Eine bunte Gemüsepracht bietet der Acker in Teltow zwar noch nicht, das sollte auf einem Acker Mitte März jedoch nur dem Landleben entfremdete Städter verwundern. Zu denen gehört Susanne Seitter nicht. Die Friedrichshainerin kann den Mai kaum erwarten, denn dann kann sie „ihren“ Acker wieder in Besitz nehmen. „Ich bin Ackerheldin der ersten Stunde“, erzählt die 34-Jährige Kulturwissenschaftlerin, die nun im zweiten Jahr ein Gemüsebeet bei den „Ackerhelden“ pachtet.

Die Ackerhelden, das sind Birger Brock und Tobias Paulert, bei denen interessierte Hobbygärtner, selbst Ackerhelden genannt, deutschlandweit Gemüsebeete für die eigene Bewirtschaftung nach strengen Bio-Richtlinien mieten können. Die Flächen stellen Landwirte der Anbauverbände Demeter, Naturland und seit diesem Jahr auch Bioland zur Verfügung, mit denen das Unternehmen kooperiert.

Paulert und Brock kennen sich seit der Schulzeit, wo im Schulgarten die gemeinsame Gärtnerleidenschaft der beiden 38-jährigen Essener aufkeimte. Nachdem sich beide einige Jahre im „Haifischbecken Wirtschaft“, wie Paulert es nennt, verdingten, gründeten sie 2012 die Ackerhelden GmbH und kündigten zum Entsetzen vieler Freunde ihre hoch dotierten Jobs. „Wir wollten das tun, was wir richtig finden“, sagt Tobias Paulert.

„Die Leute sollen sich mehr Gedanken darüber machen, wo ihr Essen herkommt.“ Landwirtschaftliche Kenntnisse eigneten sie sich selbst an, kooperieren aber auch mit Hochschulen, dem Fachbereich Ökologischer Landbau der Uni Kassel etwa für die Beratung beim Anbauplan. Paulert ist überzeugt, dass ein Interesse für Landwirtschaft und Ackerbau in der Natur des Menschen liegt, der Alltag nur die Chance nicht bietet, das auszuleben.

Nachschub an Bio-Saatgut wird kostenlos zur Verfügung gestellt

Möglich macht das die Ackerhelden GmbH an zehn Standorten in ganz Deutschland, der erste Acker entstand 2013. Auf einer Fläche des Bioland-Betriebs von Axel Zilleweit in Teltow wurden vergangenes Jahr 50 Parzellen bewirtschaftet, in diesem Jahr steht mit insgesamt 0,6 Hektar eine doppelt so große Fläche zur Verfügung. Von den 100 Teltower Beeten sind einige noch zu haben (siehe Infokasten), das Unternehmen rechnet für diese Saison mit etwa 1000 Kunden deutschlandweit. Mitte Mai, nach den Eisheiligen, werden die Äcker den Ackerhelden übergeben und die Saison beginnt, ab dann kann jeder Pächter bis zum Saisonende am 30. November „sein“ Beet beackern.

Da die Essener Firmeninhaber nicht auf allen Äckern gleichzeitig sein können, versorgen sie in Abwesenheit ihre meist nicht mit landwirtschaftlichen Vorkenntnissen ausgestatteten Ackerhelden mit ausführlicher Telefon- und E-Mail-Beratung, Infomaterial, dem „Heldenpost“-Magazin, regelmäßigen Newslettern.

Jeden Pächter erwarten seine 40 Quadratmeter vom jeweiligen Partnerhof mit streng zertifiziertem Biogemüse vorbepflanzt. Nachschub an Saatgut und Jungpflanzen gibt es den ganzen Sommer über kostenlos, sinnvoll gerade bei Gemüse wie Salat, der eine Kulturzeit von nur vier Wochen hat. Auch Gießkannen, Wasser, Gartengeräte und ein Picknicktisch stehen den Hobbybauern zur Verfügung. Knappe 250 Euro kostet die Pacht für eine Saison, der Ertrag an Gemüse aber ist etwa das Doppelte wert.

Das kann Susanne Seitter bestätigen. „Alles wächst extrem schnell. Eine Woche erntest Du ab, in der nächsten ist der Acker schon wieder voll“, erinnert sie sich an ihre Debütsaison 2013. Vor allem der intensive Geschmack des Gemüses begeisterte sie. Die Ernte konnte sie allein gar nicht verbrauchen, vieles wurde verschenkt.

„Auf dem Acker steht die Zeit still“

Oft kam auch eine Freundin mit aufs Land, die ihr dann zur Hand ging. Etwa zwei Stunden pro Woche nimmt die Landarbeit in Anspruch, „so viel wie der dadurch entfallende Supermarkteinkauf“, gibt Tobias Paulert zu bedenken. Im Sommer sollte mehr Zeit eingeplant werden, der Acker will regelmäßig bewässert und Unkraut gejätet sein. Das übernehmen auch mal Mithelden, ist man zum Beispiel im Urlaub. Paulert beschreibt das Publikum als sehr gemischt, die typische Biokäuferschaft – Paare zwischen 35 und 45 mit Kindern – stoße hier auf junge Rentnerpaare und Studierende, die sich einen Acker teilen.

Eine 70-jährige Ackerheldin schreibe den beiden Firmenchefs nach jedem Parzellenbesuch ein Gedicht. Susanne Seitter weiß die nachbarschaftliche Atmosphäre bei den Ackerhelden zu schätzen. „Man kommt ins Gespräch, befragt sich zur Ernte und tauscht Rezepte und Tipps aus“, berichtet sie. „Die sind alle offen und nett, aber es herrscht nicht diese verpflichtende Kleingartenatmosphäre.“

Paulert und Brock wollen weiter expandieren, deutschlandweit sollen neue Standorte dazukommen. Momentan verhandeln sie für eine Fläche im Nordosten Berlins. Susanne Steitter aber will ihren Teltower Acker behalten. Am Anfang war sie unsicher, ob ihr Teltow nicht zu weit ist. Aber diese Zweifel verflogen schnell. „Sobald ich in der S25 sitze, komme ich runter. Und auf dem Acker steht eh die Zeit still“, schwärmt sie. „Im Winter haben mir diese regelmäßigen Ausflüge richtig gefehlt.“