Für die Schilder in der Vitrine bräuchte man eigentlich ein Lexikon: Lúcuma, Chicha Morada, Algarrobina. Wie bitte? „Tja, Geschmack kann man nicht übersetzen“, sagt Gerhard Eilers und lacht. Der 73-Jährige hat die Namen seiner Eiskreationen quasi im Blut. Und damit eine etwas andere Eisdiele eröffnet: „Inka Eis“ im Herzen Schönebergs.

„Als ich damals die Idee dafür hatte, sagten mir alle: Das werden die Deutschen niemals essen“, sagt Eilers, der mit 22 Jahren nach Berlin kam. Geboren und aufgewachsen in Peru, wollte er eigentlich nur drei Jahre bleiben. Doch wie das Leben so spielt, kam ihm eine Berlinerin dazwischen. Eilers blieb, gründete eine Familie und arbeitete als Brauereivertreter. Gefiel ihm ja auch ganz gut in der geteilten Stadt. Doch er vermisste die Kultur seiner lateinamerikanischen Heimat. Vor allem das peruanische Eis aus Kindertagen. Also brachte er das Eis nach Deutschland.

Zehn Kilogramm Lúcuma-Mehl

Es begann mit der Lúcuma, einer Frucht, die erst getrocknet, dann geschält und anschließend zu Mehl verarbeitet wird. Der Geschmack: nussig und ein bisschen wie Honig. 2005 importierte Eilers zehn Kilogramm aus Peru – hatte aber keine Ahnung, wie man Eis herstellt. Weil ihn größere Hersteller mit seiner „fixen Idee“ abblitzen ließen, ging der inzwischen Pensionierte in die Bibliothek und brachte es sich selbst bei. Die erste Produktion ging gehörig daneben: „Der Geschmack war gut, aber die Konsistenz war eine Katastrophe“, erinnert sich Eilers.

Doch irgendwann stimmte die Mischung – und der Rest wurde eine Erfolgsgeschichte. Eilers Laden ist im Kiez um die Eisenacher Straße herum inzwischen mehr als ein Geheimtipp. Außerdem beliefert er lateinamerikanische Restaurants und produzierte für die Grüne Woche schon mal 10.000 Eisbecher. Die Preise sind trotzdem nicht explodiert: 1,20 Euro für eine große, 60 Cent für eine kleine Kugel. Und selbst die fällt noch üppig aus. „Die Leute finden es einfach gut, mal etwas anderes zu bekommen“, sagt Eilers, der sich auch im Winter über viel Kundschaft freuen kann. „Und die Konservativen bekommen halt Schokolade oder Vanille.“

Neben der Lúcuma ist derzeit Chicha Morada ein Renner – eigentlich eine Limonade, die aus Purpur-Reis hergestellt wird. Oder Eis auf Basis des Algarrobina, ein Sirup aus der Johannisbrotbaumschote, dessen Geschmack an Karamell erinnert. Für diese Saison hat Eilers mal wieder Avocado ins Programm genommen. Im Vergleich zu den anderen Sorten wirkt das fast schon herkömmlich.

Keine tierischen Fette

So wie Eilers versuchen sich jetzt, wo das warme Wetter kommt, viele Eisdielen in Berlin an ausgefallenen Kreationen. Bei „Fräulein Frost“ in Neukölln werden aus klassischen Zutaten moderne Sorten: Zitrone-Lakritz, Käsekuchen-Keks oder weiße Schokolade mit roter Grütze. Wem das nicht reicht, der bestellt einmal „GuZiMi“: Eis aus Gurke, Zitrone und Minze. Für den ernährungsbewussten Hipster von nebenan gibt es in der „Berliner BioEisDiele“ in Kreuzberg Bio-Eis in sämtlichen Sorten und auf Nachfrage auch eine Bio-Eisbombe. Derweil serviert der „Eissalon Tanne B.“ sogar Spargeleis.

Solche Spielereien haben sie sich beim „Eis Michel“ in Charlottenburg gespart. Dort bleibt es klassisch. „Klar gibt es immer wieder den einen oder anderen Trend“, sagt Inhaber Michael Kasprik Vidal, „aber die machen insgesamt nur zehn Prozent des Sortiments aus.“ Hauptsache Vanilleeis ist immer reichlich vorhanden. „Vanille geht immer, das war schon immer so“, sagt Kasprik Vidal. Seit 19 Jahren führt der 47-Jährige mit seinem Partner Dieter Müller die Eisdiele an der Pestalozzistraße. Die Devise: Qualität zahlt sich aus. „Wir haben hauptsächlich Stammkunden, die wissen gern, woran sie sind.“

Deshalb achtet man im „Eis Michel“ vor allem darauf, keine tierischen Fette zu benutzen. Und darauf, die Preise nicht anzuheben: Einen Euro kostet die Kugel. Das ist fast schon zu wenig, aber man muss sich dem Kiez anpassen. Und ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis ist eine Investition in die Zukunft. „Wir haben inzwischen erwachsene Kunden, denen wir schon als Kinder Eis verkauft haben“, sagt Müller. Hinter ihm sitzen Iris Englezou und ihr zweijähriger Sohn Ilios. Sie mit einem Mangoeis, der Kleine mit Himbeere. Sie kommen regelmäßig, weil die Kita auf dem Weg liegt, aber auch, „weil es gut schmeckt“. Klingt nach guten Zeiten für den „Eis Michel“.