempelhof wäre gerade für die SPD ein wichtiger Beleg dafür, dass der Neubau günstiger Wohnungen möglich ist.





