Tempelhof-Schöneberg

Bibliotheken sollen attraktiver werden – doch das Geld fehlt

Viele Büchereien stehen vor einer Neuausrichtung. Investitionen sind dringend notwendig, um sie attraktiver zu machen. Angesichts knapper Bezirkskassen, tut sich die Politik allerdings schwer.

Foto: SPD

Während die rot-grüne Zählgemeinschaft im berliner Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf die Umzugspläne der Bibliothek aus dem Rathaus Charlottenburg in Mieträume an der Bismarckstraße gegen die Stimmen der CDU abgelehnt hat, wird in Tempelhof-Schöneberg noch diskutiert.

Dort gibt es die Möglichkeit, im ehemaligen Hertie-Gebäude an der Hauptstraße 141–144 großzügige Räume auf anderthalb Etagen zu mieten. Darin könnte die Mittelpunktbibliothek aus der nahen Hauptstraße 40 umziehen. CDU-Bildungsstadträtin Jutta Kaddatz würde das begrüßen, ebenfalls die Bibliothekare und die Fachleute wie der Deutsche Bibliotheksverband. Nach ihrer Auffassung gibt es keinen besseren und attraktiveren Standort als dort unweit des Kaiser-Wilhelm-Platzes mit der Nähe zum Akazienkiez.

Die bessere Lage werde dafür sorgen, dass die Ausleihzahlen steigen und somit das Defizit, das die Bibliotheken im Bezirk bei der Kosten-Leistungs-Rechnung schreiben, kleiner wird. 2016 könnte die Bücherei in das ehemalige Kaufhaus einziehen, der Eigentümer würde die Räume entsprechend umbauen. Die Vorteile – 36 Prozent mehr Fläche, zentral gelegen und optimal geschnittene Räume – für eine moderne, zeitgemäße Bibliothek sehen auch Skeptiker dieser Lösung.

Ausbau als Alternative zum Umbau

Doch Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler (SPD) sieht als eine Alternative zum Umzug auch den Ausbau der Hauptstraße 40. „Hertie klingt toll und wäre eine schnelle Lösung, aber die Finanzen sprechen gegen beide Varianten“, sagte sie. Mit Geld aus dem baulichen Unterhaltungsprogramm könne der Bezirk versuchen, das jetzige Büchereigebäude zu sanieren.

Allerdings hat auch die Tempelhofer Bibliothek an der Götzstraße einen Riesen-Bedarf. 4,5 Millionen Euro müssten dort investiert werden, damit das Dach wieder dicht ist und es bei Regen nicht durchregnet. Auch die Fenster müssen dringend ausgewechselt werden. Diese Arbeiten hätten schon längst fertig sein müssen.

Der Unterausschuss, der sich gründlich mit den Zahlen und Zukunftsperspektiven aller sechs Bibliotheken im Bezirk beschäftigte, hatte vor dieser Diskussion zwei Varianten empfohlen, zwischen denen jetzt entschieden werden muss: den Umzug ins ehemalige Hertie-Gebäude oder das bezirkseigene Gebäude, in dem sich die Bücherei seit 50 Jahren befindet, zu sanieren – in dem Bewusstsein, dass dort schon heute nicht genug Platz ist. Es fehlen Räume für Extra-Angebote, für Arbeitsräume mit modernen Medien, in denen auch mal Kindergruppen arbeiten können.

Stadtteilbücherei im Rathaus Friedenau vor dem Aus

Die Ausschüsse für Bildung Kultur sowie der fürs Geld verantwortliche Hauptausschuss treffen sich am Dienstag, 11. März, ab 17 Uhr im Casino des Rathauses Schöneberg, um über die Varianten der Bibliotheksentwicklung zu beraten. Ziel ist eine Empfehlung, die dann auf der Sitzung der Bezirksverordneten am 19. März abgestimmt werden soll. Die Zeit eilt. Der Vermieter, die Dietz AG, braucht die Entscheidung bis Ende März. Es gibt weitere Bewerber um die Mietfläche.

Nicht nur die Mittelpunktbibliothek stößt dort, wo sie jetzt ist, an ihre Grenzen. Erschwerend kommt hinzu, dass es voraussichtlich ab 2015 keine Stadtteilbücherei mehr im Rathaus Friedenau geben wird. Wie berichtet, wurde das Rathaus aus Kostengründen bereits abgegeben. Dort wird die Steuerfahndung des Finanzamts einziehen. Ein Ersatzstandort für die Bücherei wurde nicht gefunden. Die Versorgung von 140.000 Schönebergern und Friedenauern mit Medien muss dann die Mittelpunktbibliothek leisten. Nach Berechnungen von Fachleuten sind dafür mindestens 3000 Quadratmeter nötig. Die vorhandenen 1800 an der Hauptstraße 40 reichen schon jetzt nicht aus. Hinzu kommt eine schlechte Bilanz.

Zustimmung des Landes nötig

„Die aktuellen Zahlen für 2013 beweisen, dass wir mit unseren Bezirksbibliotheken in einem strukturellen Defizit von 1,3 Millionen Euro pro Jahr gefangen sind. Nirgendwo sonst in Berlin kostet eine Entleihung oder ein Besuch in einer Bibliothek mehr als in Tempelhof-Schöneberg. Wir sind zu teuer in unseren Strukturen und müssen attraktiver werden, um mehr Menschen in unsere Bibliotheken zu locken“, sagte Jörn Oltmann, Fraktionsvorsitzender der Grünen.

Die Anmietung bei Hertie biete Chancen, aber auch Risiken, die Defizite noch zu erhöhen. Allen leuchte ein, dass zu Beginn sehr viele Menschen eine neue Bibliothek im ehemaligen Hertie-Haus nutzen würden. Die Bibliotheken müssten aber die nächsten 20, 30 Jahre jedes Jahr mehr als ein Viertel mehr Entleihungen als bisher aufbringen, um die Miete dort finanziert zu bekommen. „Dies kann gelingen, wenn der Bereich Bibliotheken sich konsolidiert und es ein inhaltliches Konzept gibt, dass verschiedene kulturelle Nutzungen dort ermöglicht und dauerhaft mehr Attraktivität als bisher ausstrahlt“, so Oltmann weiter. Der Bezirk braucht für eine Anmietung die Zustimmung des Abgeordnetenhauses und der Senatsverwaltung für Finanzen.