Schadstoffbelastung

Neue Experten-Analyse ist eine Chance für das ICC

Am 9. April wird das ICC bis auf weiteres geschlossen. Zwei Schadstoff-Experten bezweifeln jedoch die gesundheitsgefährdende Wirkung der Baustoffe – und erhalten Rückendeckung von den Behörden.

Foto: JOERG KRAUTHOEFER

Das Internationale Congress Centrum (ICC) in Charlottenburg erlebt in diesen Wochen seine Final-Saison. Ein paar Veranstaltungen noch, dann wird es geschlossen. Vorher will die Messe Berlin aber noch für einen würdigen Abschied sorgen. Wenn am 5. März die weltweit größte Reisemesse ITB beginnt, soll die Eröffnungsfeier besonders opulent ausfallen. Am 9. März gibt es ein Konzert mit dem vielsagenden Titel „Zapfenstreich“, am 9. April wird der allerletzte Kongress im ICC tagen, die Hauptversammlung der Daimler AG. Dann beginnt der „Stillstandsbetrieb“, wie es im Behördendeutsch heißt. Also Türen zu, Licht aus. Wie lange diese Phase dauern wird, weiß derzeit niemand. Am 30. Juni läuft die Betriebsgenehmigung des TÜV für das Kongresszentrum aus.

Senat sucht nach potenziellen Investoren

Der Senat ist optimistisch. Er möchte das ICC an einen Investor geben, der es sanieren, modernisieren und mit veränderter Nutzung wieder nach vorn bringen soll. Die Landesregierung ist bereit, sich an den Sanierungskosten mit bis zu 200 Millionen Euro zu beteiligen. In den vergangenen Monaten lotete Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer (CDU) das Interesse potenzieller Investoren am ICC aus. Wie es heißt, gibt es rund ein Dutzend ernsthafter Interessenten. Eine Expertengruppe bewertet derzeit die Konzeptideen potenzieller Investoren, im Frühjahr sollen sich Senat und Abgeordnetenhaus damit befassen. Erst dann wird das Projekt ausgeschrieben. Dem Vernehmen nach sehen die meisten Entwürfe eine Mischung aus Tagungszentrum, Hotel und Shopping-Mall vor.

Zu den Kosten der Sanierung lägen keine belastbaren Zahlen vor, sagt der Sprecher der Wirtschaftssenatorin, Alexander Dennebaum. Sie hängen natürlich auch von der künftigen Nutzung ab. Bisher galten nur die Kosten für die Schadstoffsanierung als fixe Größe, die Senatsbauverwaltung rechnete 2011 mit 44 Millionen Euro. Aktuellere Zahlen gibt es nicht.

„Kein Gebot des Entfernens“

Zwei Berliner Experten sind überzeugt, dass sich hier viel Geld sparen lässt: Rainer Tepasse, 64, und Jürgen Nottmeyer, 84. Tepasse ist Diplom-Ingenieur und vereidigter Sachverständiger für Gefahrstoffe am Bau, Nottmeyer war als leitender Baudirektor in der Senatsbauverwaltung von 1969 bis zur Eröffnung 1979 für das Gebäude verantwortlich. Die beiden Experten sind ohne Mandat tätig, sie handeln aus bürgerschaftlichem Engagement, wie sie sagen.

Tepasse und Nottmeyer betonen, dass im ICC beim Brandschutz der Dachkonstruktion der Asbest-Ersatzstoff Cafco, eine künstliche Mineralfaser, verbaut worden sei. In ihrer Analyse kommen sie zu dem Schluss, dass Cafco als nicht krebserregend einzustufen sei. In den 90er-Jahren gerieten auch die Asbest-Ersatzstoffe unter Verdacht, Krebs erzeugen zu können. Doch mit Cafco geschützte Bauteile müssten nicht saniert werden, wenn das Äußere der Beschichtung noch unbeschädigt, die Oberfläche also fest sei, sagen die beiden Experten.

Das Feuerspritzputz-Produkt sei seit seiner Zulassung in Deutschland 1983 durch das Institut für Bautechnik in seiner chemischen Zusammensetzung unverändert genehmigt und zertifiziert. Das gelte sowohl für die zulässigen Faserlängen und -durchmesser als auch für den seit 2006 geforderten Nachweis der Biolöslichkeit. Dort, wo im Gebäude saniert oder modernisiert werde, müsse auch Cafco entfernt und erneuert werden. Das sei aber nur in einem Teil des Daches der Fall.

Unterstützung aus Bayern und Baden-Württemberg

Nun können Tepasse und Nottmeyer ihre Expertise auch mit zwei Stellungnahmen hochrangiger deutscher Behörden untermauern: Es gebe „kein Gebot des Entfernens“ für eingebaute Mineralfaserprodukte, sofern sie „ausreichend sicher eingehaust sind“, sagte das Bayerische Landesamt für Umwelt. Und auf der Informationsplattform des Wirtschaftsministeriums Baden-Württemberg heißt es: „Die Demontage von alten Mineralfasern allein aus möglichen Gesundheitsbedenken sollte nicht vorgenommen werden.

Von bestehenden Dämmungen, die ausreichend abgedichtet sind, geht keine gesundheitliche Gefährdung aus. Die bei einer Demontage entstehenden Belastungen wären ungleich problematischer.“ Die beiden Experten haben ihre Erkenntnisse nun an die Senatsverwaltungen für Stadtentwicklung, Wirtschaft und Finanzen geschickt, an das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf und an die Fraktionen des Abgeordnetenhauses. Mit der Stadtentwicklungsverwaltung stünden sie bereits in Kontakt, berichten sie.

Experten wollen das Restaurant wieder öffnen

Doch die beiden engagierten Kenner des ICC wollen nicht nur einen Beitrag zur Schadstoffsanierung des „Raumschiffs“ leisten. Sie fordern, auf die Schließung zu verzichten. Stattdessen solle das Haus für Berliner und Berlin-Besucher zu 30 bis 40 Prozent geöffnet bleiben, während die restlichen Flächen saniert und modernisiert werden.

Tepasse und Nottmeyer schlagen insbesondere vor, das Pullman-Restaurant wieder zu öffnen, zudem eine Bar oder einen Club im Zwischengeschoss, Open-air-events auf dem Dachgarten und Geschäfte in der Eingangsebene. Die Senatswirtschaftsverwaltung lehnt eine Sanierung bei laufendem Betrieb ab: zu teuer, nicht praktikabel.