Franco Stella

Der Schloss-Herr mit Vorliebe fürs Schnörkellose

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Sabine Gundlach

Foto: Martin U. K. Lengemann

Der italienische Architekt Franco Stella hat die neue Fassade für das Stadtschloss entworfen, bleibt aber meist im Hintergrund. An Berlin schätzt er besonders das offene Klima.

Zum Abschied wird er doch noch temperamentvoll. Das Aufnahmegerät ist ausgeschaltet, die Zurückhaltung schwindet. Ein beiläufiger Hinweis darauf, dass US-Stararchitekt Daniel Libeskind einmal im Gespräch mit der Berliner Morgenpost einen Spielplatz für Kinder statt der Schlossrekonstruktion gefordert hat, lockt Franco Stella aus der Reserve.

„Das ist doch arrogant“, sagt der italienische Architekt ungewohnt deutlich und knapp. Dann wird er lebendig und regt sich richtig auf: Libeskind könnte so einen Spielplatz ja neben einen seiner Bauten setzen. Das mache er doch auch nicht – oder? Stella lacht. Aber es ist nicht lustig. Im Gegenteil. Es ist eine Mischung aus Empörung und Fassungslosigkeit. Der bislang freundlich zurückhaltende Italiener ist kaum wiederzuerkennen. Plötzlich sind Leidenschaft und Emotionen spürbar.

Nicht so viel Privates verraten

Fast zwei Stunden hat Stella in seinem nüchternen Berliner Büro an der Fischerinsel in ausführlicher Seelenruhe, ein wenig umständlich und in gebrochenem Deutsch, viele der Fragen zu seiner Vita und seinem Werdegang beantwortet. Und viele der Antworten dann leider auch wieder zurückgenommen. Manche gleich im persönlichen Gespräch, andere später am Telefon. Der Grund: Stella möchte nicht so viel Privates über sich und seine Familie veröffentlicht wissen.

Privates öffentlich zu machen ist ihm nicht angenehm. Wer das als allürenhaftes Verhalten abtut, irrt. Der körperlich kleine Stella ist kein Gernegroß. Die Zurückhaltung entspricht wohl eher seiner Bescheidenheit und Unsicherheit im Umgang mit den Medien.

Das mag auch mit den schlechten Erfahrungen zusammenhängen, die er bereits gemacht hat. Natürlich steht der Mann, der eine neue Fassade für das Stadtschloss entworfen hat, zuweilen im Fokus der Öffentlichkeit. Und natürlich steht Stella auch hinter dem Großprojekt Rekonstruktion des Berliner Stadtschlosses, für das im Sommer Bundespräsident Joachim Gauck den Grundstein legte.

Den größten deutschen Kulturbau der Nachkriegszeit in Deutschland so provokant infrage zu stellen, wie das sein weltweit bekannter Kollege Daniel Libeskind mit seinem Spielplatz-Einwand gemacht hat, scheint für den Norditaliener geradezu unerträglich.

Stella glaubt an das Schloss

Der 70 Jahre alte Planer glaubt an das Schloss. „Ich bin überzeugt, dass kein ,modern-spektakuläres Bauwerk‘ an diesem Ort eine vergleichbare starke und dauernde Anziehungskraft für die Besucher des Humboldtforums haben könnte“, sagt Stella. Kritikern, die seinem Schlossentwurf Kälte und Monotonie vorwerfen, entgegnet er, „dass spektakuläre Performances nach dem ersten Erfolg schnell verblassen“. Der Rationalist und Schinkel-Liebhaber Stella setzt – wie so oft in Berlin – lieber auf Bewährtes.

Den sonst unscheinbar wirkenden Franco Stella so engagiert zu erleben, ist ungewohnt. Bei öffentlichen Auftritten in Berlin blieb der Architekturprofessor aus Vicenza bislang meist im Hintergrund. Fast hatte man manchmal den Eindruck, er ist nicht der verantwortliche Architekt für dieses Mammutprojekt.

Der Architekt scheut den großen Auftritt

„Wer ist eigentlich Franco Stella?“ überschrieb ein großes Kunstmagazin bereits 2008 nach Stellas überraschendem Sieg im Architekturwettbewerb für das Jahrhundertprojekt des Stadtschlosses einen Beitrag über den „großen Unbekannten“. Es scheint, die Frage ist noch heute aktuell. Möglicherweise auch, weil Stella den großen Auftritt eher scheut und lieber über die Sache redet als über seine Herkunft.

Doch dann spricht er doch. Auf Deutsch. Langsam, weil er manchmal nach Worten sucht, aber zugleich auch viel. Die Sprache habe er in der Schule gelernt, sagt Stella. Das sei in Norditalien damals nicht ungewöhnlich gewesen.

Sein Vater gründete eine Möbelfabrik

Stella wurde in Thiene, einer Kleinstadt bei Vicenza, geboren. Er kommt aus einer Unternehmerfamilie. Sein Vater gründete in den 30er-Jahren eine Möbelfabrik. Zunächst ein kleinerer Betrieb, der später expandierte. Mittlerweile wird das Unternehmen mit Produktionsstätten an mehreren Standorten von zwei seiner Brüder weitergeführt.

In Zusammenarbeit mit namhaften Designern entwickeln Stellas Geschwister für spezielle Auftraggeber wie Großbanken und andere Firmen Möbel. Auch Stella hat schon Möbel entworfen – allerdings nur Unikate für sein privates Zuhause, nicht für die Produktion in Serie. Das wäre zu teuer, sagt er.

Faible fürs Schnörkellose

An seine Kindheit hat Stella nur vage Erinnerungen. Als Jugendlicher begleitete er seinen Vater oft auf die Mailänder Möbelmesse. „In dieser großen Präsentation verschiedener Stilrichtungen habe ich mir vor allem die Möbel schwedischer Designer angesehen. Denn das waren damals die ersten Möbel, die modern und ornamentlos waren, ähnlich schnörkellos wie die Möbel des Bauhauses“, sagt Stella.

Sein Interesse für Architektur wurde schon durch die Umgebung seiner Kinder- und Jugendzeit geweckt. Vicenza, wo Stella in den 50er-Jahren auf die Oberschule ging, ist die Stadt von Andrea Palladio (1508–1580), einem der bedeutendsten Baumeister der italienischen Renaissance.

Palladios Paläste waren täglich Anschauungsmaterial

Villen und Paläste, auch die seiner Nachfolger, waren offenbar anregendes Anschauungsmaterial für den Architekten. „Diese Bauten waren meine Lebenswelt, ich habe sie jeden Tag gesehen, das hat mich geprägt“, sagt Stella. Er hält kurz inne, überlegt und fährt dann fort: „Diese Paläste haben mir eine Idee der Schönheit vermittelt.“ Neben dem Interesse an Palladio und an der klassischen Architektur habe er aber auch Interesse „für eine strenge und rigorose Moderne“.

Seine Entscheidung, Architekt zu werden, war ein Kompromiss. „Ich habe mich damals auch sehr für Philosophie und Mathematik interessiert“, sagt der Italiener. Anfang der 60er-Jahre ging er an die Universität von Venedig, wo er 1968 sein Diplom als Architekt machte. Die Aufbruchstimmung der Studenten begann, als Stella gegen Ende seines Studiums stand.

Die Studentenrevolte war für Stella eine Bedrohung

Dass er kein Rebell war, überrascht nicht. „Ich war nur Beobachter dieser Bewegung“, sagt Stella. Die Revolte empfand er eher als Bedrohung seiner architektonischen Welt. Denn durch die Rebellen fühlte er seine Liebe zur Klassik und zur Architektur überhaupt infrage gestellt. Doch Stella blieb dabei.

1973 gründete er sein eigenes Büro in Vicenza, baute die erste von insgesamt sechs Schulen, ein Industriegebäude, mehrere Häuser oder auch die Messe in Padua. Daneben lehrte er von 1975 bis 1989 in Venedig an der Architekturfakultät, bevor er 1990 als Professor an die Universität von Genua ging.

Dort hat er seine Lehrtätigkeit unterdessen beendet. Die Arbeit im Berliner Büro, das Pendeln zwischen Genua, Vicenza und der deutschen Hauptstadt wurde ihm zu viel. „Es ist aufwendiger, von Genua nach Vicenza zu gelangen, als von Vicenza nach Berlin“, sagt der Schlossarchitekt.

An der Spree ist er mindestens zwei bis drei Tage in der Woche. Ausführungsplanungen und architektonische Details für den Schlossbau stehen gerade an in der Projektgemeinschaft mit den Büros von Gerkan, Marg und Partner (gmp) sowie den Kollegen von Hilmer & Sattler und Albrecht. Während seiner „Berlin-Tage“ wohnt der Italiener in einem Hotel in Charlottenburg.

Mit Aldo Rossi nach Berlin

Sein erster Besuch in Berlin liegt bereits mehr als 40 Jahre zurück. Eine Studienreise der von Aldo Rossi mitbegründeten Gruppo Architettura der Hochschule Venedig brachte Stella 1972 erstmals nach Berlin, in den West-Teil der Stadt.

Neben dem Siedlungsbau der 20er-Jahre war Stella damals auch von den Experimenten und Ideen der Nachkriegszeit in der Wohnstadt Berlin beeindruckt. Auch wenn da, wie er betont, längst nicht alles seinen Vorstellungen von Stadt entsprach. Zum Hansaviertel in Tiergarten aus der Zeit der 50er-Jahre sagte er beispielsweise: „Stadt ist nicht eine grüne Wiese, auf der du einfach deine Objekte einzeln verteilst – auch wenn es sich dabei um qualitätsvolle Bauten handelt.“

„Ich mag in Berlin das offene Klima“

Der Bewunderer großer Baumeister wie Karl Friedrich Schinkel und Ludwig Mies van der Rohe zählt das Schauspielhaus von Schinkel und die Neue Nationalgalerie von Mies van der Rohe zu seinen Berliner Lieblingsbauten. In der Spreemetropole selbst schätzt der Pendler das „offene Klima. Hier kann jeder nach seiner Fasson leben“, sagt Stella und lächelt zufrieden.

Auf die Frage, was ihm in der deutschen Hauptstadt nicht gefalle, hält Stella plötzlich kurz inne. Der Italiener lacht, blickt urch seine leicht zu großen Brillengläser und sagt mit sichtlich ironischem Schmunzeln: „Ich mag die Sahne in den Soßen nicht“.