Stadtentwicklung

Degewo fordert mehr neue Wohnungen in der Innenstadt

Wohnraum wird in Berlin dringend benötigt: Im Entwicklungsplan sind deshalb Baubereiche in der Innenstadt festgelegt. Degewo-Chef Frank Bielka sieht dort großes Potenzial für neue Wohnungen.

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Berlin braucht dringend neue Wohnungen. Im Stadtentwicklungsplan (Step) Wohnen, der in diesem Jahr verabschiedet werden soll, sind deshalb 25 Neubaubereiche festgelegt, in denen großflächiger Wohnungsneubau auch in der Innenstadt möglich sein soll. Allein dort könnten 220.000 neue Wohnungen entstehen. Doch ausgewiesene Flächen sind noch lange keine Wohnungen, und so bleibt Berlin weiterhin deutlich hinter dem selbst gesteckten Ziel von 10.000 neuen Wohnungen im Jahr zurück. Isabell Jürgens fragte Frank Bielka (66), den Chef des städtischen Wohnungsunternehmen Degewo, nach den Gründen.

Berliner Morgenpost: Herr Bielka, im Oktober gehen Sie in den Ruhestand, insgesamt waren Sie dann elf Jahre Chef der Degewo. Wie hat sich das Unternehmen geändert?

Frank Bielka: Die Degewo hat einen enormen Wandel hinter sich, ist heute ein modernes Dienstleistungsunternehmen mit Anspruch, was sie vorher so nicht war. Inhaltliche Themen wie die Quartiersentwicklung, Bildungskooperationen und inzwischen auch wieder Neubau sind in dieser Zeit extrem wichtige, zusätzliche Aufgabenfelder geworden. Die Degewo vor elf Jahren war ein Unternehmen mit teils problematischem, unsaniertem und unattraktivem Wohnungsbestand, der in Teilen von hohem Leerstand gekennzeichnet war. Auch unser Auftritt in der Öffentlichkeit hat sich geändert. Wir sind nicht mehr die verpiefte Wohnungsverwaltung. Ich glaube, es ist uns in diesen elf Jahren ganz gut gelungen, dieses Image loszuwerden.

Obwohl man den Eindruck hat, manchem Senator wäre es recht, wenn das wieder so wäre.

Das scheint manchmal so. Ich glaube aber, das ist zu kurz gedacht. Wir sind ja durchaus noch als Landesunternehmen erkennbar und es ist doch eine Zierde für den Eigentümer, wenn wir frisch und dynamisch unsere Aufgaben erledigen.

Wie erklären Sie sich dieses neuerliche Hineinregieren, ist das Regulierungswut oder schlichtes Misstrauen?

Das ist ein Trend, der ja nicht nur für die Degewo oder die anderen fünf städtischen Wohnungsunternehmen gilt sondern für alle öffentlichen Unternehmen. Während man uns vor zehn Jahren noch dringlich loswerden wollte und die Lösung vor allem der finanziellen Probleme der Stadt in der Privatisierung der Betriebe sah, hat sich das komplett gedreht. Bei den Wohnungsunternehmen kommt noch verschärfend hinzu, dass Mieten- und Wohnungspolitik wieder als wichtige Themen gelten.

Und die Politik fordert von Ihnen, dass Sie ganz schnell ganz viel bauen sollen. Wie setzen Sie das um?

Mit voller Kraft. 2014 haben wir 630 Wohnungen im Bau, bis 2020 werden es rund 3500 sein. Wir sind das erste landeseigene Wohnungsbauunternehmen, das nach mehr als zehn Jahren im Mai dieses Jahres erstmals wieder Neubauwohnungen fertigstellen wird. In Marienfelde haben wir 52 Wohnungen errichtet und vor 14 Tagen mit der Vermietung begonnen. 40 Prozent der Wohnungen sind schon reserviert.

Wie hoch ist die Miete?

Zwischen 7 und 9,50 Euro pro Quadratmeter und Monat, im Schnitt 8,50 Euro.

Für Bezieher von Hartz IV ist das zu hoch.

Neubau ist teuer und wir dürfen nicht aus dem Auge verlieren, dass wir vor allem Bestandshalter sind. Wir haben insgesamt 73.000 Wohnungen, da ist die energetische Modernisierung und Instandsetzung natürlich ein kostenintensives Thema. Unsere Durchschnittskaltmiete im gesamten Bestand liegt bei 5,41 Euro, bei Neuvermietung verlangen wir 5,98 Euro. In den noch unsanierten Beständen gibt es auch noch Mieten, bei denen eine Vier vor dem Komma steht. Wir sind uns bewusst, dass wir eine soziale Verantwortung tragen, diese nehmen wir auch wahr. Das ist ja unser großer Vorteil, dass wir als öffentlicher Betrieb nicht auf Gewinnmaximierung ausgerichtet sein müssen. Wirtschaftlich sein müssen wir aber natürlich dennoch.

Kann man das auch an den Zahlen ablesen?

Wir haben jetzt einen Schuldenstand von 1,9 Milliarden Euro, das entspricht 460 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche. Das ist gutes Verhältnis, das wir beibehalten wollen. Als ich hier anfing, waren es 600 Millionen Euro mehr.

Politiker fordern aber, dass Sie durchaus wieder Schulden machen sollen, um mehr und schneller neu zu bauen.

Mir ist wichtig, dass wir in der heutigen Situation beim Neubau schnell vorankommen und dabei gleichzeitig das finanzielle Augenmaß nicht verlieren. Es ist vor allem Aufgabe der Politik, den Wohnungsbau zu beschleunigen. Das haben ja die 90er-Jahre bewiesen. Anfang der 90er-Jahre sagte uns das Forschungsinstitut Prognos voraus, dass Berlin den Zuzug von einer Million Einwohner zu verkraften haben werde. Daraufhin wurde wie wild in den Neubau investiert. Innerhalb von zehn Jahren hat das Land 100.000 Wohnungen gebaut. Das beweist ja, dass Neubau im großen Stil möglich ist, wenn die Politik dies auch wirklich will. Dass wir dann Anfang der 2000er-Jahre einen riesigen Wohnungsleerstand vor uns hergetragen haben, weil die Prognose falsch war, steht allerdings auf einem anderen Blatt.

Sie sagen also, der Neubauwille ist nicht vorhanden? Aber alle Parteien betonen doch, wie wichtig das Thema für Berlin ist?

Es geht ja schon mal damit los, wie langsam die Politik in den vergangen zwei Jahren reagiert hat. Das Bauvorhaben Mariengrün hatten wir unabhängig von der Politik schon vor den Wahlen angeschoben, sonst wäre das doch bis heute noch nicht fertig. Bauen braucht einen langen Vorlauf, das sollte jeder wissen. Natürlich ist Stadtentwicklungssenator Michael Müller wirklich sehr aktiv, das will ich ausdrücklich betonen. Aber man darf doch das Thema Neubau nicht bei einem einzigen Senator abladen, sondern der Senat und auch das Abgeordnetenhaus sollte geschlossen dazu stehen.

Und das ist nicht der Fall?

Die große Herausforderung ist doch die Verdichtung innerhalb des S-Bahnringes. Es gibt aber bislang keine deutlich sichtbare Unterstützung für Neubauvorhaben in der Innenstadt. Die Randbebauung am Tempelhofer Feld ist da ein gutes Beispiel. Als einziger wirbt Senator Müller für den Wohnungsbau dort. Die anderen halten sich angesichts des laufenden Volksentscheids raus, indem sie nur vage andeuten, dass sie zwar für den Wohnungsbau seien, aber es möge doch bitte nicht so viel und am besten woanders sein. Nun ist aber das Tempelhofer Feld nicht das einzige Gebiet, wo eine Bürgerinitiative gegen die Bebauung mobil macht. Das wiederholt sich doch an der Spree, am Mauerpark und eigentlich in jeder größeren Baulücke. Und die Politik wie leider auch andere maßgebliche gesellschaftliche Gruppen schweigen dazu, wollen es sich mit ihrer Wählerschaft vor Ort nicht verderben. Dieses St.Florians-Prinzip, diese Haltung, „Bauen ja, aber bitte nicht vor meinem Balkon“, ist leider weit verbreitet.

Wie viel Wohnungen will denn die Degewo am Tempelhofer Feld bauen?

Es geht ja im Moment konkret nur um das Quartier am Tempelhofer Damm. Senatsbaudirektorin Regula Lüscher lässt ja den Masterplan gerade noch einmal überarbeiten. Auf die Degewo würden etwa 600 entfallen. Wir haben ja bereits zugesichert, mindestens 50 Prozent der Wohnungen zum Preis von sechs bis acht Euro je Quadratmeter anzubieten. Trotzdem wird von der Initiative 100 % Tempelhof immer wieder behauptet, es seien Luxuswohnungen in der Planung.

Warum bauen wir nicht weitere Siedlungen am Stadtrand, wo es niemanden stört?

Das tun wir doch, wir bauen doch gerade in der Siedlung Mariengrün in Marienfelde und auch in der Gropiusstadt. Übrigens reagieren die ansässigen Mieter dort nicht gleich mit der Gründung einer Bürgerinitiative. Die meisten Berliner wohnen übrigens außerhalb des S-Bahnringes und das durchaus gern. Aber mich ärgert dieser fast schon heuchlerische Verweis auf den Stadtrand. Gerade haben doch etwa die Piraten deutlich gemacht, dass Sie das Wohnen außerhalb des S-Bahnringes eigentlich für eine sozial ungerechte Strafe halten. Das kann man nachlesen in der parlamentarischen Anfrage der Piraten zum Thema Verdrängung. Die Haltung gibt es aber auch bei anderen Parteien. Aber wenn es dann darum geht, die eigene Wählerschaft in den Szenekiezen vor der Zumutung neuer Nachbarn zu schützen, heißt es plötzlich wieder, baut doch am Stadtrand.

Foto: Amin Akhtar

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