Bildung

Lehrermangel in Berlin - Zahl der Quereinsteiger wächst

Berlin braucht mindestens 2400 neue Lehrer. Doch es bewerben sich weitaus weniger ausgebildete Pädagogen - dafür drängen immer mehr Quereinsteiger in die Schulen. Experten warnen vor Qualitätsverlust.

Foto: David Heerde

Die Zahl der Bewerber, die ohne pädagogische Ausbildung Lehrer an einer Berliner Schule werden wollen, wächst ungebremst. Mehr als 1580 entsprechende Bewerbungen von Akademikern aus anderen Fachrichtungen liegen inzwischen in der Bildungsverwaltung des Senats vor. Um die zunehmenden Anfragen zu bewältigen, wurde die Bewerbungsfrist bis Ende April verlängert und außerdem eine Hotline eingerichtet.

Berlin braucht zum neuen Schuljahr mindestens 2400 neue Lehrer. Fachkräfte können den Bedarf nach derzeitigem Stand nicht einmal annähernd decken. 1300 ausgebildete Lehrer haben sich bislang in der Hauptstadt beworben, viele von ihnen parallel in mehreren Bundesländern. Vor einigen Wochen hat Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) deshalb fast alle Fächer zu Mangelfächern erklärt, um so den Weg für Quereinsteiger frei zu machen.

Bildungsexperten sehen Entwicklung mit Sorge

Während die Bildungsverwaltung sich über das große Interesse von Akademikern am Lehrerberuf freut, sehen Bildungsexperten, aber auch Lehrer und Eltern diese Entwicklung mit großer Sorge. Zwar sollen die Quereinsteiger berufsbegleitend in schulpraktischen Seminaren eine pädagogische Ausbildung erhalten, gleichzeitig werden sie die Schüler aber auch völlig unvorbereitet vom ersten Tag an unterrichten.

Franziska Giffey (SPD), Bildungsstadträtin von Neukölln, spricht von einer Notlösung und warnt vor einem Qualitätsverlust der Lehre. „Die Akademiker, die sich als Quereinsteiger bewerben, haben keine methodische Ausbildung. Sie haben nicht gelernt, Hochschulstoff für Schüler verständlich aufzubereiten“, sagt sie. Zudem wüssten die meisten nicht, wie man eine Stunde vorbereitet und pädagogisch mit Schülern arbeitet. Giffey fordert strukturelle Änderungen. „Berlin muss zur Verbeamtung von Lehrern zurückkehren“, sagt sie. Fast alle Bundesländer würden ihre Lehrer verbeamten.

Brandenburg startet bundesweite Werbekampagne

Das Land Brandenburg habe jetzt eine bundesweite Werbekampagne gestartet. „Mit sehr guten Angeboten für Lehrer.“ Berlin werde hingegen mehr und mehr qualifiziertes Personal verlieren. Auch Pit Rulff, Schulleiter des Oberstufenzentrums Druck- und Medientechnik in Reinickendorf, fordert eine Qualifizierungsoffensive. Niemand würde sich in ein Flugzeug setzen, das von einem Quereinsteiger gesteuert wird, sagt er. Besonders problematisch sei der Einsatz an Brennpunktschulen. „Ohne Methodik gehen sie dort unter.“

Rulff hat jahrelange Erfahrungen mit Quereinsteigern. Er habe festgestellt, dass die Hälfte für den Lehrerberuf nicht geeignet sei. Er weist zudem darauf hin, dass schon jetzt viele Vertretungslehrer ganz ohne Ausbildung an Schulen vor der Klasse stehen. Diese Aushilfslehrer müssten mindestens einen Grundkurs erhalten, um sich selbst und die Kinder zu schützen.

Gewerkschaft fordert Konzept für Quereinstieg

Beate Stoffers, Sprecherin von Bildungssenatorin Scheeres, weist die Kritik zurück. Sie betont, dass Quereinsteiger oftmals langjährige praktische Erfahrung aus der Berufspraxis oder Lehrerfahrung etwa aus einer Tätigkeit an Hochschulen mitbringen würden. „Diese Kompetenzen können sie in den Schulalltag einbringen.“ Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) fordert von der Senatorin ein Konzept für die nicht ausgebildeten Kräfte. „Die Schulen müssen mit Mentoren den Einstieg mindestens im ersten Jahr absichern. Die Quereinsteiger brauchen Zeit für Hospitationen und gegebenenfalls für den Erwerb eines zweiten Fachs“, so GEW-Chefin Sigrid Baumgardt.

Berlin baut unterdessen seine vorschulische Sprachförderung aus. Eltern müssen künftig aber auch mit Bußgeldern bis zu 2500 Euro rechnen, wenn sie ihre Kinder nicht zu verbindlichen Spracherfassungstests und dem Förderunterricht schicken. Das sieht eine Novelle des Schulgesetzes vor, die das Abgeordnetenhaus am Donnerstag mit den Stimmen der rot-schwarzen Regierungsfraktionen beschloss.

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