Technische Universität

Neuer TU-Präsident will für viele Fächer den NC abschaffen

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Regina Köhler

Foto: Massimo Rodari

Am 1. April nimmt an der Technischen Universität Berlin ein neuer Präsident seine Arbeit auf: Christian Thomsen. Er will dafür sorgen, dass künftig mehr junge Menschen an der TU studieren können.

Der Physiker Christian Thomsen, 54, wird am 1. April neuer Präsident der Technischen Universität Berlin (TU). Thomsen will die Studentenzahl deutlich steigern und dafür sorgen, dass sich mehr Frauen für Maschinenbau einschreiben. Seinen Führungsstil beschreibt er als konsenssuchend und kooperativ.

Berliner Morgenpost: Herr Thomsen, wie fühlen Sie sich kurz vor Ihrem Start als Präsident?

Christian Thomsen: Ich fühle mich gut, sogar besser als während der Kandidatur. Jetzt bin ich im Entscheidungsmodus und gespannt, was alles auf mich zukommt. Natürlich bin ich auch ein bisschen wehmütig. Ich werde die nächsten Jahre keine Physik mehr machen können. Ich habe die physikalischen Eigenschaften von Kohlenstoffsystemen erforscht, Grundlagenforschung, die dazu dient, elektronische Bauelemente noch schneller zu machen.

Sie haben angekündigt, mehr aus der TU zu machen. Was wollen Sie tun?

Unsere Leistungen müssen sich in unserem Renommee widerspiegeln. Daran müssen wir arbeiten. Wir sind sehr erfolgreich, das müssen wir deutlicher nach außen darstellen. Konkret heißt das, dass wir stärker mit der Berliner Industrie und auch großen deutschen Unternehmen kooperieren wollen. Mit der Telekom machen wir das schon. Weitere Unternehmen könnten folgen. Außerdem wollen wir Absolventen, die eine eigene Firma gründen möchten, noch besser unterstützen und damit die Zahl der Ausgründungen verdoppeln. Um das zu schaffen, müssen wir mehr Drittmittel einwerben und uns um EU-Fördermittel kümmern. Mehr Geld vom Land Berlin wird es nicht geben.

Sie wollen Zulassungsbeschränkungen aufheben und die Zahl der Studierenden erhöhen. Warum?

Zugang zu Bildung gehört meiner Meinung nach zu den wesentlichen Grundrechten des Menschen. Die TU hat vor etwa zehn Jahren einen flächendeckenden Numerus clausus eingeführt und damit strenge Restriktionen. Ich will das wenigstens teilweise zurücknehmen. Wir haben das für die Fächer Mathematik und Physik bereits vor zwei Jahren gemacht. Demnächst sollen auch die Fächer Chemie und Naturwissenschaften in der Informationsgesellschaft keinen Numerus clausus mehr haben. Weitere Fächer könnten folgen.

Besteht da nicht das Risiko, dass zu viele Studenten an die TU kommen? Schon jetzt sind Hörsäle und Seminarräume häufig überfüllt und die Betreuung der Studierenden ist nicht immer optimal.

Es gibt natürlich ein gewisses Risiko. Bei Mathematik und Physik haben wir festgestellt, dass die Zahl der Studienanfänger zwar gestiegen ist, als der Numerus clausus wegfiel. Zu einer Überflutung der Uni ist es aber nicht gekommen. Es kann natürlich sein, dass der eine oder andere Studiengang künftig doppelt so voll ist, es enger wird und Leute auf der Treppe sitzen müssen. Aber das Grundrecht auf Bildung geht vor.

Was wollen Sie noch ändern für die Studierenden?

Mein Wunsch ist es, dass wir ein Studium generale einführen und zwar für alle, die bei uns studieren wollen. Ein Jahr lang sollen sie möglichst viele Fächer ausprobieren dürfen, um genau herauszufinden, was dahintersteckt und was ihnen liegt. Manche werden auf diese Weise auch herausfinden, dass sie gar nicht für die Uni geeignet sind. In diesem einen Jahr können die Studierenden etwa 30 Leistungspunkte anerkannt bekommen. Zum Abschluss erhalten sie ein Zertifikat.

Was bringt ein solches Jahr noch für die Studierenden?

Sie erkennen schneller, was ihnen wirklich liegt, und können dann effektiver studieren. Das dürfte die hohe Abbruchquote senken. Außerdem erweitert dieses Angebot den Horizont der jungen Menschen. Die Fakultät, die ich bisher geleitet habe, bietet ein solches Orientierungsstudium bereits seit zwei Jahren an. Es heißt MINTgrün und umfasst die Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Bei den Studierenden kommt es sehr gut an. Wir wollen so ein Orientierungsstudium deshalb jetzt auf die Geistes- und Wirtschaftswissenschaften ausweiten. Wobei ich mir vorstellen kann, es später über die gesamte Universität zu erstrecken.

Praktizieren andere Universitäten das auch?

Ja, an der TU München machen sie das so und auch an der Universität in Tübingen. Ich habe dort studiert und durch ein derartiges Angebot zur Physik gefunden. Ursprünglich wollte ich Volkswirtschaft oder Jura studieren, von diesen Berufen hatte ich eine Vorstellung. Während des Orientierungsstudiums habe ich dann herausgefunden, dass mir Physik gefällt, und auch erfahren, was man mit so einem Studium alles machen kann.

Für all diese Vorhaben brauchen Sie Geld. Wie ist es um die finanzielle Situation der TU bestellt?

Die Hochschulverträge sehen vor, dass wir in den kommenden vier Jahren 2,5 Prozent mehr Geld vom Land Berlin bekommen. Das reicht gerade für den Betrieb der Universität, aber nicht für nötige Baumaßnahmen. Einen riesigen Investitionsstau werden wir also weiter vor uns hertragen müssen.

Mehr Personal können Sie auch nicht einstellen, oder?

Nein, wir können nicht mehr Leute einstellen. Aber wir können Schwerpunkte verschieben. Das heißt, wir können bestimmte Bereiche wie etwa die Biotechnologie ausbauen, andere müssen wir dafür aber runterfahren. Alle Fakultäten müssen jetzt einen Entwicklungsplan aufstellen und festlegen, in welche Richtung sie in den kommenden zehn Jahren forschen wollen und wo Professuren ausgebaut werden müssen.

Das wird nicht ohne Diskussionen abgehen?

Das stimmt. Doch die Atmosphäre an der Uni ist sehr positiv. Ich habe mit einer hohen Stimmenzahl die Wahl zum Präsidenten gewonnen und werde jetzt entsprechend unterstützt.

Sie möchten aber auch Studieninhalte ändern und dafür sorgen, dass mehr Frauen an der TU studieren. Auch das wird bestimmt nicht nur positiv aufgenommen?

Nein, ich stoße da schon auf Widerstand. Aber die Gesellschaft hat sich in den vergangenen Jahren sehr verändert. Harte Ingenieurfächer wie etwa Maschinenbau haben darauf jedoch nicht reagiert und sind inzwischen in ihrer Ausgestaltung nicht mehr zeitgemäß. Frauen interessieren sich deshalb nicht dafür. Da müssen wir gegensteuern. Wer Maschinenbau studiert, sollte künftig auch mit Design zu tun haben können. Dadurch wird das Fach moderner und attraktiver. Ein anderes Beispiel ist die Tatsache, dass wir zum Wintersemester erstmals den Studiengang Medieninformatik anbieten werden. Zusammen mit der Freien Universität. Aus dem Zusammenführen der Themenfelder Medien und Informatik versprechen wir uns viel.

Für die Berufsschullehrerausbildung bewerben sich nicht nur zu wenige Frauen, Sie haben überhaupt zu wenig Interessenten. Was wollen Sie tun?

In den Hochschulverträgen wurde uns vorgeschrieben, dass wir im Bereich Lehrerbildung jährlich 100 Absolventen entlassen müssen. Es sind aber nur knapp 60. Wir wollen deshalb jetzt verstärkt Menschen ansprechen, die bereits einige Jahre im Beruf gearbeitet haben und sich vorstellen können, Berufsschullehrer zu werden. Wir setzen auf Quereinsteiger. Außerdem wollen wir Interessenten aus dem Ausland gewinnen, etwa mit speziellen Stipendien. Für dieses Projekt beantragen wir jetzt EU-Mittel.

Wie wollen Sie die Lehre verbessern?

Wir haben vor, in Grundlagenveranstaltungen wie Mathematik zunächst keine Noten, die gewertet werden, zu geben, um Druck für die Studierenden rauszunehmen. Gerade Mathematik ist oft angstbesetzt. Die Studenten müssen die entsprechenden Kurse einfach nur bestehen. Mit speziellen Unterrichtsmethoden, wie interaktiven Vorlesungen, wollen wir zudem erreichen, dass die Studierenden gern zur Uni kommen, um dort zusammen mit anderen zu lernen und nicht mehr so viel Zeit zu Hause verbringen, um Gehörtes zu rekapitulieren.