Buchvorstellung

Thilo Sarrazin soll doch noch am Berliner Ensemble lesen

Proteste verhinderten am Sonntag eine Lesung des Ex-Finanzsenators Thilo Sarrazin aus seinem umstrittenen Buch „Der neue Tugendterror“. Jetzt plant der Veranstalter „Cicero“ einen zweiten Anlauf.

Trotz des Protests und der verhinderten Lesung des einstigen Berliner Finanzsenators Thilo Sarrazin (SPD) am Sonntag im Berliner Ensemble, plant das Magazin „Cicero“ einen erneuten Versuch. Dies sagte der stellvertretende „Cicero“-Chefredakteur Alexander Marguier dem Branchendienst Newsroom.de. Ein Termin stehe aber noch nicht fest. „Das hängt auch von Herrn Sarrazins Bereitschaft an einer erneuten Teilnahme ab“, sagte Marguier. Das Berliner Ensemble will in dieser Woche entscheiden, ob eine neuerliche Podiumsdiskussion in ihren Räumlichkeiten stattfinden wird.

Auf Facebook und Twitter wurden sowohl die Demonstranten als auch die Veranstalter von „Cicero“ heftig kritisiert. „Zeit“-Reporterin Özlem Topcu twitterte: „Ja, liebe empörte Demonstranten, besser als ihr, kann man ihm wohl nicht helfen, sein Buch zu verkaufen.“

Auf der Facebookseite von „Cicero“ wurde der Protest von vielen gut geheißen, aber auch als „kontraproduktiv“ und „entlarvend“ bezeichnet. In seinem neuen Buch wirft der umstrittene Ex-Senator seinen Kritikern „Tugendterror“ vor. Der 69-Jährige kritisiert ein vermeintlich links-liberales Gutmenschentum, das auf moralisch korrekte Gesinnung statt auf Fakten setze und einem „Gleichheitswahn“ anhänge.

Protest verhindert kritische Auseinandersetzung

In den sozialen Netzwerken wurde auch das veranstaltende „Cicero“-Magazin für den Abbruch der Lesung kritisiert, da dies Sarrazins Opfermythos untermauern würde. Zudem sei der kalkulierte Eklat eine gute Werbung für das Magazin und auch für Sarrazins Buch.

Eine Räumung des Saales wäre „nur mit einem Polizeieinsatz möglich gewesen, was das Berliner Ensemble aus nachvollziehbaren Gründen nicht wollte. Die Demonstranten haben den Saal auch nicht verlassen, nachdem sie auf der Bühne ihr Manifest verlesen durften“, sagte Marguier. Generelle Kritik an der Lesung weist er zurück. Für ihn sei eine Diskussion etwas anderes als eine Rezension. Durch den Protest sei eine kritische Auseinandersetzung mit Sarrazin verhindert worden, so Marguier.

Etwa 100 Menschen waren am Sonntag zum Berliner Ensemble gekommen, um gegen Sarrazins neues Buch „Der neue Tugendterror“ zu demonstrierten. Im Theater-Foyer kam es zunächst zu verbalen Auseinandersetzungen zwischen Sarrazin-Gegnern und -befürwortern. Nach mehrmaligen Unterbrechungen und Rangeleien wurde die Veranstaltung von der Geschäftsleitung des Berliner Ensembles abgebrochen.