Versteckte Rücklagen

An der Charité flossen Millionen auf 6000 geheime Konten

Immer mehr Details über die versteckten Millionenbeträge bei der Charité kommen ans Licht. Es gibt wohl mehr als 6000 Konten. Geld wurde zum Beispiel für Reisen der Fakultätsleitung ausgegeben.

Foto: Reto Klar

Die Wissenschaftler an der Berliner Charité haben ihre auf geheimen Konten außerhalb der offiziellen Buchführung angesammelten Millionen unter anderem für Dienstreisen und Kongresse genutzt. Das geht aus der Analyse der Wirtschaftsprüfer hervor, die das außerhalb der Konzernbilanz geführte System der Fakultät aufgedeckt haben. Das Geld aus Pauschalen, die für die Verwaltung von Forschungsprojekten zur Verfügung standen, wurde demnach auf rund 6000 verschiedene Fonds verteilt.

Aus einem dieser Fonds, den sich die Prüfer genauer angesehen haben, sind allein in einem Jahr knapp 600.000 Euro abgeflossen. „Im Wesentlichen zum Beispiel für Reisekosten der Fakultätsleitung“, so die Prüfer. Insgesamt hat die Charité in ihrem parallelen Finanzsystem über die Jahre rund 40 Millionen Euro angehäuft, von denen der Aufsichtsrat bis vergangenen Montag nichts gewusst hatte.

Die Fakultätsleitung um Dekanin Annette Grüters-Kieslich ließ am Donnerstag mitteilen, sie habe das Geld seit 2010 angespart und „entsprechend den Verwendungsrichtlinien eingesetzt“, unter anderem für Forschungsgeräte, Labore, oder Stellen für wissenschaftlich tätige Ärzte. Ein Teil des Geldes sei auch an die Institute weitergegeben worden, die die Drittmittel eingeworben hätten. Die Vorsitzende des Charité-Aufsichtsrates, Wissenschaftssenatorin Sandra Scheeres (SPD), zeigte sich jedoch „nicht amüsiert“ über den Vorgang: „Ich will Transparenz haben, was mit den Mitteln passiert, wie sie vergeben werden und nach welchen Kriterien“, sagte Scheeres am Donnerstag. Der Vorgang liege in der „Verantwortung der Fakultät“. Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos, für SPD), der dem Finanzausschuss des Charité-Aufsichtsrates vorsitzt, wollte keine Stellung nehmen und verwies auf die Aufsichtsratschefin Scheeres.

Spenden nicht ordnungsgemäß verbucht

Wie berichtet, hatten Wirtschaftsprüfer bei ihren Untersuchungen für den Jahresabschluss 2013 im Bereich der Fakultät Unregelmäßigkeiten aufgedeckt. Auf geheimen Konten lagerten die Charité-Wissenschaftler nach bisherigen Erkenntnissen rund 40 Millionen Euro, die außerhalb der offiziellen Buchhaltung liefen und auch im Jahresabschluss des Charité-Konzerns nicht auftauchten. Auch Spenden in Höhe von mehr als zwei Millionen Euro pro Jahr sind nicht ordnungsgemäß verbucht worden. Die Fakultät buchte diese Gelder als Verbindlichkeiten. Die auf der anderen Seite dazu gehörenden Gläubiger gab es jedoch in der Realität nicht.

Die Charité hat das Geld vor dem Land Berlin verborgen

Die Charité besteht aus einer Fakultät für Forschung und Lehre sowie dem Teil für die Krankenversorgung. Im Berliner Senat ist der Unmut groß, dass der Charité-Vorstand um den Vorsitzenden Karl Max Einhäupl und die Dekanin der Fakultät, Annette Grüters-Kieslich, über ein millionenschweres Finanzpolster verfügte, gleichzeitig aber regelmäßig über Geldnot klagte und mehr Mittel einforderte. Es sei in Ordnung, Geld aus den Pauschalen übrig zu behalten, hieß es im Senat. Aber diese Mittel hätten nie vor dem Abgeordnetenhaus und dem Aufsichtsrat verborgen werden dürfen. Immerhin finanziere das Land Berlin die Fakultät der Charité mit 189 Millionen Euro jährlich. Auch die Beschäftigten sind empört. Christoph Berndt, Personalrat der Fakultät, wusste nach eigenen Angaben nichts von der gut gefüllten „Kriegskasse“. Während dort mindestens seit 2007 immer mehr Geld angehäuft wurde, seien Hunderte von Stellen weggefallen, Arbeitsorte seien verrottet.

Die Fakultätsleitung ließ ihre Darstellung der Dinge übermitteln. Ein Teil der Pauschalen sei seit 2010 angespart worden, um vorzusorgen für „geplante Strukturmaßnahmen“. Man habe Großgeräte einbauen wollen, Labore herrichten oder Nachwuchs fördern. Für ähnliche Zwecke sei bereits Geld aus den angesparten Pauschalen geflossen, unter anderem in Stellen für wissenschaftlich tätige Ärzte, neue Forschungsgeräte oder den Bau der Räume für Forschungseinrichtungen – unter anderem für den Bildgebungscluster auf dem Campus. „Die Mittel werden entsprechend der Verwendungsrichtlinien eingesetzt“, so die Fakultätsleitung. Entschieden habe über die Auszahlungen die Fakultätsleitung, Basis waren Abstimmungen mit dem Fakultätsrat.

Hunderttausende Euro für Reisen der Fakultätsleitung

Der erste Bericht der Wirtschaftsprüfer von Rödl & Partner, der die Affäre ins Rollen brachte, zeichnet ein anderes Bild. Von den Pauschalen, die eigentlich für die Nutzung der Charité-Infrastruktur bei Forschungsvorhaben gedacht ist, ging ein Teil stets in persönliche Fonds, die offenbar einzelnen Wissenschaftlern zugeordnet waren. Wenn also für ein Projekt zur Erforschung von Immunkrankheiten zwei Millionen Euro etwa von der durch Bund und Länder finanzierten Deutschen Forschungsgemeinschaft bewilligt wurde, kamen wie immer 20 Prozent oder in diesem Fall 400.000 Euro für die Verwaltung oben drauf. Von diesen 20 Prozent floss ein Zehntel, also in diesem Fall 40.000 Euro, in den persönlichen Fonds. Der Rest ging in einen zentralen Fonds, der dann weiter aufgesplittet wurde.

Einen der vielen Fonds haben die Prüfer sich genauer angesehen. In einem einzigen Jahr wurden daraus 600.000 Euro ausgegeben, „im Wesentlichen zum Beispiel für Reisekosten der Fakultätsleitung“. Nach Informationen dieser Zeitung wurden auch Mediziner-Kongresse bezahlt. Bürgschaften wurden übernommen, das Finanzpolster diente dafür als Sicherheit. Es ist davon auszugehen, dass über die Jahre bereits Mittel in zweistelliger Millionenhöhe aus dem Fonds der Fakultät abgeflossen sind. Denn die bisher ermittelten 40 Millionen Euro sind nur der Saldo zwischen Zu- und Abflüssen. Nach Erkenntnissen der Wirtschaftsprüfer kamen pro Jahr rund zehn Millionen Euro in dem System der geheimen Konten an. Ausgegeben wurde demnach jedes Jahr etwa die Hälfte, etwa fünf Millionen Euro.

Innerhalb des Charité-Vorstandes gibt es aber offenbar massive Differenzen darüber, wie der Vorgang einzuschätzen ist und wie damit umgegangen werden soll. Zu dem Führungsgremium der Gesamt-Charité gehören der Vorsitzende Einhäupl, die Dekanin Grüters-Kieslich, Finanz-Fachmann Matthias Scheller sowie der ärztliche Leiter Ulrich Frei. Scheller hatte nach Informationen dieser Zeitung ein Auge auf die Kasse der Wissenschaftler geworfen. Er hatte Jahr für Jahr Schwierigkeiten, den Konzern mit mehr als 1,3 Milliarden Euro Jahresumsatz nicht ins Defizit rutschen zu lassen. Die schwarze Null im operativen Geschäft wiederum hatte der Senat zur Bedingung dafür gemacht, der Charité mehr als 380 Millionen Euro für die Sanierung ihrer maroden Gebäude zur Verfügung zu stellen. Die 40 Millionen Euro aus der Fakultätskasse wären da überaus willkommen gewesen. Die Fakultät wiederum hatte nach Erkenntnissen der Prüfer für 26 Millionen Euro feste Verwendungspläne.

Fakultät will Prüfer auswechseln

Unklar ist noch, ob der gesamte Vorstand über das genaue Ausmaß der Geheimkonten informiert war. Normalerweise meldet die Fakultät dem Finanzvorstand für die Erstellung des Jahresabschlusses nur per Saldo das Ergebnis. Im September 2013 fasste der Vorstand jedoch einen Beschluss, wonach zehn Millionen Euro aus der Fakultät für die Gewinn- und Verlustrechnung des Jahresabschlusses 2013 herangezogen werden sollten. Das deutet darauf hin, dass Scheller und auch Einhäupl wussten, dass es noch viel Geld bei den Wissenschaftlern zu holen gab.

Jetzt lässt nur die Fakultätsleitung um Dekanin Grüters-Kieslich ihre Erklärung für die angehäuften Mittel verbreiten. Finanzvorstand Scheller ist nach Informationen der Morgenpost dagegen, weil er offenbar nicht sicher ist, ob sich die Angaben alle als richtig erweisen. Zudem die Dekanin jetzt anstelle der Kontrolleure von Rödl & Partner eigene Prüfer bestellen möchte, um das Geflecht der Finanzströme zu durchleuchten. Denn zwischen der Fakultätsleitung und dem Gesamtvorstand gibt es einen Streit um die Millionen.