„In Buenos Aires spielt man den Tango viel härter als in Berlin. Wir sind hier richtig romantisch dagegen. Das Lebensgefühl ist einfach anders“, erzählt Judith Brandenburg. Die Kämpfe, die die Menschen seit dem Zusammenbruch der Wirtschaft 2001 in Argentinien täglich austragen, spiegeln sich auch im Tango – und in den Orten, an denen er gespielt wird.

„In den Clubs stehen oft minderwertige Klaviere und schlechte Lautsprecher. Die Musik soll aber ganz laut klingen. Da kann man nicht melodisch spielen, da muss man viel rhythmischer und kontrastreicher arbeiten“, meint Javier Tucat Moreno.

Die Bandoneonistin aus Berlin und der Pianist aus Buenos Aires haben vor fünf Jahren das Tangoensemble La Bicicleta gegründet. Moreno lebt seit 15 Jahren an der Spree. „Berlin ist für mich wie ein entspanntes, gemütliches Riesendorf“, meint der Argentinier.

Das ist wie mit der dicken Hummel

Was ihm hier ein wenig fehlt, ist die spontane Begeisterung seiner Landsleute. In Deutschland werde über alles gründlich nachgedacht, in Buenos Aires dagegen jede neue Idee sofort umgesetzt: „Die Leute legen auch mit völlig unmöglichen Projekten einfach los. Das ist wie bei der Hummel. Sie ist eigentlich zu dick zum Fliegen, aber das weiß sie nicht.“

Buenos Aires ist die Welthauptstadt des Tango. Aber auch Berlin hat sich mit unzähligen Tangoschulen und 40-45 wöchentlichen Milongas längst als Tangostadt etabliert. „Die Berliner Tangoszene ist riesig. Für die vielen Tanzveranstaltungen gibt es allerdings erschreckend wenig Live-Musik“, findet Judith Brandenburg. Irgendwann will sie selbst einen Tango-Live-Club eröffnen.

In Buenos Aires ist die Tangoszene sehr vielfältig. Sie reicht von touristischen Traditionsetablissements bis zu experimentellen kleinen Tango-Clubs, die aussehen wie Rockschuppen, wo improvisiert und mit Live-Elektronik gearbeitet wird. „Das Schönste ist, dass die Milongas in Buenos Aires auch von jungen Leuten besucht werden, die den Tango weiterentwickeln. Das haben wir in Berlin leider nicht“, sagt Javier Tucat Moreno.

Schmelztiegel mit Bartók, Schönberg, Miles Davis und Pop

Beide Musiker sind klassisch ausgebildete Pianisten. Moreno hat sich viele Jahre lang für Bach und Ginastera begeistert. Irgendwann spürte er, dass er auch den Tango ausleben musste, der in Argentinien allgegenwärtig ist: „Bei der klassischen Musik ging es immer darum, dass ich mir etwas von außen aneigne. Beim Tango war es plötzlich andersherum. Er war schon in mir drin, ich musste ihn nur herauslassen.“

Judith Brandenburg bereitete sich auf eine Karriere als Konzertpianistin vor, als sie mit dem Tango tanzen begann. „Eines Tages hatte ich ein Bandoneon auf dem Schoß, und nach ein paar Tönen war die Falle zugeschnappt“, erinnert sie sich. Sie sagte die Pläne für einen Liederabend und ein klassisches Trio-Projekt ab und übte acht Stunden am Tag auf dem Bandoneon. Von einem Tag auf den anderen änderte sie ihr ganzes Leben.

Die beiden Musiker lernten sich in einem Tango-Orchester kennen. Ihre eigene Gruppe nannten sie La Bicicleta – das Fahrrad – weil ihnen das Symbol für die freie, entspannte Fortbewegung gefiel. Außerdem stand ein Fahrrad in ihrem ersten Übungsraum herum, und es gibt auch einen alten Tango mit diesem Titel.

Ihren Stil nennen sie Tango progresivo. Sie spielen nicht einfach traditionellen Tango, sondern lassen ihren weiten musikalischen Horizont von Bartók und Schönberg bis zu Miles Davis und Pop-Musik mit einfließen. Beide sind Komponisten und schreiben die modernen Tangos für ihr Ensemble. „Die besten Ideen kommen mir auf dem Fahrrad. Mich zu bewegen, bringt die Dinge in Fluss, und auf einmal fange ich an zu singen“, sagt Judith Brandenburg. Im Moment arbeitet sie an einem großen Projekt: einem Konzert für Tango-Trio und Orchester.

Der Berliner Tango-Blues

Seit vier Jahren gehört auch der Schweizer Geiger Florian Kellerhals zum Ensemble. Hauptberuflich spielt er im norwegischen Stavanger Symphonieorchester, aber seit er mit Astor Piazzolla gespielt hat, ist er auch vom Tango-Virus infiziert. Er war damals so beeindruckt, dass er eine ganze Woche lang nicht schlafen konnte.

Bei Konzerten und CD-Projekten arbeiten La Bicicleta außerdem mit Gästen wie der argentinischen Sängerin Anahí Settón und dem Klarinettisten Manfred Preis von den Berliner Philharmonikern zusammen. Inzwischen hat sich das Ensemble international einen Namen gemacht, Tourneen durch Argentinien, Norwegen und Österreich unternommen und einen Workshop in Andalusien gegeben.

„Berlin azul“ (Blaues Berlin) heißt ihre zweite CD, die die Musiker auf der Record Release Party am 4. April in der Kulturbrauerei vorstellen. „Traditionelle Tangos beschreiben oft die Stadtviertel von Buenos Aires. Warum sollen wir nicht Bilder, Geräusche, Erlebnisse aus Berlin schildern?“ meint Judith Brandenburg. Da geht es um die Atmosphäre im Nachtbus N8 oder den Blumenladen, der am Kottbusser Tor zwischen Schmutz und Tristesse einen bunten Akzent setzt.

Die beiden Musiker sehen La Bicicleta als den kürzesten Weg zwischen Berlin und Buenos Aires. Zur Jubiläumsfeier der Städtepartnerschaft spielen sie am 27. Juni im Ibero-Amerikanischen Institut in der Potsdamer Straße. Und wenn alles gut geht, geben sie am Ende des Jahres auch wieder Konzerte in Buenos Aires.