Es begann mit Angela Merkel und dem Labrador. Als die deutsche Bundeskanzlerin Wladimir Putin im Jahr 2007 in seiner Sommerresidenz besuchte, tauchte überraschend dessen Labradorhündin Koni auf und durfte sie ausgiebig beschnuppern.

Merkel hat bekanntlich Angst vor Hunden, seit sie als junges Mädchen vom Jagdhund ihres Nachbarn in der Uckermark angefallen wurde. Nun musste sie erkennbar verkrampft die Begegnung mit dem großgewachsenen Tier über sich ergehen lassen, während Putin locker daneben saß und die kleine Machtdemonstration lächelnd genoss.

Putin, der Große?

Das erinnert ein wenig an die jetzige Situation: Putin hat gehandelt, und alle sind einigermaßen erschrocken darüber. Was den russischen Präsidenten angeht, so gibt es derzeit zwei spannende Fragen. Mit der ersten begann Günther Jauch am Sonntagabend im Ersten seine Sendung: Wer ist dieser Mann eigentlich? Ist er wirklich nur das machiavellistische Alphatier, als das wir ihn regelmäßig porträtieren? Putin, der Große, der ehemalige KGB-Agent und heutige Kreml-Fürst, der sich kühl die Krim einverleibt wie ein zweites Frühstück?

Ja, bestätigten etwa die Journalisten Gerd Ruge und Hubert Seipel, natürlich vertrete Putin mit Härte die Interessen seines Landes. Er habe auch nie behauptet, Diplomat zu sein. Aber sie erinnerten auch an eine derzeit fast vergessene Seite des Präsidenten: An den Eindruck eines besonnenen und zurückhaltenden, oft auch beredsamen, fließend Deutsch sprechenden Mannes, dem etwa 2001 bei seiner Rede im Deutschen Bundestag die Herzen aller Abgeordneten zuflogen. Sie applaudierten stehend. „Putin schien uns ein bescheidender und kluger Mann zu sein“, fasste Gerd Ruge zusammen.

Man erteilt sich Ratschläge

Die zweite Frage lautet: Was will Putin? Und hier verfestigte sich der Eindruck, dem auch Putin bei eben dieser Rede damals schon Ausdruck verliehen hat: Dass man sich immer noch nicht gegenseitig vertraut, allen süßen Beteuerungen zum Trotz. John Kornblum etwa, der ehemalige US-Botschafter in Deutschland, regte an, Russland solle seine Truppen von der Ostgrenze der Ukraine abziehen. Dass Putin dies angesichts der an seiner Grenze stationierten Nato-Raketen abstrus finden dürfte, sagte er nicht.

Russland müsse sich in Zukunft aus der Ukraine raushalten, forderte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU), als hätte Russland dies nicht schon längst zugesichert. Nur glaubt diesen Zusicherungen eben niemand.

Die Ansicht, Russland hätte sich, vergleichbar den 2+4-Verhandlungen 1989/90, die Ukraine nur im ständigen Austausch mit den westlichen Großmächten sichern können, erzielte in der Runde beinahe Konsens – wäre da nicht Dmitri Tultschinski von der russischen Nachrichtenagentur Ria Novosti gewesen, der auf die Abwesenheit alliierter Siegermächte im aktuellen Fall hinwies. Das Misstrauen streift bisweilen die Paranoia, auf beiden Seiten.

Denn Putin selbst steht solcher Rhetorik, das haben die letzten Tage gezeigt, natürlich in gar nichts nach. Es ist die schrille Melodie der Eskalation, in der sich beide Seiten, der Westen und Russland, zur Zeit Empfehlungen geben und historisch die Leviten lesen.

Ob er die Wiederkehr eines Kalten Krieges für möglich halte, wollte Günther Jauch von Gerd Ruge wissen, dem ältesten in der Runde. Ja, meinte der ohne zu zögern: „Der Ton wird schärfer und härter“.