Neues Buch

Thilo Sarrazin beklagt „neuen Tugendterror“ in Deutschland

Thilo Sarrazin, ehemaliger Finanzsenator, will mit seinem dritten Buch „Der neue Tugendterror“ erneut provozieren: Die Kontroverse um sein Erstlingswerk sieht er als Bedrohung der Meinungsfreiheit.

Es ist Thilo Sarrazins dritter Streich. Mit seinem Erstling „Deutschland schafft sich ab“ wurde der frühere Berliner Finanzsenator zum Bestsellerautor und zur Reizfigur in der Integrationsdebatte, weil er Defizite bestimmter Einwanderergruppen mit drastischen Worten beschrieb. Sein zweites Buch gegen den Euro verkaufte sich für ebenfalls ordentlich. Jetzt legt Sarrazin nach. Er verarbeitet seine Erlebnisse nach dem ersten Buch und sieht den Umgang mit ihm als Beleg für einen Tugendterror in Deutschland, der die Meinungsfreiheit bedroht.

Berliner Morgenpost: Ihr erstes Buch „Deutschland schafft sich ab“ hat ja viele Debatten ausgelöst. Waren die letzten Jahre so schlimm und aufwühlend, dass Sie nun ein Rechtfertigungsbuch schreiben mussten, was zu weiten Teilen die Rezeption des ersten Buches aufgreift?

Thilo Sarrazin: In meinem neuen Buch trenne ich strikt die Auseinandersetzung mit meinen Erlebnissen in der Folge von Deutschland schafft sich ab von meinen allgemeinen Überlegungen zur Meinungsfreiheit. Ich habe zwar meinen eigenen Fall als Ausgangslage genommen, weil der Mensch immer von seinen persönlichen Erfahrungen ausgeht. Ich gehe aber das Thema grundsätzlich, analytisch, philosophisch und ideengeschichtlich an. In der Auseinandersetzung mit dem aktuellen Tugendterror wird es dann sehr konkret.

Aber wer ist Ihr Feind? Wer bedroht Sie?

Es geht nicht um mein subjektives Erleben, und ich bin auch gar nicht der Typ, mich bedroht zu fühlen. Es gab und gibt zu allen Zeiten und in allen Gesellschaften Schranken der Meinungsfreiheit, mal enger und mal weiter. Sie verändern sich im Laufe der Zeit. Ich komme in dem Buch zur realen Herausbildung der medialen Meinungsherrschaft im Deutschland der Gegenwart, zu dem herrschenden Tugendwahn, den ich in 14 Glaubenssätzen beschreibe. Diese nicht hinterfragten Grundannahmen führen in ihrer Summe zu einem grotesk verzerrten Medienblick auf die Wirklichkeit.

Aber wer ist beim Tugendterror der Terrorist? Beim Lesen fragt man sich: Wen meint er eigentlich, der das so sagt?

Das habe ich immer wieder sehr genau belegt. Eine gewisse durch den Tugendwahn verzerrte Weltsicht ist mein Feindbild, nicht bestimmte Menschen. Wenn Claudia Roth etwas Vernünftiges sagt, dann begrüße ich das. Wenn ich mir aber den idealtypischen Vertreter einer durch den Tugendterror verzerrten Weltsicht vorstelle, dann ist das in der Tat Claudia Roth, wie sie leibt und lebt.

Dann müssen wir uns um dieses Land ja wirklich keine Sorgen machen, wenn das die Bedrohung sein soll. Warum fühlen Sie sich aber so in der Opferrolle? Sie sind doch Teil einer Auseinandersetzung. Sie teilen aus, Sie stecken ein, ist doch alles gut.

Die Bedrohung ist nicht der einzelne Mensch, sondern der dem Tugendterror zugrundeliegende Denkstil. Ich habe mich übrigens nie als Opfer stilisiert, obwohl mich viele Menschen gefragt haben, wie ich die Häme und die Abqualifizierung ausgehalten habe. Ich sage meine Meinung klar, und habe meine Wertungen, und es ist völlig okay, dass andere das auch haben. Ich zeige nur, wie Debatten verlaufen können. Ich wende mich gegen eine Denkweise.

Aber Ihre Gegner sind schon politisch zu verordnen. Die sind eher Rot-Rot-Grün.

Dem Tugendterror liegt im Kern ein Gleichheitswahn zugrunde. Der verneint grundsätzlich alle natürlichen Unterschiede zwischen Menschen oder Gruppen und sieht sie ausschließlich als Ergebnis gesellschaftlicher Ungerechtigkeiten. Er sieht es sogar als illegitim an, sie zu untersuchen, zumal dann, wenn bei dieser Untersuchung Unterschiede bestätigt werden. Dieser Tugendterror als Gleichheitswahn hat mich ideengeschichtlich interessiert. Vom Christentum über Rousseau, die französische Revolution und den Marxismus...

...bis hin zu Angela Merkel?

Sie ist auch ein Opfer ihrer Sozialisation.

Ist sie auch Tugendterror-gefährdet?

Ein Psychogramm von Angela Merkel überlasse ich anderen. Aber natürlich ist sie in ihren messbaren Verhaltensweisen ein Teil dieses Systems. Wenn Sie sagt, „scheitert der Euro, dann scheitert Europa“ nutzt sie den Tugendterror, weil sie eine währungstechnische Frage zu einer moralischen Frage macht.

Aber ist nicht die Moral die Leitwährung unserer Gesellschaft?

Die Währung eines Landes ist keine moralische Frage, ihre Moralisierung ist Symptom einer gesellschaftlichen Fehlentwicklung. Ich zeige, dass alle Ausprägungen des Tugendterrors im europäischen Denken sich in erster Linie um das Thema Gleichheit drehen. Alle Fragestellungen, die sich mit Ungleichheit befassen und diese nicht bestreiten oder in die moralische Verdammung schicken, werden als unmoralisch diskreditiert.

Wenn das von Ihnen beschriebene linke Meinungskartell in den Medien so viel Macht hat, warum regiert in Deutschland nicht seit Jahren eine linke Regierung? Claudia Roth als oberste Tugendterroristin hat doch nichts zu sagen.

Die widerständige Vernunft breiter Schichten setzt dem Treiben von Politik und Medien gewisse Grenzen. Aber erwiesenermaßen stehen Journalisten und Medienmacher im Durchschnitt weit links von der Bevölkerungsmehrheit. Wer in Deutschland regiert, spielt in meinem Buch keine Rolle. Aber interessant ist doch, dass nach einer Allensbach-Umfrage 41 Prozent der Deutschen der Meinung sind, man könne hierzulande zu bestimmten Themen seine Meinung nicht frei äußern.

Empfinden Sie das auch so?

Meinungen werden ja immer sozial vermittelt. Es ist den Menschen angeboren, dass er sich nicht gerne aus dem sozialen Verband herausbewegt und deshalb sorgfältig analysiert, wie das Meinungsklima ist. Die Menschen empfinden einen Meinungsdruck.

Dann braucht man das, was Sie sozialen Mut nennen. Und Sie sind einer, der dann eben all die Dinge sagt, die andere sich nicht zu sagen trauen. Mit dieser Rolle fahren Sie doch seit Jahren ganz gut.

Ich habe schon als Bonner Beamter immer eher dazu geneigt, für die von mir als richtig erachtete Meinung zu sein anstatt für die opportune.

Fühlen Sie sich bestätigt durch das Ergebnis der Schweizer Volksabstimmung gegen Masseneinwanderung bestätigt?

Es ist ganz interessant, dass die SVP bei dieser Abstimmung mit ihrer Position viel besser abgeschnitten hat als bei sonstigen Wahlen. Und das gegen eine Unisono-Gegenkampagne aller anderen Parteien, Medien und Interessengruppen. Vor allem die Pendler aus den Kantonen rund um die Städte, die den Druck auf den Arbeitsmarkt und die Wohnungen spüren, haben mit großer Mehrheit für weniger Einwanderung gestimmt.

In Ihrem Buch geht es ja viel um Wahrheit. Ihre Gegner sind ja solche Menschen, die glauben eine Wahrheit zu haben und gegen alle anderen Meinungen den Tugendterror anwenden. Aber Sie selber reklamieren doch ganz oft die Wahrheit, die Fakten, die Wirklichkeit für sich. Sind Sie da nicht sehr nah an denen, gegen die Sie sich wenden?

Ich vermeide den Wahrheitsbegriff, es gibt nicht „die Wahrheit“. Fakten lassen sich stets unterschiedlich interpretieren. Ich versuche, meine Positionen aus der beobachtbaren Wirklichkeit zu entwickeln. Ich kritisiere eine ideologisch – eben durch den von mir beschriebenen Tugendterror – verengte Sicht auf die Soziale Welt, den Menschen und die Gesellschaft, der unsere Medien und leider auch die Politik in Schach hält.

Sie sind doch aber der beste Beweis dafür, dass man in diesem Land alles sagen darf?

Mein Frau und ich mussten immerhin beide unsere Berufstätigkeit aufgeben. Ich zitiere im Buch auch Alexis de Tocqueville, der um 1830 als Franzose die amerikanische Demokratie beschrieben hat. Er zeigt wunderbar, wie der Gleichheitswahn dieser amerikanischen Gesellschaft verhindert, dass man bestimmte Positionen ohne soziale Ächtung vertreten kann. Es passiert einem gar nichts. Aber man wird nicht mehr veröffentlicht, man wird sozial isoliert, der Respekt wird verweigert. Tocqueville kommt zu dem Schluss, dass in einer ordentlichen Monarchie Europas mehr Gedankenfreiheit herrscht als in den USA 1830. Und das passt wunderbar auf die heutige Zeit. Der ideologisierte Gleichheitsbegriff, der alle Unterschiede zwischen sozialen Gruppen und Individuen wegdefinieren will, ist der Kern dessen, was ich Tugendterror nenne. Dabei bin ich natürlich der Auffassung, dass eine angemessene Umverteilung, die Vermeidung von Armut und die Angleichung von Lebensverhältnissen durchaus eine staatliche Aufgabe ist.

Ihre Partei SPD kommt nicht so gut weg im Buch. Warum sind Sie immer noch in einer Partei, die für den Tugendterror doch überaus anfällig ist?

Ich bin im Herbst 1973 in die SPD eingetreten und pflege nach wie vor viele Kontakte in der Partei, obwohl ich nicht mehr politisch aktiv bin. Viele haben mich unterstützt und tun dies weiterhin. Eine gewisse geistige Verarmung beobachte ich in allen etablierten Parteien. Da nehmen sich zum Beispiel SPD und Union gar nichts.

Hat der AfD-Chef Bernd Lucke mal angefragt, ob Sie nicht Chefideologe der AfD werden wollen?

Ich bin seit 40 Jahren in der SPD und werde mein Parteibuch nicht mehr wechseln. Es müssen ja auch vernünftige Leute in der SPD bleiben, wenn sie eine Volkspartei sein soll. Aber in Bezug auf die ökonomischen Fragen rund um den Euro versammelt die AfD gegenwärtig mehr Sachverstand in ihren Reihen als Union, SPD oder Grüne.

Die SPD ist anfälliger für den Tugendterror als andere Parteien, oder?

Nein, die Einschränkung zulässiger Meinungen ist auch in der CDU weit verbreitet. Der Ausfall von Kanzleramtsminister Pofalla gegen den Abgeordneten Bosbach „Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen“, war da sehr erhellend. Wer in Euro-Fragen nicht die Meinung der CDU-Zentrale hat wird gegenwärtig nicht mal stellvertretender Leiter der AG Verbraucherschutz.

Sie betonen ja immer die Bedeutung der Medien für den Tugendwahn. Aber in Zeiten des Internets kann doch jeder alles schreiben.

Öffentlichkeit entsteht nur, wenn man auch zur breiten Öffentlichkeit durchdringt. Die Medien haben dabei eine wichtige Selektionsfunktion, denn im Internet steht zu 90 Prozent Schrott. Die Lebenszeit ist aber zu kostbar, um Schrott zu sichten. In Zeitungen liest man vielleicht nur 70 Prozent Schrott, das ist dann schon ein Vorteil. Ob sich die Medien in der Online-Welt behaupten, wird sich daran entscheiden, ob sie ihren zahlenden Abonnenten ein vernünftiges Portal anbieten.

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